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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

„Das Wort ,schwul‘ gab es in meiner Jugend nicht“

17.06.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-06-22T08:03:15Z 280 158

Csd-Macher Kai Bölle Im Porträt:
„Das Wort ,schwul‘ gab es in meiner Jugend nicht“

Oldenburg Kai Bölle ist sehr groß. Ganze 1,94 Meter, um genau zu sein. Aber das ist nicht das Einzige, was sofort auffällt, wenn man den Pressesprecher des CSD Nordwest trifft. Wenn Bölle zu seinem breiten Grinsen ansetzt, dann fällt einem noch etwas anderes ins Auge: die extrem große Zahnlücke.

„Die habe ich von meiner Mutter geerbt“, sagt Bölle. Die Zahnlücke habe den 42-jährigen Oldenburger nie gestört. „Man muss ja auch einen sichtbaren Makel haben und nicht nur charakterliche Schwächen.“

Bölle ist schwul – und geht damit ähnlich offen um wie mit seiner Zahnlücke. Das war allerdings nicht immer so.

„Ich bin wohlbehütet auf dem Land aufgewachsen“, sagt Bölle. Für lange Zeit war Rodenkirchen in der Wesermarsch seine Heimat. Ein Ort mit gerade einmal ein paar Tausend Einwohnern und nur wenig Abwechslung. „Die einzigen Sehenswürdigkeiten sind das Kernkraftwerk und der Wesertunnel.“

KLICKTIPP: Spezial zum CSD Nordwest in Oldenburg

Als junger Teenager merkte Bölle schnell, dass er etwas anders tickt als seine gleichaltrigen Freunde. „Die Oben-ohne-Kerle in der ‚Bild‘-Zeitung gefielen mir immer besser als die nackten Damen“, sagt er. Was genau mit ihm los ist, das weiß er zu dem Zeitpunkt noch nicht. „Das Wort ‚schwul‘ gab es in meiner Jugend damals nicht.“

In der Nachbarschaft des Elternhauses wohnte ein lesbisches Pärchen. „Aber die lebten einfach so in Ruhe vor sich hin.“ Das Thema Homosexualität wurde einfach ignoriert. „Niemand hatte etwas gegen die Frauen, aber drüber gesprochen haben wir auch nicht.“

Schwul auf dem Dorf

Bölle lebt das normale Leben der Dorfjugend. Er wird Mitglied im Musikverein, beginnt eine Bankausbildung in Nordenham. „Ich wusste recht früh, dass ich was mit Finanzen machen wollte“, sagt Bölle. „Wertpapiere fand ich cool, und Börsenspiele habe ich als Schüler auch gemacht.“ Dass seine Mutter auch Bankkauffrau gelernt hat, sei dafür nicht entscheidend gewesen.

Der Vater arbeitet im Kernkraftwerk im Leitstand. Im Schichtdienst. „Wegen des Jobs sind wir damals von der anderen Weserseite rüber nach Rodenkirchen gezogen“, sagt Bölle.

Erst als 20-Jähriger macht Bölle seine ersten Erfahrungen mit dem Schwulsein. Bis zu diesem Zeitpunkt gilt vor allem eines: „Ich hatte keinen Sex, sondern nur Sehnsüchte.“

Mitte der 90er-Jahre fährt er zum Christopher Street Day nach Oldenburg. Mitlaufen möchte er nicht, nur beobachten. „Bloß nicht auffallen“, denkt sich Bölle.

Diese Sehnsüchte gehen erst in Erfüllung mit dem ersten eigenen Auto und dem Siegeszug des Internets. Sein 56k-Modem ermöglicht es ihm, Kontakt zu anderen Schwulen in der Region aufzunehmen. Allerdings: „Du hast ja nie einen gefunden, der in deiner Nähe wohnte“, erinnert sich Bölle. „Die wohnten alle weit weg.“ Zumindest für jemanden aus Rodenkirchen.

Ab ins wilde Oldenburg

Im Jahr 2000 wird Bölle beruflich in eine Filiale in der südlichen Wesermarsch versetzt – und zieht privat auch gleich um: „Ins wilde Oldenburg.“

Die erste Wohnung ist im Stadtteil Donnerschwee und knapp 70 Quadratmeter groß. „Ich habe sie gleich gekauft“, sagt Bölle und lacht. „Bin ja Banker!“ Ein alter Kreditberater aus seiner Firma habe ihm mit den Worten „Du bist noch jung, dein Gehalt wird immer mehr, mach das mal!“ dazu geraten.

In Oldenburg findet Bölle schnell Anschluss. „Die Oldenburger LGBT-Szene war sehr familiär“, sagt der CSD-Sprecher. LGBT kommt aus dem Englischen und steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Das „Alhambra“ an der Hermannstraße war damals der angesagte Treffpunkt. „Da hätte man mit verbundenen Augen reingehen und den Leuten den Namen auf die Stirn schreiben können, weil die immer an derselben Stelle standen.“

Doch wie fühlt sich ein 25-jähriger Bankkaufmann vom Dorf mit Eigentumswohnung im linksalternativen „Alhambra“? Beim ersten Mal sei der Besuch befremdlich gewesen. „Zum Glück war ich nicht alleine da“, sagt Bölle. Der Empfang war freundlich: „Jeder wurde dort kompromisslos akzeptiert.“ Das sei eine schöne Zeit gewesen.

