• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Schrill – und das ist gut so

17.06.2015

Frage: Herr Bölle, schrille Kostüme, laute Musik – ist der Christopher Street Day heute als buntes Spektakel nur eine bessere Love-Parade?
Bölle: Der CSD ist vor allem eine politische Kundgebung. Das werden wir auch am kommenden Sonnabend zeigen. Erstmals gibt es um 12 Uhr zum Auftakt des Demonstrationszuges an der Rosenstraße eine symbolische Aktion, die mit dem diesjährigen Motto „Achtung! Bildung gefährdet Ihre Homophobie!“ zusammenhängt. Die politische Seite des Tages ist immer noch präsent und immens wichtig. Wir feiern unsere bisherigen Erfolge, aber die Party steht nicht im Vordergrund. Wir protestieren einfach sehr bunt und kreativ. Es ist Ausdruck unseres Lebensgefühls und der schwul-lesbischen Kultur.

Live-Ticker zum CSD

Rein ins Getümmel: Bereits ab 11 Uhr berichtet NWZonline live vom CSD aus der Oldenburger Innenstadt. Die Online-Redaktion liefert Videos, Bilder und jede Menge Stimmen und Infos vom Demonstrationszug sowie der Abschlusskundgebung in Echtzeit.

   

   www.nwzonline.de

Frage: Aber befördert das extravagante Auftreten nicht gerade Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben?
Bölle: Wenn es eine mausgraue Veranstaltung wäre, würde niemand Notiz vom CSD nehmen. Schwules Leben ist immer als schrill wahrgenommen worden. Deswegen finde ich es auch völlig okay, das an diesem Tag zu verbildlichen. Natürlich spielt man dabei auch mit Klischees und beweist ein Stück weit Selbstironie. Der Party-Charakter hilft, Berührungsängste abzubauen. Es ist doch toll, wenn Leute sich von der positiven Stimmung anstecken lassen und sagen: „Da laufe ich gerne mit“.
Frage: Wieso braucht es in vermeintlich aufgeklärten Zeiten noch den CSD?
Bölle: Wir sind eine Minderheit. Es ist wichtig, Präsenz zu zeigen und deutlich zu machen, dass wir eine eigene Kultur haben. Dass wir über anderes lachen als ein Hetero. Dass wir untereinander allerdings genauso unterschiedlich und bunt sind, wie Heteros auch. Denn Bier am Ballermann mag typisch sein für Hetero-Männer, aber sicher nicht stereotyp für jeden von ihnen. Wir wollen zeigen, dass Klischees stimmen und doch falsch sind. Anerkennen, dass es alles gibt, aber ich mir sicher nicht alles gefallen muss.
Frage: Erleben Sie in Oldenburg Diskriminierung?
Bölle: Schwule und Lesben können sich hier in einem weitgehend angstfreien Umfeld bewegen. Die Stadt ist sehr offen. Vor gewissen Läden muss man aber leider mit Sprüchen rechnen. Und ja, wenn gleichgeschlechtliche Partner Händchen halten oder sich küssen, gibt es immer noch Menschen, die sie schief angucken.

CSD-Demonstration: Erstmals Werder Bremen dabei – Straßen gesperrt

Der Demonstrationszug am Sonnabend, 20. Juni, ist der Höhepunkt der Veranstaltungen zum Christopher Street Day. Mit dabei sind erstmals Fußball-Bundesligist Werder Bremen mit einer Abordnung und das Oldenburgische Staatstheater. Erwartet werden rund 10 000 Teilnehmer und Besucher.

Der Zug startet an der Rosenstraße. Ab 12 Uhr wollen sich Fußgruppen und bis zu zwölf Wagen in Bewegung setzen. Die Route führt über Stau, Staugraben, Am Stadtmuseum, Pferdemarkt, 91er Straße, Heiligengeiststraße, Lange Straße, Haarenstraße, Julius-Mosen-Platz, Heiligengeistwall, Staulinie, Poststraße und Paradewall zum Schlossplatz. Für den Kfz-Verkehr werden die Rosenstraße und Bahnhofstraße bereits ab 9 Uhr gesperrt.

Das Abschlussfest beginnt dort gegen 14 Uhr. Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD) steht ebenso auf der Rednerliste wie Landtagsabgeordneter Belit Onay (Grüne) sowie Ratsherr Jens Ilse (Linke) und Christoph Baak (CDU). Die FDP hat noch keinen Redner benannt.

Organisiert wird der CSD vom Verein Lesben- und Schwulentag (LuST). Sprecher Kai Bölle (40) gehört zum siebenköpfigen Vorbereitungsteam.

Frage: Also ist es noch ein weiter Weg?
Bölle: Der Kampf ums Frauenwahlrecht hat auch 200 Jahre gedauert. Wir sind noch lange nicht am Ziel. Zumal Gesetze nicht automatisch Gedanken und Einstellungen ändern. Homophobie in den Köpfen ist noch unvermindert da. Schwul ist noch immer das Schimpfwort Nummer eins auf Schulhöfen. Ich kann Vorurteile nur entkräften, wenn ich Erfahrungen schaffe. Indem ich Menschen damit konfrontiere, was sie nicht kennen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden. Um den Mut zu haben, zu mir selbst zu stehen, hilft es, wenn ich weiß, dass ich nicht alleine bin und wenn ich einen Rahmen habe, in dem ich mich ausprobieren kann. Wo ich mich in einer Masse von Gleichen befinde. Wo ich selbst erlebe, dass ich normal bin und wir viele sind. Gerade dieser Punkt macht für mich den CSD heute weiterhin so wichtig.
Frage: War der vergangene Freitag mit der Bundesratsresolution zugunsten der „Ehe für alle“ ein guter Tag für homosexuelle Paare?
Bölle: Das ist ein Meilenstein, für den wir lange auf den Straßen demonstriert haben, und ich bin sehr froh, dass ausgerechnet mein Bundesland hier voran geht. Das Signal, das von dem Beschluss ausgeht, ist für die CSD-Organisatoren sehr wichtig. Die überwiegend SPD-geführten Landesregierungen zeigen damit, dass sie im Gegensatz zur Bundesregierung und auch der Bundes-SPD nicht länger auf die Gleichberechtigung warten wollen und ihre Versprechen aus dem letzten Wahlkampf ernst meinen. Die CDU macht Stimmung auf niedrigstem Niveau, Argumente gegen die vollständige Gleichstellung der Homo-Ehe gibt es schon lange nicht mehr. Das Unwohlsein, das Kanzlerin Merkel beim Gedanken an die Homo-Ehe plagt, kann keine Grundlage einer fortgesetzten Diskriminierung mehr sein. Nun muss sich der Bundestag mit dem Thema beschäftigen. Unsere und weitere CSD-Demonstrationen werden den Druck hochhalten.
NWZplay zeigt einen Beitrag zum Thema: „Ist Oldenburg ein ,Eldorado‘ für Homosexuelle?

Mehr Infos im Spezial unter
  www.nwzonline.de/csd-oldenburg 
Stephan Onnen
Redakteur
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2114

Weitere Nachrichten:

SPD | CDU | Christopher Street Day | Love-Parade