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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Ein bürgerliches Schlachtfest

29.03.2017

Oldenburg Es ist zum Verzweifeln. Nach Ostern endet die Vegetationsperiode der Tulpen. Gerade jetzt. Wo der Verschleiß so hoch ist. Kübelweise Frühlingsblüher zerschmettert die Dame im schwarzen Designerkostüm. Zum Kotzen. Das ganze Leben. Und so übergibt sie sich auf die maßgeschneiderte Anzughose ihres Anwaltsgatten, die Kunstbände der gastgebenden Philanthropin, die schöne, heile Welt.

Nach Erbrochenem riecht es im Theater K der Kulturetage während der Proben zum neuen Bühnenstück nicht. Und auch, wenn sich am Donnerstag zum ersten Mal der Vorhang für den „Gott des Gemetzels“ hebt, bringt Brit Bartuschka als kotzende Annette ihre Verachtung lediglich Haferschleim-speiend zum Ausdruck. Zwischendrin schreit sie. Und jammert. Heult, stichelt, klagt und quält. Anfangs subtil. Später brutal. Auf dem Schlachtfeld intellektueller Eitelkeiten ist alles erlaubt.

Menschliche Abgründe

„Wird schade, wenn es vorbei ist“, sagt Ulf Georges und betrachtet die floralen Überreste auf der Bühne. Dabei begleitet der Regisseur sein vierköpfiges Ensemble erst seit ein paar Wochen durch das tragisch-komische Kriegsgebiet und hat die Premiere noch vor sich. Die Inszenierung des französischen Theaterstücks von Yasmina Reza aus dem Jahr 2006 sei „ein Geschenk“ für alle Beteiligten, aber auch eine Herausforderung. „Unterdrückte Wut, Hass, Verzweiflung – die Emotionen müssen präzise ausgedrückt werden“, sagt Georges. Das Drehbuch habe er weitgehend übernommen. „Da darf man nichts kaputtstreichen“, sagt er. Bloß die Namen der vier Protagonisten und Orte wurden eingedeutscht. Letztere kommen bei dem Kammerspiel nur in Gesprächen vor. Fast anderthalb Stunden sind die Zuschauer Mitgefangene dieser Arena menschlicher Abgründe.

Im Schöner-Wohnen-Ambiente, zwischen polierter Lederpolstergarnitur und edler Eloquenz haben sich zwei wohlhabende Großstadtpaare auf eine zivilisierte Aussprache eingerichtet. Wie Erwachsene wollen sie einen Streit zwischen ihren beiden Söhnen klären, bei dem einer von beiden zwei Zähne verloren hat. Oder „entstellt wurde“, wie Franziska Vondrlik es als Veronika für treffender hält, was bereits für ein erstes Augenbrauenheben beim Vater des Beschuldigten sorgt. Aber der korrupte Anwalt und Dauertelefonierer Robert kann noch schlimmer.

Ebenso allmählich wie unaufhaltsam reift das Arschloch in Darsteller Aron Woldamlak an. Das Donnergrollen nähert sich langsam, und doch dürfte dem Publikum schnell klar werden, was Veronika recht spät bemerkt: „Das wird noch ein böses Ende haben.“

Bröckelnde Fassade

Die Paare hassen einander ganz offensichtlich auf den ersten Blick, säuseln sich augenverdrehend anfangs noch betont freundlich und verständnisvoll an, servieren Apfelstrudel und Komplimente. Immer unterbrochen vom Handygeplärre des überheblichen Anwalts. Einige Male schafft er es samt genervter Gattin schon in die Mäntel, aber letztlich entkommen sie doch nie: Es gibt noch so viel auszuteilen.

Staubkörnchenweise bröckelt die verlogene Fassade weg, unterdrückte Ressentiments explodieren irgendwann in offenem Hass. Die Allianzen wechseln. Letztlich heißt es jeder gegen jeden und alle gegen alles. Wobei einer schlimmer als die andere ist: Hamstermörder und Mamasöhnchen Manfred, den Uwe Bergeest tapfer Schläge von Franziska Vondrlik einsteckend und hinterhältig austeilend spielt, seine Bühnengattin als humorlose Weltverbesserin, der versnobte Anwalts-Chauvi und seine kotzende Begleitung sind allesamt schlechte Menschen – und verdammt gute Schauspieler.

Spätestens wenn Brit Bartuschka das Handy ihres Mannes konfisziert, um es im Rum zu ertränken, und sein Schreien „Da ist alles drin! Mein ganzes Leben!“ sowie anschließendes Schmollen mit einem „Männer hängen dermaßen an ihrem Zubehör.“ quittiert, dürfte dem Publikum bitterböses Lachen im Halse stecken bleiben. „Man erkennt sich wieder“, sagt Regisseur Ulf Georges über die Paar-Probleme auf der Bühne. Die hochgelobte Verfilmung Roman Polanskis mit Starbesetzung habe er sich bewusst nicht angeschaut. „Ich wollte frei sein im Denken“, sagt er.

Etwas eingeschränkt war das Ensemble dann doch durch Brit Bartuschkas Babybauch. Aus Pietätsgründen besäuft sich Annette nicht so hemmungslos, wie in der französischen Vorlage. Ihr „moderater Schwips“ reicht, um die Wahrheit zu sagen. Und nachdem alle Floskeln aufgebraucht und Anstandsregeln vergessen sind, darf den Trieben freier Lauf gelassen, der Nachwuchs als „kleine Schwuchtel“ bezeichnet, auf „die Neger im Sudan geschissen“ und ausgiebig gekotzt werden. Ein einziges, großes Schlachtfest, dem das Bühnenbild von Bernhard Weber-Meinardus nur gut laminiert und stabil konstruiert standhalten kann. Ob sich Haferschleim als Erbrochenes gut genug rauswaschen lässt, oder Kostümbildnerein Regine Meinardus einen Zweitanzug schneidern muss, wird bis zur Erstaufführung noch erprobt.

Blutiger Kampf

„Der reinste Albtraum“, sagt Veronika, während Darstellerin Franziska Vondrlik frohlockt. „Das sind dankbare Rollen.“ Bühnenpartner Uwe Bergeest freut sich, „endlich mal die Sau rauslassen zu können“ und wischt sich ein paar Tropfen Blut vom Unterarm, die er sich beim Nahkampf zugezogen hat. Echtes. Eigenes. Das Stück sei durchaus anstrengend, mehr psychisch als physisch.

Brit Bartuschka klaubt ein paar Blumenstängel vom Boden: Wo der Gott des Gemetzels zuschlägt, wächst kein Gras mehr. Auch keine Tulpen. „Ich habe alle Händler angefragt. Wenn wir spielen, ist die Saison vorbei. Und Nelken sind keine Alternative“, sagt Ulf Georges. „Zum Verzweifeln“. Eine letzte, zündende Idee für das bühnenreife Schlachtfeld wird dem Regisseur noch kommen. Atombombensicher.

Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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