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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Arbeiten von Helene Kempin entdeckt

05.03.2016

Oldenburg Von dem vergilbten Blatt schaut eine junge Frau herausfordernd in die Zukunft. Wovon mag Helene Schulz 1918 geträumt haben, als sie sich zeichnete? Damals studierte die 22-Jährige an der Münchner Kunstakademie. Die „blauen Reiter“ hatten wenige Jahre zuvor die Szene gründlich revolutioniert und wie man heute weiß – Kunstgeschichte geschrieben. Frauen wie Gabriele Münter (1877-1962) und Marianne von Werefkin (1860-1938) waren nicht nur Arabesken an der Seite der Expressionisten Wassily Kandinsky (1866-1944) und Alexej von Jawlensky (1864-1961), sondern sie stellten als Malerinnen eigene Bilder aus. Doch auch sie standen ein Leben lang im Schatten der Männer

Vielleicht ist Helene Schulz ihnen in Schwabing begegnet. Ihr Strich verrät, dass sie 1918 keine Anfängerin mehr ist. Hier Schatten, dort Kontur, ein wenig Rötel wie ein Hauch Rouge auf den Wangen. Scheinbar zufällig setzt sie mutig auf die Haube ein breites Weiß, das zuviel Lieblichkeit des Bildes stört. Ob sie Künstlerin werden wollte? Sie, die Tochter eines Juristen aus wohlhabendem Haus in Lothringen, geboren am 17. Oktober 1896 in Lörchingen als Helene Schulz-Dubois. Das Leben einer weltläufig gebildeten Tochter, die in Straßburg, München und Frankfurt studiert, schien vorgezeichnet. Doch es kommt anders.

Helene Schulz lernt in München die aus Varel kommende Kunststudentin Magarethe Kruckenberg (1890-1975) kennen und besucht sie in Oldenburg. Während des Aufenthalts verliebt sie sich in Wilhelm Kempin (1885-1951), Sohn einer Osternburger Glasbläserfamilie – und nicht eben standesgemäß. Der Maler hat bis heute einen klingenden Namen in der Kunstgeschichte Oldenburgs und zählt zur Kreyenbrücker Künstlerkolonie.

Helenes Eltern unterstützen die Familie nach der Hochzeit 1922 immer wieder, Geld zerrinnt ihm zwischen den Fingern. Helene Kempin verzichtet auf ihre künstlerische Laufbahn, lebt als Ehefrau und Mutter von vier Kindern an der Seite ihres Mannes. Heute kennt sie kaum jemand. Geschweige denn, dass ihre meisterlichen Zeichnungen je in einer Ausstellung zu sehen gewesen wären. Stattdessen verstaubten sie in der Kreyenbrücker Abseite des Kempinschen Atelierhauses – ebenso vergessen wie sie selbst.

Was aus ihr hätte werden können, beweisen ihre Bilder: In den Sälen der Akademien in München und Frankfurt zeichnete sie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Akt um Akt, Porträt um Porträt. Ans Tageslicht kommen die etwa 100 schönen, leicht vergilbten Blätter durch Zufall; gerettet vor der Schaufel des Abrissbaggers.

Das Kempinsche Atelier-Haus an der Mönnichstraße wird abgerissen und muss aufgelöst werden. Für Kempin-Enkelin Kathrin von Coburg kein einfacher Gang. Sie hatte das alte Haus schon beinahe verlassen, als sie eine Holzklappe in einer Wand entdeckt. „Dort haben wir diese Mappe, diesen Schatz mit den hundert Blättern unter Staub und Spinnenweben gefunden“, erzählt Kathrin von Coburg, geborene Kempin. Die Physiotherapeutin hört auf den klangvollen Namen einer Prinzessin von Sachsen-Coburg und Gotha, Herzogin zu Sachsen, seit sie mit einem Adeligen verheiratet war.

In der Mappe entdeckt Kathrin von Coburg feine Porträts und viele naturalistische Aktzeichnungen, die den feinen Strich und das Können Helene Kempins beweisen. „Dafür wollte ich mir einige Rahmen machen lassen“, berichtet sie. So kommt sie zu Karsten Lampe in die Baumgartenstraße. Auch er begeistert sich für die Zeichnungen und deren Geschichte. Dritte im Bunde ist Ulrike Kafka von „Kafkas Ungewöhnlich“. Und so entsteht die Idee einer kleinen Ausstellung im Café Innenleben.

„Ich wünsche mir, dass Helene auch einmal eine Würdigung bekommt“, sagt Kathrin von Coburg. Ihr bereits verstorbener Vater habe immer liebevoll von seiner Mutter gesprochen. „Sie hat sich sehr warmherzig um die Kinder gekümmert, auch wenn sie in ihrer Ehe nicht so glücklich war.“ Sie starb am 23. Februar 1944. Ein halbes Jahr zuvor war ihr ältester Sohn als Pilot tödlich verunglückt.

Sabine Schicke
stv. Redaktionsleitung
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2103

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