• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Musik: Beflügelt von Klavier-Rarität

10.03.2016

Oldenburg Manchmal lässt Ulrich Punke schon mal eine Mahlzeit ausfallen. Dann reicht dem Klavierbauer ein Croissant. Die Zeit drängt, der eigene Ehrgeiz auch. Druck von allen Seiten. Der eine Druck kommt vom Termin: Am 13. März muss der Erard-Flügel, gebaut 1850 in Paris, in einem Konzert im Oldenburger Schloss eine gute Figur abgeben. Den zweiten Druck macht Punke sich selbst. Historische Instrumente zu restaurieren – das ist seine Leidenschaft.

Premiere mit Chopin

Das Wort „Restaurieren“ ist eine glatte Untertreibung. Punke (46), Geschäftsführer und Werkstattleiter im Pianohaus Rosenkranz am Waffenplatz, bereitet das Instrument auf nichts weniger als ein drittes Leben vor. Alte Farbschichten hat seine Werkstatt abgezogen, Teile neu hergestellt, abgebrochene Verzierungen ersetzt, Saiten aus weichem Stahldraht wie im Original aufgezogen. Historischer Klavierklang wird heute als höchst lebendig empfunden. „Man muss damit mal Beethoven oder Schubert hören“, sagt Punkte und schnalzt mit der Zunge.

Offiziell zu hören sein wird erst einmal Chopin. Katharina Hack (21) spielt am 13. März (Sonntag, 18 Uhr) zusammen mit der Kammersinfonie Oldenburg sein 2. Klavierkonzert f-Moll von 1830. Die ausgeprägte Individualität historischer Flügel reizt die Pianistin aus Köln. „Für den Interpreten klären sich entscheidende Mysterien des Notentextes“, sagt sie. „Man versteht, was der Komponist erreichen wollte. Das Publikum erlebt den Klang oft transparenter und direkter als bei modernen Flügeln.“

Die von Sébastien Erard 1780 gegründete Firma wurde zur Mitte des 19. Jahrhunderts hin zum weltweit führenden Klavierbauunternehmen. Zu den revolutionären Erfindungen zählte die Repetiermechanik mit doppelter Auslösung: Sie ließ die Hämmer sofort zurückschnellen und ermöglichte virtuose Spielweisen wie später bei Liszt.

Nummer 22.128 hat Punke in Frankreich aufgespürt, im Städtchen Gien an der Loire. Doch grade dieses Instrument aus Mahagoni war von Erard zunächst nicht verkauft worden. „Wir haben schnell herausgefunden, dass es als besonders hochwertig eingestuft wurde“, sagt der Oldenburger. „Solche Instrumente warben für Qualität der Hersteller und wurden nur für Konzerte vermietet.“ Derart inspiriert verbrachte 22.128 zehn Jahre lang sein erstes Leben.

160 im Keller

Das zweite war wohl weniger glanzvoll. Ein Marquis de Montebise kaufte den Flügel 1861, zu einem auf heutige Kaufkraft umgerechneten Preis von 55 000 Euro. Aber er muss dann fast 160 Jahre in einem feuchten Gemäuer abgestellt und wenig gespielt worden sein, mit entsprechenden Spuren.

Doch Punke kam seinen Qualitäten schnell auf die Schliche. „Einen kräftigen und schönen Klang“ hörte er bei dem 2,48 Meter langen Konzertflügel heraus. Auch der längliche Resonanzboden birgt eine besondere Feinheit. „In der Basslage sind alte Hölzer mit weiten Jahresringen verwendet worden“, erläutert der Restaurator. „Zum Diskant hin werden sie immer enger. Die längliche Anordnung bringt einen sehr klar abgesetzten Klang heraus.“

Lyrischer Klang

Pianistin Hack begeisterte sich aktuell beim Einspielen an einer klanglichen Finesse. „Über das linke Pedal tut sich eine ganze Welt der Klangverfärbung auf“, sagt sie. „Normal klingt der Flügel stark, im Bass voll und im Diskant klar und brillant – mit dem linken Pedal wird der Klang auf einmal leiser, intimer, lyrischer.“ Zu 22.128 fasste sie sofort eine innige Zuneigung.

Punke kann das gut verstehen. „Ein solcher Erard ist ja nicht als Vorstufe für die heutige Klavierwelt zu sehen“, führt er aus. „Eine solche Konstruktion gilt als Krönung des Klavierbaus im 19. Jahrhundert.“ Frohen Herzens kann er Erard 22.128 in sein drittes Leben schicken. Er wird dort viele Freunde finden.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.