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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

War Partnersuche früher auch so kompliziert?

27.05.2015

Oldenburg „Sei ein Mann und trau Dich!“, fordert ein junges Mädel namens Lola. Mit einer derart forschen Nachricht hat der Inserent wohl nicht gerechnet. Dabei will er doch nur „das nette Mädchen namens Miriam“ finden, das „heute, am 20.05.2015, im Cupido gekellnert hat“. Also dort, wo er sich selbst hat von ihr bedienen lassen. Persönlich. Auge in Auge. So steht es im Internet, in einer Facebook-Gruppe namens „Spotted Oldenburg“. Und so zeigt es auch, wie sich die Zeiten verändert haben.

Die Menschen sind miteinander so verwoben wie wohl nie zuvor. Haben mindestens zwei Telefonnummern, im Schnitt drei Emailadressen (eine offizielle und zwei anonyme) und mehr Web-Profile als Hobbys. Visitenkarten gibt es kostenlos, das Duzen ist hoffähig geworden. Und obwohl sie nun also alle Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme, zum sprachlichen Balztanz und den Zaubereien des Moments haben, schreiben sie ins soziale Netz Dinge wie „Suche die 3 Geilen Jungs die am Samstag Abend auf dem Bierfest waren einer von Euch fuhr ein Alten Schwarzen Mercedes Kombi! Hab mich nicht getraut euch anzusprechen! Meldet euch=)“.

1948: Das Kennenlernen

Es war 1948, als Irma Johanne ihrem Franz Josef zum ersten Mal begegnete. Sie war gerade einmal 15 Jahre alt und barfuß, er schon 20, von dunkelblondem gewelltem Haar. „Mit Jungs wollte ich da nichts zu tun haben“, sagt Irma heute, „auch nicht mit ihm!“ Franz war ein Flüchtling, kam aus Oberschlesien. Der Krieg und seine Folgen hatten ihn ins Oldenburger Land geführt. Ihn, dem die Mädels hinterher eilten, der sich darüber aber nicht wirklich Gedanken machte. „Er wollte doch nur was erleben und dachte sich wohl, bei mir kann er’s mal versuchen“, vermutet Irma bis heute.

Was später folgen sollte – nein, damit haben beide nicht rechnen können. In drei Monaten feiern sie Diamantene Hochzeit, sind seit 67 Jahren ein Paar. Ganz ohne Kontaktanzeige. Ohne Freunde, die verkuppelten. „Es war eine andere Zeit“, sagt Irma, „wenn uns früher jemand gesagt hätte, dass man sich heute übers Telefon kennenlernt oder so ... nein, wir hatten ja keine anderen Gelegenheiten, deshalb hat man sich früher eher an einen geklammert.“

2015: Öffentliche Liebe

Seitensprungportale, Dating-Hotlines, die Partnersuche via flottem Fingerwisch übers Handy.

Bei „Spotted“ ist das alles ein bisschen anders. Es ist die moderne Kontaktanzeige – das elektronische Denk-an-mich, ein Hilfeschrei, der Aufruf an den großen Schwarm, die Internetgemeinde. Rund 15 000 mehr oder minder jungen Leuten gefällt „Spotted“. Der Großteil sind Teens und Twens dieser Stadt, doch auch aus der Umgebung – beispielsweise Bremen, Bad Zwischenahn, Wilhelmshaven – erfreuen sich hier die Anhänger teils kurioser, teils rührender Liebesgeschichten.

In der Hauptsache sind dies Frauen (56 Prozent), die gespannt mitlesen, vielleicht aber auch heimlich gefunden werden wollen. Suchanzeigen geben aber in der Hauptsache Männer auf. Weil sie verzweifelt, vielleicht einfach schüchtern sind. Oder weil das gute alte Jäger- und Sammler-Prinzip noch Bestand hat.

Was früher über eine Zeitungsannonce funktionierte und es noch immer tut, läuft heute auch im Online-Netzwerk Facebook sehr erfolgreich. Alle Infos über die oder den Gesuchte(n) werden hier breit gestreut, die eigene Identität aber wird verschwiegen. Schlimmer noch. Trotz aller Anonymität gibt es nicht minder den klassischen „Ich suche für einen Freund“-Aufruf. Wer’s glaubt . . . Zugegeben, kleine Zettel an Laternenmasten täten es auch. Oder die ständige Wiederkehr zur gleichen Zeit an den gleichen Ort. Das dauert den meisten heute aber viel zu lang. Auf die große Liebe wartet man nicht mehr. Entweder meldet sie sich – oder es muss halt die nächstbeste dran glauben.

