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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

82 Prozent wollen ihren Besitz nicht zurück

29.08.2015

Oldenburg Es ist ein unscheinbarer Nebenraum im Erdgeschoss des Bürgerbüros. Streng verklebte Tüten pressen sich hier in Metallregalen eng aneinander, rotleuchtende Nike-Schuhe und neongelbe Skier-Taschen setzen farbige Akzente. Große Schätze sind hier zwischen hunderten Fundstücken nicht zu erwarten – zumindest keine von immensem materiellen Wert. Dafür aber Erinnerungen und Geschichten, die manchem Oldenburger einmal viel wert waren. Zumindest 18 Prozent derer, die ihren Besitz verloren hatten. Denn sehr viel mehr holen sich ihr einstiges Eigentum nicht zurück, fragen nicht danach – und vermissen ihn möglicherweise nicht einmal. 82 Prozent aller Fundstücke bleiben also im Regal liegen. Geschichten, Erinnerungen, Werte.

Da ist der kleine Teddy mit einem Smiley-Pflaster an seinem linken Flauschearm. Die glänzende Trompete. Drohnen. Ein halbes Gebiss. Das Schlauchboot. Und Schlüssel. Jede Menge Schlüssel.

In den vergangenen zwölf Monaten – also von August 2014 bis heute – waren es derer 513. Mit Delfinanhängern, mit Stoffmakaken oder Runenscheiben daran. Jeden Monat füllt Heike Robotta, Mitarbeiterin im Fundbüro der Stadt, so eine ganze Kiste allein mit Schlüsseln.

Hinzu kamen innerhalb eines Jahres 385 Dokumente (Ausweise und Führerscheine), 183 Handys, 175 Brillen, 80 Geldbörsen und mehr als 700 weitere Fundstücke, darunter Kinderwagen, Hörgeräte und anderes.

3344 Fundstücke zählt die interne Statistik für diesen Zeitraum, das klingt enorm viel – ist aber Standard. Viel verwunderlicher scheint da die Zahl der – nennen wir sie mal: verlorenen – Fahrräder. 1516 waren es, also fast die Hälfte von allem hier verwalteten Fremdbesitz. Die können natürlich nicht allesamt im Bürgerbüro gelagert werden. Dafür hat die Stadt eine „Außenstelle“ eingerichtet: eine Scheune, irgendwo in Oldenburg. Trotz des zumeist sehr guten Zustands der Räder werden lediglich 12 Prozent von ihren rechtmäßigen Besitzern wieder abgeholt. Ein Grund könnte sein, dass die „Oldenbürger“ gut versichert sind und lieber aufs Rad als aufs Geld verzichten.

Apropos: Ehrlich sind sie nicht minder. „Es ist erstaunlich, wie viele Kleinbeträge an Bargeld bei uns abgegeben werden“, sagt Angela Pauka (Leiterin des Bürgerbüros Mitte). Nicht minder erstaunlich aber auch, wie viele Menschen ihr Geld verlieren. Tatsächlich erreichen das Fundbüro immer wieder mal 50- oder 100-Euro-Scheine.

Keine Ermittler

Da werden potenzielle Anmelder natürlich nicht nach Farbe oder Aufdruck der Scheine gefragt, sondern nach Fundort, Zeiten und Besonderheiten. Es muss ja alles seine Richtigkeit haben. So wie vor drei Jahren, als plötzlich 17 000 Euro im Fundbüro abgegeben wurden. Die hatte ein Mensch damals in einer Bank vergessen, konnte aber zu seinem Glück ausfindig gemacht werden.

Grundsätzlich gilt: „Das Fund- ist kein Ermittlungsbüro“, so Heike Robotta – auch wenn man sich in Einzelfällen schon um eine aktive Klärung bemüht. Denn kurios ist es ja schon: „Wenn die Menschen etwas verlieren, denken sie nie ans Fundbüro“, sagt sie. Wenn sie aber anderen einen Rat geben sollen, werde dieser Tipp als erstes genannt.

Sechs Monate haben die schludrigen oder bestohlenen Besitzer Zeit, sich an die städtische Einrichtung zu erinnern. Danach sind Fundbüros nicht mehr verpflichtet, die Stücke aufzubewahren. Was nicht in die Versteigerung geht, wird dann entweder entsorgt, geht an soziale Einrichtungen – oder wird dem Finder auf Wunsch überlassen. Jüngst am Donnerstag kam ein aufmerksamer Oldenburger so an ein hochwertiges Lastenfahrrad. Ehrlichkeit wird halt doch noch belohnt.

Hier am Pferdemarkt werden auch all die Dinge angeliefert, die in Oldenburgs großen Kaufhäusern und Institutionen angefallen sind. Ikea, Famila, Baumärkte, auch die Weser-Ems-Halle und das Olantis. Zumindest alles ab einem augenscheinlichen Wert von zehn Euro. Interne Fundsachen unter dieser magischen Wertgrenze wandern früher oder später in eine kleine „Verschenkebox“, aus der sich Besucher etwas herausnehmen dürfen.

Für Heike Robotta selbst geben die Fundstücke erst nach und nach ihre Geheimnisse und Geschichten preis. Der Siegelring des Vaters, der Ehering des verstorbenen Partners, die Rosenkranzkette der Urgroßmutter. Dinge von Wert, emotionale Schönigkeiten. „Weinen und Lachen, Tränen vor Freude – all das erleben wir hier“, sagt sie.

Vergessen und verloren

Vielleicht ja auch nach diesem Wochenende. Denn Stadtfest oder auch Kramermarkt füllen die Metallregale schlagartig: Geldbörsen, Kleidungsstücke und Räder sind die klassischen Fundstücke. Sogar ein BH in Größe 95F liegt noch immer aus dem letzten Jahr auf Lager – und dessen sicherlich spannende Geschichte würde Heike Robotta ja schon gern kennen.

Dann gibt es aber auch diese Momente, in denen sie einfach hilflos ist. Dann, wenn Menschen sie über Jahre hinweg erfolglos nach einer bestimmten Vermisstensache fragen. Dann reicht es trotz aller Hilfsbereitschaft nur noch für Lebensweisheiten. „Haken Sie es doch mal ab, Sie machen sich nur verrückt“, sagt sie dann. Wirklich nicht gern.

Denn verloren ist ja nicht gleich vergessen. Aber Vergessenes ist nun mal unweigerlich irgendwann verloren.


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Marc Geschonke
Redakteur
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2107

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