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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Kontrastprogramm mit Tom und Punk

10.07.2017

Oldenburg Während am Freitagabend in der Hamburger Elbphilharmonie Beethovens Neunte Sinfonie für Regierungschefs gespielt wird und in den Straßen anarchisches Chaos herrscht, erklingen im 170 Kilometer entfernten Oldenburg melancholische bis düstere Lieder in jedoch gänzlich friedvoller Kulisse: Vier junge Männer betreten die Bühne des übervollen Schlossplatzes. Sie tragen trotz der sommerlichen Temperaturen Anzüge – samt Krawatte. Christopher Colaco (Klavier, Akkordeon), Leonhart Eisenach (Bass), Alexander Binder (Gitarre) und Philipp Schaeper (Schlagzeug) spielen als „Jazz Kids“ in der nächsten Stunde „german/romantic/alternative“ – keinen Jazz. Während die vier ihren Instrumenten die ersten Töne entlocken, tritt er auf die Bühne: Tom Schilling.

Fünf Jahre ist sein letzter Besuch nun her, damals reiste er zum Filmfest an. Hauptberuflich ist er, der heute Abend singt, nämlich Schauspieler. Dass ihm auch die Musik liegt, stellen „Tom Schilling & The Jazz Kids“ nun unter Beweis – es ist Schillings erstes Open-Air-Konzert. Sein rechtes Bein stampft den Takt, sein Fuß entwirrt lässig das Mikrofonkabel, er wendet sich den „Kids“ zu, dirigiert das Schlagzeug. Zwischen den Liedern ein Schluck Weißwein aus dem Glas, alles andere passte auch nicht zum Anzug.

Die eingangs erwähnte Situation in Hamburg veranlasst die Band dazu, „Der Turm stürzt ein“ von „Ton Steine Scherben“ zu spielen. Und während im Refrain der Turm stürzt, wächst Schillings Fangemeinde. Zwei Zugaben fordert diese am Ende ein. Die letzte Nummer sei ein klassisches Rausschmeißer-Lied. Gibt es das denn bei einem Open-Air? Ein Drinnen und Draußen? Egal! Das wirklich letzte Lied des Abends ist dem Alkohol gewidmet, und so wandert eine Wodkaflasche erst durch die Hände der Bandmitglieder, bevor Eisenach sie von der Bühne reicht und die geistreiche Flüssigkeit ihre Runde in der Menge fortsetzt. Um ein Vielfaches langsamer als die Flasche leert sich nach dem Konzert der Platz. Schilling und die Jazz Kids nehmen sich Zeit für ihre Zuhörerschaft. Es werden Bilder geknipst, zusammen Zigaretten geraucht, Vilnius-Vinyls („Vilnius“, das erste Album der Band) signiert und geplaudert.

Sommerlicher Samstag

Was war das? Ein Punkkonzert? Eine Reise durch die Folklore Kolumbiens? Ein multikultureller Karneval? Ach so, es ist Kultursommer in Oldenburg, da ist die gelungene Mixtur höchst unterschiedlicher Stile und Einflüsse quasi Programm. Am Samstagabend löste die in Brüssel beheimatete Band La Chiva Gantiva alle guten Vorsätze dieses Festivals ein. Lang, laut und sehr lustig. Die sechs Musiker haben sich aus vielen Ecken der Welt in Belgien zusammengefunden und einen Sound kreiert, der europäische Einflüsse ebenso aufweist wie südamerikanische und asiatische. Und wenn die Künstler dann noch James Brown und Nirvana als Vorbilder nennen, kann nicht mehr viel schief gehen. Dann geht La Chiva Gantiva in die Beine.

„Punk-Klore“, also eine Kombination aus anglo-amerikanischem Punk und Folklore aus dem Rest der Welt, so nennt die Band ihre Art zu musizieren. Das klangliche Übergewicht gebührt indes der kolumbianischen Fraktion. Wenig überraschend, schließlich stammen Sänger (und Bandleader) Rafael Espinel, Perkussionistin (und Namensgeberin) Natalia Gantiva sowie Gitarrist Felipe Deckers aus Bogota und drücken der Musik der Gruppe ihren Stempel auf. Dass aber gleich das Einstiegsstück am Sonnabend, „Amamar“, eher hartrockig geriet, lieferte dabei kein Gegenargument. Im Gegenteil: Espinel hatte seinen Spaß daran, mit den Stilen zu spielen, mal den heftigen Euro-Punk zu geben, dann wieder den grinsenden Anden-Crooner.

Überhaupt Grinsen: Humor spielte bei La Chiva Gantiva eine wichtige Rolle, er trug in Oldenburg dazu bei, Bühne und Publikum schnell zu vereinen. Denn Rafael Espinel beherrscht zwar alle Attitüden, die ein Rockstar braucht, um als solcher erkannt zu werden, er führt sie aber durch Überzeichnung gern ins Lächerliche.

Man sollte dabei nicht vergessen, dass La Chiva Gantiva viel musikalische Potenz besitzen. Die funkigen lateinamerikanischen Rhythmen sitzen perfekt, die Rockzitate haben den nötigen Biss, und dank der guten Arbeit von Martin Mereau am Schlagzeug, Tuan Ho Duc am Saxofon und Jose Buc Chavez am Bass werden auch Songs in Rap- oder Soulmanier bestens umgesetzt.

La Chiva Gantiva bewies beim Kultursommer: Musik nach Ländergrenzen zu ordnen ist eigentlich unsinnig. Klänge überwinden alle Hindernisse, wenn sie gut sind. 2500 Zuschauer winkten der Band noch lange und fröhlich hinterher.

Klaus Fricke

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