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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Kunst großer Meister in kleinen Formaten

24.12.2016

Oldenburg /Dangast Handys gab es zum Glück noch nicht, als die Maler Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel ihre Sommer Anfang des vergangenen Jahrhunderts am Jadebusen verbrachten. Denn sonst hätten die „Brücke“-Künstler vermutlich SMS verschickt von diesen „Wahnsinns-Farben“, die sie so sehr inspirierten.

Für Förderer und Freunde

Damals war es vor allem die gute alte Postkarte, mit der Weltkunst von Dangast aus verschickt wurde – und davon haben viele Exemplare in Schubladen, Kartons und heute in den Museen und Archiven überlebt. Die Künstlerpostkarten wurden von den Malern als Multitalente im kleinen Format eingesetzt: Sie warben für große Kunst oder kündeten von Freundschaftsgrüßen. Man traf schnelle Verabredungen über Postkarten zwischen Dangast und Dresden, Hamburg und Berlin. Wenn Förderer und Freunde die Karten mit den rauschenden Farben in der Post fanden, entdeckten sie Motive von Fischern und Bauern mit blauen Gesichtern. Progressive Sammler konnten sich für ein nie gesehenes Verhältnis von Farben, Linien und Flächen begeistern, mit denen Watt und Weiden auf den Karten aneinanderstießen.

Was Schmidt-Rottluff (1884-1976) und Erich Heckel (1883-1970) damals in Friesland an großen Formaten malten, hängt heute in New York, Paris, London, Hamburg und München in den berühmten Museen – und einiges davon noch bis zum 22. Januar im Augusteum in der Ausstellung „.... die Welt in diesen rauschenden Farben“.

Damit kehren die Werke nach mehr als 100 Jahren in das Oldenburger Land zurück, wo sie einst entstanden. Für Rainer Stamm, Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte, ist vor allem das leuchtend rote Bild „Deichdurchbruch“ (1910) von Schmidt-Rottluff, das auf den Plakaten für die Augusteum-Ausstellung wirbt, auch ein Schlüsselwerk dafür, dass der Künstler sich in Dangast endgültig „als Erneuerer der Weltkunst“ dem Expressionismus zuwandte. Mithin ist die Ausstellung für Stamm nicht nur unter lokalpatriotischen Gesichtspunkten wichtig.

Außer Schmidt-Rottluff und Heckel gehörten Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) und Fritz Bleyl (1880–1966) zur Künstlergruppe, später kamen noch Max Pechstein (1881–1951) und Otto Mueller (1874–1930) dazu. Selbst Emil Nolde (1867–1956) brachte sich anderthalb Jahre ein.

Was die Künstler mit schnellem Duktus auf Postkarten skizzierten, waren nicht nur Entwürfe für die großen Bilder, sondern eigene kleine Kunstwerke. „Die Postkarten der „Brücke“-Maler bilden eine herausragende eigene künstlerische Gattung“ schreiben Rainer Stamm und Kuratorin Gloria Köpnick im Katalog. Für Wissenschaftliche Untersuchungen sind sie Forschungsobjekte, die Auskunft über Stilveränderungen, Freundschaften und Korrespondenzen geben.

Heute werden die Karten in Auktionen als kostbare Kleinode aufgerufen, wie etwa am 1. Dezember bei Grisebach in der Berliner Fasanenstraße, als der Hammer erst bei 50 000 Euro niedersauste. Diese runde Summe brachte eine Karte von Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), die er 1905 aus Moritzburg bei Dresden an „Herrn Schmidt-Rottluff, Dangast b. Varel“ geschickt hatte.

Ein ganz ähnliches Motiv findet sich in der Oldenburger Ausstellung. Diese Karte, bemalt mit Tusche und Farbkreiden, zeigt auch „Badende am Teich“, und Kirchner hatte sie 1909 in den Postkasten geworfen. Mehr als ein Dutzend Künstlerpostkarten – viele aus dem Brücke-Museum am Berliner Bussardsteig – hängen in der Ausstellung im Augusteum und stehen für einen lebendigen Austausch.

Nicht wenige Karten von damals gingen auch Richtung Hamburg an Dr. Rosa Schapire (1874-1954). Die Journalistin und Förderin begeisterte sich früh für die Brücke-Künstler, förderte und warb für sie in ihren Artikeln und Reden. Im Augusteum hängt ein beeindruckendes Porträt dieser Frau, die nicht weniger als 120 Künstlerpostkarten gesammelt hatte. Es ist jenes Porträt von Schmidt-Rottluff, das vergangenes Jahr auch in der vielbeachteten ImEx-Ausstellung „Zeitenwende“ in Berlin zu sehen war. Als Jüdin musste Rosa Schapire bei ihrer Emigration 1939 den größten Teil ihrer Kunstsammlung im Nazi-Deutschland zurücklassen. Doch wie Kuratorin Gloria Köpnick berichtet, rettete sie eine große Holzschachtel mit Künstlerpostkarten als wertvollen Schatz ins britische Exil nach London. Viele davon lagern heute im Brücke-Museum und sind digitalisiert.

Aktion kommt gut an

Im Augusteum wird dieser Tage mit dem Smartphone so manches Selfie gemacht, immerhin haben schon 5680 Besucher die Ausstellung gesehen. Aber trotz aller Begeisterung für das Digitale, inspiriert der Raum mit dem gut ein Dutzend gezeigten Künstlerpostkarten auch viele zum Malen: Mehr als 6000 von der Citipost bereits frankiert zur Verfügung gestellte Postkarten wurden schon bemalt, geschrieben und verschickt. Citipost-Geschäftsführer Jan Fitzner meint: „Wir freuen uns, dass die Ausstellung so erfolgreich ist und unsere Aktion gut ankommt.“

Und wer weiß, wie viele Postkarten in Schubladen, Schachteln und Schatullen überleben und auch irgendwann in einem Museum gezeigt werden als Relikte einer Zeit, in der noch auf Papier geschrieben wurde.

Sabine Schicke stv. Redaktionsleitung / Redaktion Oldenburg
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