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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Dieser Künstler schafft sich sein eigenes Publikum

10.11.2018

Oldenburg Nein, an ein „Selfie“, also ein Selbstporträt in der ihm so eigenen Bildsprache, habe sich Andrey Gradetchliev noch nie wirklich bewusst herangewagt. Bis jetzt, bis zur Ausstellung „Prêt-á-Portrait“, die er im Schauraum des Stadtmuseums eröffnet hat. Nicht aber, um die eigenen markanten Gesichtszüge dort verewigt zu wissen, sondern weil die NWZ ihn beim Atelierbesuch darum bat ... 15, vielleicht 20 Versuche habe er benötigt, sagt er fast entschuldigend. Unterm virtuosen Strich war’s also eine echte Herausforderung.

Das mag verwundern, mit Blick auf die hier nun tatsächlich ausgestellten Arbeiten ja geradezu kurios erscheinen. Denn die Werke des 51-Jährigen sind voller Leichtigkeit, geradezu lebendig und aktiv. Das gilt insbesondere für all die in ihrer Ganzheit und teils lebensgroß klassisch bis expressiv illustrierten „Typen von Mensch“, aber eben nicht nur. Als besondere Form des Porträts ließen sich da durchaus auch Gradetchlievs Stillleben bezeichnen, hier „Hafenvariationen“ genannt – technisch voller Leidenschaft, dafür aber menschenleer und in wie trotz all ihrer funktionellen Nüchternheit hoch intensiv. Optische Gegenstücke allemal zu Auftragsarbeiten wie jenem Elch, den der 51-jährige Grafiker, Maler und Illustrator für die Kinder- und Jugendbuchmesse Kibum entwickelte. Unter anderem. Der Mensch lebt halt nicht von freier Kunst allein.

Wenn der Oldenburger über eigene Motivation und Ansprüche sinniert, fallen Sätze wie diese: „Die Hand fungiert in gewisser Weise als individueller Seismograph unserer inneren Stimmung, in seinen Ausschlägen und Vibrationen spiegeln sich unsere Gefühlslage, unsere körperliche Verfassung, unser Lebensalter, das kulturelle Umfeld und zeichnerische Fähigkeiten. Und all diese Faktoren zusammen hinterlassen eine einzigartige charakteristische Spur.“

Seine eigenen Spuren hat Gradetchliev indes längst in alle Welt gelegt – was nicht allein dem bloßen Lebensweg (geboren in Sofia/Bulgarien, Kindheit in Ulm, Studium an der Akademie für Bildende Kunst, Stipendiat in Niedersachsen, Theatermaler in Bayern, Assistent von Soll LeWitt in Brüssel und St. Gallen und vieles mehr) geschuldet ist. Denn da gibt es ja beispielsweise seine besondere „Massenware“, die Käufer unter anderem in New York gefunden und begeistert hat. Dabei handelt es sich um riesige Leinwände, neben- und hintereinander voller Variationen des Typus’ Mensch. Der Familienvater mit Atelier in der Etzhorner Brennerei Hilbers nennt diese Arbeiten „Lineare Meter Publikum“.

Es ist ein Spiegelspiel zwischen Kunst und Betrachter, Blicke wechseln, Positionen tauschen, Auge in Auge in Auge in Auge. Seit vielen Jahren schon erarbeitet sich Gradetchliev Meter um Meter Mensch in Strich und Fläche, in Zeit und Raum: Die Leinwand entwickelt sich über viele Kalenderläufe hinweg, die eingebrachten Typen weiter. 34 Meter hat er auf diese Weise schon geschaffen, viele von ihnen sind in Nah und Fern verkauft, eine Warteliste für weitere seiner Meter-Menschen und Meta-Typen gibt es nicht minder. „Ich betrachte die Arbeit als Dokumentation meines künstlerischen Lebens, werde das wohl bis zum Ende meiner Tage machen“, sagt er, „mal sehen, wie viele es da noch werden.“

Es ist aber nur ein Part seines künstlerischen Wirkens, entsprechend auch nur als Drittel in seiner „Prêt-á-Portrait“-Schau zu sehen. Ein zweites sind jene bereits vermerkten Hafenvariationen, Teil drei und somit auch Namensgeber des aktuellen Schauraum-Auftritts sind die vielfarbigen Laufsteg-Eindrücke, die er in Antwerpen sammelte. Zugegeben, Mode sei ihm nie wirklich ein Thema gewesen, so gibt er zu Protokoll. Visuell, aber auch zwischenmenschlich in all den emotionalen Ausbrüchen vor Ort, habe ihn das Spektakel an der Akademie seiner Tochter jedoch beeindruckt. Das belegt er hier dann in zwölf weiteren spannenden Arbeiten. Die eigene Mutter Balletttänzerin, der Vater bekannter bildender und vor allem prägender Künstler wiegleich Bekanntschaft von Horst Janssen, selbst dann mit 14 Jahren auf einem Kunstgymnasium – für den jungen wie den älteren Gradetchliev war „Kunst immer das Hauptthema“, sagt er. Ein rein künstlerisches Dasein, das freie Schaffen, aber war ihm viel zu unsicher, „offenbar bin ich so gebaut“.

Daher „diene“ er auch weiterhin gerne der puren grafischen Arbeit, dem Layouten und Illustrieren fremder Wünsche. „Das macht mir Freude – und empfinde ich auch als sehr verwandt. In einigen Kreisen ist `illustrativ´ negativ beladen, das finde ich überholt“, sagt er – und widmet sich schließlich noch ein wirklich letztes Mal seinem Selbstporträt: „Meine Schultern hängen viel zu tief, da muss ich wohl noch mal ran ...“

Marc Geschonke Redakteur / Redaktion Oldenburg
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