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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Literatur: Aus alten Briefen pralle Familiengeschichte destilliert

20.11.2013

Oldenburg Es heißt, man bleibe Tochter oder Sohn seiner Eltern, egal wie alt man ist. Ein Eltern-Kind-Verhältnis bestehe lebenslang, Entkommen unmöglich. Martina E. Siems-Dahle hat da weiter gehende Erfahrungen gemacht: Sie hat entdeckt, dass elterliche Erziehungsvorstellungen auch über den Tod hinaus fortbestehen. In einem sehr persönlichen Buch erzählt sie von diesen Erfahrungen, indem sie ihre Eltern „sprechen“ lässt.

In Wechloy aufgewachsen

Martina E. Siems-Dahle, Journalistin und ehemalige Tänzerin am Oldenburgischen Staatstheater, die vor über 30 Jahren ihren Heimatstadtteil Wechloy verließ und heute mit ihrer Familie in Köln lebt, hatte 2008, nach dem Tod ihrer Mutter, deren Nachlass gesichtet und war auf einen Schatz der besonderen Art gestoßen: Hunderte von Briefen, Notizen und Gedichten, ordentlich abgeheftet und zurückweisend bis auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, lagerten da in alten Akten. Nach einigen Jahren des Durcharbeitens und Bewertens hat Siems-Dahle (Jahrgang 1958) aus den Dokumenten nun ein Buch gemacht: „Briefe lügen nicht. Wie wir wirklich waren. Eine Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts“ heißt ihr biografischer Roman.

Greifbare Nähe entsteht

Es ist eine Oldenburger Familiengeschichte der besonderen, vor allem der sehr ins Private reichenden Art. Im Wechsel von eigener Erzählung, Anekdoten und langen Zitaten aus den überlieferten Briefen schildert die Autorin, was drei Generationen taten, dachten und fühlten, aber auch wie sie die Zeit, in der sie lebten, bewerteten.

Auf diese Weise entsteht für den Leser eine fast greifbare Nähe zu einer Oldenburger Familie, die Höhen und Tiefen erlebt hat wie so viele andere auch – mit dem Unterschied, dass ihre Erlebnisse der Nachwelt dank schriftlicher Zeugnisse erhalten bleiben. Da geht es um die Korrespondenz von Großvater und Vater, um das Leben im Nationalsozialismus, um Briefe ihrer späteren Mutter an Soldaten an der Front, aber auch um typische 70er-Jahre-Debatten zwischen der pubertierenden „Tini“ und ihren Eltern, einschließlich vieler Verweise auf die Oldenburger Szene jener Tage.

Wichtig: Trotz mancher schwieriger Situation im Familienleben ist der Grundton des Romans heiter. „Ein trauriges Buch ist es nicht“, betont Siems-Dahle denn auch. Und tatsächlich bekommt die Geschichte da ihr schönstes Lokalkolorit, wenn die junge Martina die Tanzschule Beuss besucht, ihren ersten Freund hat und überhaupt ganz den Teenager-Trotzkopf gibt. Indem die Briefe solche kleinen und großen Konflikte beschreiben, werden sie wiederbelebte Stadtgeschichte, vom Privaten ins Öffentliche, bei dem sich jeder Jugendliche jener Generation wiederfinden kann.

Der Roman von Martina Siems-Dahle, der so wenig hat vom fiktiven Charakter eines jeden Romans, dafür aber um so mehr pralles Familienleben bietet, kommt einem wunderbaren Abend am Kamin gleich mit Großeltern, Eltern und Kindern – auch dank des unangestrengten Erzählstils der Autorin.

Ein Oldenburg-Buch der ganz anderen Art, sicherlich, aber gerade deshalb lesenswert. Manchmal ist es ein Glück, dass früher Menschen sich die Mühe machten und Briefe schrieben – anstatt wie heute eine SMS.

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Klaus Fricke
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