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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Wie das Böse schleichend hoffähig wird

07.05.2018

Oldenburg Musik, Bilder und Worte greifen eindringlich ineinander. Die deutsche Komponistin Sarah Nemtsov und die amerikanische Historikerin Deborah Esther Lip-stadt haben sich nicht abgesprochen.

Doch die Uraufführung des musikalischen Werks „Fenster. Shloshim” von Nemtsov und der aufrüttelnde Vortrag der Antisemitismus-Forscherin Lipstadt aus Atlanta (USA) ergänzen sich in bedrückender Weise.

Anlass ist die Verleihung zweier bedeutender Preise der Stadt Oldenburg durch Oberbürgermeister Jürgen Krogmann vor 200 geladenen Gästen im Kulturzentrum PFL. Lipstadt (71) wurde der höchst renommierte Carl-von-Ossietzky-Preis zuerkannt, Nemtsov (37) hingegen der Kompositionspreis für Zeitgenössische Musik. Sprache und Töne vereinigen sich im Aufruf zu Mut, Zivilcourage und Engagement gegen das schleichende neue Gift des Antisemitismus.

Die vier Musiker des isländisch-deutschen Ensembles „Adapter“ legen mit Flöte, Klarinette, Harfe und Schlagzeug einen Grund für nachdenkliche Ruhe, für Innehalten, aber sie rütteln auch auf. Die in Oldenburg aufgewachsene, in Berlin lebende und derzeit in Haifa lehrende Nemtsov hat das Werk im Gedenken an ihre im vorigen Jahr gestorbene Mutter geschrieben, der Malerin Elisabeth Naomi Reuter.

Das Quartett entwirft eine wunderbare Vielfalt an Schwebeklängen, unterbrochen von marschartigen Episoden oder Aufschreien. Wenn Becken und Harfensaiten mit dem Bogen gestrichen werden, entstehen Klänge von größter Zartheit. Wer sich in die kompakt gefasste Musik hineinziehen lässt, wird sie als eingängig empfinden.

30 Bildprojektionen korrespondieren mit den 30 Teilen des Werkes. Bei den von der Malerin Reuter dargestellten Menschen lösen sich allmählich die Konturen auf, am Ende bleiben zwei angsterfüllte Augen übrig. „Meine Mutter ist sehr der Frage nachgegangen, ob das unsagbare Grauen der Shoa, des Holocaustes, bildnerisch mitgeteilt werden kann”, erläutert Nemtsov.

Thomas Roth, ehemaliger Fernseh-Moderator der „Tagesthemen“, würdigt in seiner Laudatio Lipstadt als eine große Persönlichkeit, die „das Gedächtnis an die Opfer erhellt und erhält.“ Er verweist auf die heutige Zeit, „in der das Faktenverdrehen zum politischen Alltag zu gehören scheint.“ Man brauche keine „Drehung des Geschichtsbewusstseins um 180 Grad”, sondern „Wissenschaftler mit Zivilcourage wie Sie“.

Lipstadt räumt in einem weiten geschichtlichen Rückblick ein, dass sie Holocaust-Leugner anfangs „einfach nur für Idioten” gehalten habe. Doch ihr Gespür für die wirkliche Gefahr des neuen Antisemitismus hatte sich rasch und nachhaltig entwickelt: „Da werden Lügen in Meinungen verwandelt.” Die sozialen Medien spielen dabei eine tragende Rolle.

„Viele, von Lügnern über Verdrehern bis zu Islamophoben, finden hier eine Plattform.” Da werde manches einfach so allmählich hoffähig: „Hören Sie nur hin, wie oft zum Thema Holocaust heute argumentiert wird mit Ja - und dann folgt ein Aber...“

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Kulturzentrum PFL

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