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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Integration gibt den Ton an

14.10.2015

Oldenburg Ich mache Musik, was kann ich tun? Sein Auto war voll mit Instrumenten: Trommeln und Lauten. Eine Harfe, war dabei, die Gitarre, dieses klöternde Rohr: ein Regenmacher. Noch exotischer: eine Blockflöte. Sowas hatten sie noch nie gesehen. In ihrer Heimat gibt es nicht mal ein Wort dafür. Egal: „Musik ist eine Sprache für die ganze Welt“, sagt Rami Chahin.

Einmal die Woche parkt er seit jenem ersten Anklopfen seinen Wagen mit Instrumenten vor der Flüchtlingsunterkunft in der Gaußstraße. Mit einem Syrer übt er Blockflöte. „Der wird immer besser“, sagt der Oldenburger. Seit einem Jahr arbeitet er ehrenamtlich mit den Asylsuchenden, nebenher engagiert er sich in einem Inklusionsprojekt mit behinderten Menschen – jetzt leitet der Komponist eine musikalisch-schauspielerische Gruppe am Staatstheater. 16 Oldenburger und Migranten entwickeln unter seiner Leitung, unterstützt von der Stabstelle Integration und der Evangelischen Akademie, ein Bühnenstück, das im nächsten Frühjahr aufgeführt werden soll.

„Im Moment freunden sich alle noch an – mit den Instrumenten und untereinander“, sagt Rami Chahin. Verständigungsprobleme gäbe es wenig. Der Komponist kann auf japanisch, englisch, arabisch, spanisch, französisch und deutsch unterrichten. „Oder mit Händen und Füßen.“

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Neue Heimat schaffen

Was es heißt neu, fremd, anders zu sein, weiß Rami Chahin: Ein halbes Jahr hat er während des Studiums auf Kuba, mehrere Semester in Japan verbracht, seine Doktorarbeit schreibt er an der Uni Oldenburg, geboren und aufgewachsen ist er vor 40 Jahren in Syrien. Momentan gibt es kein Zurück mehr in das kriegs- und krisenzerrüttete Land. Natürlich erfülle ihn das mit Trauer – und Sorge, um Freunde, die noch dort sind, mit denen er telefoniert und E-Mails schreibt. Seine Familie lebt inzwischen komplett in Oldenburg. Die meisten mussten flüchten. Rami Chahin nicht. „Ich bin freiwillig gegangen.“ Vor sieben Jahren, als der Student von Japan aus nach Deutschland zog, war seine Heimat noch nicht von Gewalt beherrscht.

Auf Zukunft bauen

An das schöne Damaskus mit dem großen Opernhaus erinnert er sich gut – aber auch an die Vorboten einer unruhigen Zeit: „Es gab diesen Druck aus der Bevölkerung, die Unzufriedenheit und auch die Islamisten waren schon da. Ich habe gespürt, dass etwas passieren wird“, sagt er. Auf Frieden mag er nicht warten – der sei nicht in Sicht. Rami Chahin baut auf eine neue Generation Syrer, die als Flüchtlinge nach Europa kommen und später als Erwachsene ihr Geburtsland neu prägen werden. Bis es soweit ist, gelte es ein zu Hause für sie und ihre Eltern zu schaffen. Brücken schlagen. Integrieren. Mit Musik. Und vielen Instrumenten.

Über 15 – aus allen Ländern der Erde – lagert der Oldenburger in seiner Wohnung. „Spielen können muss ich als Komponist nicht alle – aber die Basis kennen“, sagt er. Seine Ouvertüren und Libretti, ganze Opern entstünden im Kopf. Geprägt sind sie von allen Kulturen, lateinamerikanischem Temperament, fernöstlicher Ruhe, französischer Leidenschaft und deutscher Geradlinigkeit. „Das brauche ich auch. Darum bin ich damals hergekommen“, sagt er.

Die Menschen in der Flüchtlingsunterkunft, mit denen Rami Chahin einmal die Woche Musik macht, hatten andere Gründe ihr Land zu verlassen. Ihre Sehnsucht: ein Haus für die Familie, Arbeit, Sicherheit, eine Zukunft. „Isoliert rumsitzen und warten müssen hilft nicht“, sagt der Komponist. „Von Kadmus nach Europa – Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ heißt das Integrationsprojekt am Staatstheater. Es solle nicht um das Vergangene gehen – mehr um die Heimat im Hier und Jetzt, sagt Rami Chahin. Inklusive Blockflöte lernen? „Vielleicht.“ Er lacht.

Gemeinsamkeiten finden

Neulich hätten die Projektteilnehmer über Teezeremonien in Ostfriesland und Afghanistan gesprochen – so unähnlich sei man sich gar nicht, stellten sie fest. „Das ist ein Anfang. Wir öffnen uns“, sagt Rami Chahin. Alles andere, das Miteinander, müsse sich entwickeln. Zukunftsmusik – mit einem Auto voller Instrumente.

Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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