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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

„Bitte teilen, nicht wegschauen!“ – Oldenburg zeigt Herz

27.03.2017

Oldenburg „Wenn man alles verliert, hat man das Gefühl, man ist irgendwie auf der falschen Seite des Lebens.“

An einem grauen, verregneten Vormittag steht da dieser Mann in speckiger Jacke und schmutzigen Schuhen in der Supermarktschlange. Vor ihm auf dem Laufband: Toast, eine Dose Würstchen und Schnaps. „Siebenneunundreißig“, sagt die Kassiererin. Er kramt in den Taschen, zählt, rechnet. Fünf Euro, 39 Cent. Mehr hat er nicht. Wortlos schiebt er das Essen zur Seite, zahlt den Alkohol, will verschwinden. Weg, von den angewiderten Blicken der anderen Kunden.

„Ich verstehe das. Es war brutal kalt draußen. Was soll der essen? Der wollte sich abschießen, eine Auszeit nehmen, von dem ganzen Mist.“ Arnob Kar Bhowmik hebt die Schultern. Damals hat er ins eigene Portemonnaie gegriffen und dem Fremden mit ein paar Euro ausgeholfen. Keine große Tat, findet der Oldenburger. Riesig geworden ist allerdings der Wunsch etwas zu tun. Gegen das Wegschauen, die Ungerechtigkeit und Ignoranz. Und so wuchs die Idee. Heute, gut ein Jahr später, folgen ihr 624.000 Menschen. Am Ziel ist der 31-Jährige noch lange nicht. Aber auf dem Weg.

„Wir wollen einen Stein ins Rollen bringen“, sagt er. Wir, das sind Arnob Kar Bhowmik, Gastronom, Sohn einer Restaurantbesitzerin und Omid Mohadjeri, selbstständiger Filmemacher und Produzent. Der 20-Jährige hat in dem Sozialprojekt den kreativen Part übernommen, ein Skript geschrieben, Drehorte gesucht, Mitspieler gefunden und Ideen in Szene gesetzt: Eine Woche lang hat das Dreierteam aus Initiator Arnob Kar Bhowmik, Regisseur Omid Mohadjeri und Moderator Josiah Bruce obdachlose Menschen auf Oldenburgs Straßen mit der Kamera besucht und gefragt: Wieso lebst Du so?

„Es gibt viele Gründe, warum man auf der Straße landen kann. Es gibt Leute, die machen das freiwillig. Ich bin einer von den Unfreiwilligen.“

Entstanden ist der dreieinhalbminütige Doku-Streifen #Oldenburg zeigt Herz. Zu Wort kommen darin Bruno (66), ehemaliger Bundeswehroffizier, gelernter Grafiker, Alkoholiker ohne festen Wohnsitz, Jörg, der mit 31 seit sieben Jahren auf Platte lebt, Hartmut, in einem früheren Leben Lastwagenfahrer und Familienvater, heute obdachlos – Menschen, die anders sind und doch wieder ganz normal. Mit Wünschen und Träumen.

„Aufgeben tue ich nicht. Ich will nur keinen grausamen Tod erleben.“

Der Film ist seit über einer Woche auf Facebook zu sehen, wurde tausendfach geteilt und hunderte Male kommentiert. Berühmt werden will Arnob Kar Bhowmik damit nicht. Das Projekt allerdings soll die ganze Republik erobern und den obdachlosen Menschen einen kleinen Moment des Glücks bescheren: Alle Protagonisten des Films, und rund 40 weitere mit ähnlichem Schicksal, sind an diesem Montag in das Restaurant „Die Jungen Wilden Oldenburger“ eingeladen. Ab 17 Uhr wird den Gästen Consommé aus Tomaten, Hähnchen-Involtini und Mousse au chocolat zu Live-Musik serviert.

Menükarten verschickt hat der Gastronom an Obdachlosenunterkünfte, -tageseinrichtungen und -aufenthalte der ganzen Stadt. Was nicht drauf steht: Die Restaurantbesucher bekommen auf Wunsch neue Kleidung und einen Haarschnitt. Arnob Kar Bhowmik konnte seinen Friseur zu einer Sonderschicht und etliche Sponsoren zum Mitmachen überreden. So kriegen die Eingeladenen auch noch Tickets für ein Spiel des VfB Oldenburg.

Arnob Kar Bhowmik reicht das nicht. Am Ende des Kurzfilms fordert er andere Restaurants auf, seinem Beispiel zu folgen. Das Barefood Deli Hamburg, das Bestial ​ in Bremen, das Maison Han in Berlin und das H’ugo’s in München wurden nominiert. „Wie bei der Cold Water Challenge. Nur eben sinnvoller“, sagt der 31-Jährige.

Mündliche Zusagen von den befreundeten Gastronomen hat er bereits. Bis zum 7. April sollen auch sie #Herz zeigen – und dann wieder vier Lokale nominieren. „Wir wollen eine Lawine lostreten“, sagt Arnob Kar Bhowmik. Vielleicht könne es in einem Jahr eine bundesweite Aktion geben, vielleicht finden sich großzügige Spender, Investoren, die irgendwo ein Haus bauen für Obdachlose, vielleicht kommt viel Geld zusammen. Vielleicht.

Sicher ist, wer den Film sieht, schaut nicht mehr weg. Regisseur Omid Mohadjeri erzählt von den eigenen verschämten Blicken auf den Boden, dem Vorbeieilen an der Armut. „Heute bleibe ich stehen“, sagt der 20-Jährige. Menschen wie Hamsa, den er interviewt hat, seien Freunde geworden. Geld gibt er nicht immer. Aber er schenkt ihnen Zeit. Das sei ohnehin wichtiger, als alles andere.

„Heute bin ich glücklich. In einer seltsamen Art und Weise glücklich.“

Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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