Mit dem Moorgrünland muss etwas passieren: Rund 100 Naturschützer und Wissenschaftler der Uni Oldenburg und der Biologischen Schutzgemeinschaft Hunte-Weser-Ems haben ein Positionspapier verfasst, in dem sie sowohl das Landwirtschafts- als auch das Umweltministerium auffordern, umgehend zu handeln. Einer, der daran mitgearbeitet hat, ist Rainer Buchwald, Professor für Vegetationskunde und Naturschutz an der Uni Oldenburg. Er erklärt, warum Politik, Landwirtschaft und Naturschutz keine Zeit mehr verlieren dürfen, um die Weichen für eine moorschonende Bewirtschaftung unter Berücksichtigung der Klimaziele und der finanziellen Absicherung der betreffenden landwirtschaftlichen Betriebe zu stellen.

Zur Person

Rainer Buchwald ist Professor für Vegetationskunde und Naturschutz an der Universität Oldenburg. Er ist spezialisiert auf die Ökologie spezieller Lebensräume in Mitteleuropa sowie zahlreicher Pflanzen- und Tierarten, zum Beispiel in Heideweihern lebender schutzbedürftiger Blütenpflanzen wie Wasser-Lobelie, Strandling und See-Brachsenkraut.

Im Oktober 2021 wurde Buchwald zum Vorsitzenden der Biologischen Schutzgemeinschaft Hunte Weser-Ems gewählt.

Als einer der renommiertesten Libellenkenner leitete Buchwald von 1996 bis 2000 das LIFE-Projekt der EU „Artenschutzprogramm für gefährdete Libellenarten in SW-Deutschland“.

Warum braucht es ein solches Positionspapier?

BuchwaldDie Zeit drängt. Das Positionspapier soll den Stand der inzwischen mehr als 15-jährigen Diskussion um Moor-Grünland wiedergeben und die Notwendigkeit aufzeigen, dass seit Jahren dringender Handlungsbedarf besteht.

Sie fordern Sie die beiden Ministerien auf, umgehend die nächsten Schritte einzuleiten – die da wären?

BuchwaldAls erstes müsste ein kleiner Expertenrat einberufen werden, der die Kriterien für eine zukünftige Bewertung der bisher genutzten Moorflächen festlegt. Im zweiten Schritt müssten innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre alle hydrologisch einheitlichen Moorkomplexe bewertet werden. Dann müssten die Landwirte und sonstigen Landnutzer unter Berücksichtigung der Ergebnisse beraten werden, wie es weitergeht. Die Umsetzung des Entscheidungsprozesses erfolgt ab 2025 oder 2026 partizipativ und individuell für jeden Moorkomplex. Eine fachliche Unterstützung sichern Wissenschaft und Naturschutz zu. Angesichts der lokalen bis globalen Biodiversitäts- und Klimakrise sowie der ungesicherten Zukunft von Moor-bewirtschaftenden Betrieben gibt es für ein schnelles Handeln keine Alternative!

Wie könnten Landwirte das Moor künftig bewirtschaften?

BuchwaldDa gibt es verschiedene Optionen, die gegeneinander abgewogen werden müssen: Die intensive Nutzung mit starker Entwässerung, die extensive und Pflege-Nutzung mit geringer Entwässerung, also höheren Wasserständen im Sommerhalbjahr, aber auch die Vernässung in Kombination mit Paludikulturen oder Waldentwicklung.

Wie stellen Sie sich eine moorschonende Bewirtschaftung vor?

BuchwaldEine moorschonende Bewirtschaftung bedeutet, dass die Intensität der Bewirtschaftung heruntergefahren werden muss, indem die winterlich hohen Wasserstände bis etwa Anfang/Mitte Juni – zum ersten Grasschnitt oder Weidegang – aufrechterhalten werden müssen. Ein zweiter und in witterungsbezogen günstigen Jahren auch ein dritter Schnitt oder Weidegang sind möglich und sinnvoll. Eine Narbenerneuerung des Grünlandes und regelmäßiger Umbruch mit Neueinsaat sind dann aus Gründen des Biotop- und Klimaschutzes nicht mehr möglich.

...was deutliche Auswirkungen auf die Situation der Milchbauern hätte.

BuchwaldJa, das stimmt. Das müsste durch höhere Preise für Milch und Milchprodukte und/oder durch höherer Zuschüsse von Seiten des Landes oder Bundes aufgefangen werden.

Die Landwirte beklagen, dass längst nicht alle Flächen geeignet sind, um wiedervernässt zu werden. Was sagen Sie dazu?

BuchwaldDa haben sie recht. Zur tiefgreifenden Vernässung, also ohne zukünftige Nutzung, würde ich nur solche Flächen vorschlagen, die sowohl aus landwirtschaftlicher als auch aus Naturschutz-Sicht wenig sinnvoll sind, weiter gepflegt oder bewirtschaftet zu werden. Kriterien dafür müsste aber der eingangs erwähnte Expertenrat möglichst noch in diesem Jahr erarbeiten. Flächen, die weiter bewirtschaftet oder gepflegt werden sollen, dürfen nur partiell vernässt werden, damit sie weiter befahrbar sind.

Wie können Sie und Ihre Kollegen konkret helfen?

BuchwaldEs geht darum, dass jeder räumlich abgrenzbare Moorkomplex bewertet wird, ob und in welcher Weise er sich für eine zukünftige Bewirtschaftung oder Pflege eignet. Das ist gut möglich unter Einbeziehung der Kriterien Wasser, Boden, Biodiversität und betriebswirtschaftlicher Aspekte. Ein Expertengremium muss die genauen und überschaubaren Kriterien festlegen. Forschung ist zwar auch weiterhin wichtig, doch brennen die ökologischen und sozioökonomischen Probleme um die Moornutzung derart, dass es dringend notwendig ist, die vorgesehene Bewertung und anschließende Beratung und Umsetzung zügig in Gang zu bringen!

Katja Lüers
Katja Lüers Reportage-Redaktion