„Das Ausgehverhalten hat sich in Oldenburgs LGBT-Szene mittlerweile verändert“, sagt Bölle. „Das ‚Alhambra‘ war damals unser Schutzraum, aber heute brauchen wir keine Schutzräume mehr.“ Der CSD sei da ein „wenig schuld“ daran. „Aber dafür haben wir schließlich auch gekämpft“.

Coming-out bei Eltern, Freunden und im Job

2001 braucht Bölle keinen Schutzraum vor seiner Familie. Er wagt mit 26 Jahren das Coming-out. Der Auslöser ist der Umzug. „Ich habe jede Menge andere Schwule kennengelernt und festgestellt, dass das Schwulsein nichts Schlimmes ist.“

Zunächst spricht Bölle nur mit seiner Mutter. Doch die ist alles andere als überrascht. „Sie hat dann auch generalstabsmäßig den Rest der Familie über die Sexualität des Sohnes in Kenntnis gesetzt.“ Der Vater nimmt die Nachricht ebenfalls positiv auf. Doch es gibt auch Sorgen. Wie wird der Arbeitgeber reagieren? Ist die Karriere des Sohnemanns in Gefahr?

Im Musikverein ist Bölles Sexualität genauso wenig ein Problem wie im Freundeskreis. Als er seinem besten heterosexuellen Kumpel seine Homosexualität beichtet, überrascht ihn sogar die Antwort und bleibt ihm bis heute noch in Erinnerung: „Ja, wissen wir ja. Noch ein Bier?“

In der Bank betreibt Bölle sein Coming-out weniger offensiv. Es zieht sich über mehrere Jahre. „Wer gefragt hat, der hat eine ehrliche Antwort bekommen“, sagt Bölle. Probleme hätte er dadurch nie bekommen.

Mittlerweile muss eigentlich aber auch der verträumteste Kollege mitbekommen haben, das Bölle schwul ist. Der 42-Jährige ist eines der sichtbarsten Aushängeschilder des CSD Nordwest in Oldenburg. Dazu sitzt er noch in den Vorständen des CSD Nord (ein Zusammenschluss der norddeutschen Paraden) und des CSD Deutschland.

16 Jahre beim CSD in Oldenburg

Seit 16 Jahren ist Bölle nun aktiv in Sachen Christopher Street Day. Zunächst hospitierte er. Eigentlich war er nur auf der Suche nach einer Alternative zu seinem Musikverein in Rodenkirchen. „Am Anfang habe ich nix verstanden, wovon die eigentlich in ihren Sitzungen reden“, erinnert sich Bölle. Drei Monate vor dem CSD wurde nur über Details gesprochen. „Dann habe ich den CSD richtig erlebt, und plötzlich kam das große Aha-Erlebnis.“

Pressekonferenz zum CSD Nordwest: Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (links) mit Organisator Kai Bölle (Foto: Archiv)

Seitdem ist viel passiert. Bölle hat in verschiedenen Aufgabenbereichen gearbeitet. Er kümmerte sich anfangs um das Kulturprogramm, ehe man ihn zum Kassenwart „beförderte“. „Da wird man als Banker auch in der Gay-Szene schnell in eine Schublade gepackt“, sagt Bölle und lacht. Seit drei Jahren ist der Oldenburger nun CSD-Pressesprecher. „Inzwischen kann ich den Job auch.“ Einen guten Nachfolger auf der Kassenwartposition habe man auch gefunden. „Einen Bilanzbuchhalter.“

Bölle hat mit dem CSD Nordwest und dem CSD Nord viel erreicht. „Das ist und war immer eine Teamleistung“, sagt er. Seine persönlichen Verdienste kann er aber auch benennen. „Ich habe immer wieder mit neuen Ideen genervt, um Dinge außerhalb der eigentlichen Demonstration zu wagen und den CSD in die Mitte der Gesellschaft zu führen“, sagt der 42-Jährige.

„Der CSD steht für eine inklusive Gesellschaft, und deshalb müssen wir auch aus unserem selbstauferlegten Ghetto raus“, erklärt Bölle. „Den Kontakt zur LGBT-Szene haben wir, wir brauchen den Kontakt zum Rest der Gesellschaft.“

Der Kontakt ist da. Auch in diesem Jahr werden zum CSD Nord wieder mehr als 10.000 Besucher in Oldenburg erwartet. Die Charta der Vielfalt, die für Inklusion und gegen Diskriminierung in Unternehmen steht, haben in Oldenburg so viele Firmen wie in keiner anderen niedersächsischen Stadt unterzeichnet. Und auch die Stadtverwaltung hat den CSD im Lauf der Jahre richtig lieb gewonnen.

Am Samstag wird Bölle wieder auf der Oldenburger CSD-Bühne stehen und klare Worte für die Situation der LGBT-Szene in Oldenburg, Niedersachsen und Deutschland finden. „Letztes Jahr war ich vielleicht ein wenig harsch und böse“, sagt er. Dieses Jahr würde die Rede zahmer werden. „Versprochen“, sagt Bölle und zeigt sein breites Grinsen. Zahnlücke inklusive.