1949: Der Balztanz

Alle 14 Tage hatten sie gemeinsamen Sonntagsdienst, konnten dann aber am Nachmittag ins Tanzlokal. „Das war so wie jetzt bei den alten Leuten, wenn sie tanzen gehen“, sagt Franz. Irma kannte er da schon einige Monate, jetzt war sie 16. Und „er ist immer um mich herum schwarwenzelt“, erinnert sich die heute 82-Jährige, „irgendwann kamen die Bauersleut’ dahinter...“ Franz scherte sich nicht darum. Als Irma ihre „Liebe auf den zweiten Blick“ erkannte, war es ohnehin zu spät. Hier brachte er mal eine Tafel Schokolade mit, dort hofierte er sie charmant. „Es hat sich langsam entwickelt“, sagt sie. Kein magischer Moment. Kein Ich-muss-Dich-wiedersehen-, sondern eher so ein Wir-gehören-zusammen-Ding. Das war für Franz gewiss etwas leichter. Der hatte schließlich sich und Liebeleien zuvor schon ausgetestet, für Irma aber war es der erste Freund. Über Trennung hatten sie da schon nachgedacht, auch Tränen waren geflossen, „weil ich ja nichts erlebt hatte“.

Doch der erste echte Kuss auf einer Wolldecke im Gras, die vielen kleinen Geschenke und die Erkenntnis, dass es vielleicht auch so passt, gaben dann den Ausschlag füreinander. Vielleicht waren’s aber auch fehlende Möglichkeiten. Das klingt nüchtern, soll es aber gar nicht. Es waren halt andere Zeiten. Also zogen sie in Ofenerdiek mit den Jahren ins Land, nach dem verflixten siebten heirateten sie. Das war vor 717 Monaten.

2015: Mit Kusshand

„Ich glaube an die Liebe und hege Hoffnung, mit dieser Seite vielen Menschen etwas Gutes zu tun“, sagt Henrike Reinecker, die mit Marcel Neuhaus und Lina Saathoff die Facebook-Gruppe „Spotted“ betreibt und täglich neue Suchanfragen ebenda veröffentlicht. Eine eigene Anzeige ist nicht darunter, obgleich Reinecker selbst schon einen solchen „magischen Moment“ erlebte – und verpasste. „Aber genau diese Situation hat mich in meinem Vorhaben bestärkt, es anderen Menschen möglich zu machen, sich wiederzufinden“, sagt sie. Junge Menschen nehmen dieses Angebot mit Kusshand.

Das Glück einer echten und erschütternden Kusshand jedoch bleibt nach wie vor älteren Generationen vorbehalten. Beispielsweise beim Tanztee im Hotel Wöbken, sonntags zwischen 15 und 19 Uhr, zwischen Sahnetörtchen und Schallplatten. 120 Gäste „zwischen 50 und 100 Jahren“, wie es heißt, kehren regelmäßig ein. Viele Senioren, die seit Jahren alleine kamen, später aber nicht mehr einsam heimkehren mussten. Denen irgendwann die Hand zum Tanz und dann zum restlichen Leben gereicht wurde.

Am Ende: Viel Gefühl

Das klassische Kennenlernen – so ist man in älteren Generationen geneigt zu sagen. Nahezu unvorstellbar indes bei jungen Leuten, die sich ihre Partner per Fingerwisch erwählen! Die sich nicht mehr trauen, ihre Liebe direkt anzusprechen! Sich der Magie des Moments hinzugeben! Vielleicht hat „Spotted“ mittlerweile im Internet aber ja auch einfach nur die Rolle des großen Bruders, der besten Freundin oder der Bauersleut’ von einst eingenommen?

Ganz gleich, ob nun richtig oder falsch, ob Herzbeben oder Konsum. Es ist völlig egal, wie man sucht. Wichtig ist nur, was am Ende dabei herauskommt: nämlich ganz ganz viel Gefühl. Die große Liebe kann schließlich auch kein Ehepapier und kein guter Nachbar garantieren . . .

Marc Geschonke Redakteur / Redaktion Oldenburg
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