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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

So kurzweilig war die lange Nacht der Museen

25.09.2017

Oldenburg Die Wahl der möglichen Qual wurde am Sonntag entschieden, die tatsächliche Qual der Wahl hatten die Oldenburger aber schon tags zuvor: Gleich neun potenziell begeisternde Häuser standen in der „Nacht der Museen“ für einen Besuch zur Auswahl. Richtig entschied, wer allen Kandidaten eine Chance gab – und das nicht allein wegen der Rekordwerte auf dem Schrittzähler.

65 Punkte weist das Programm zur Aktionsnacht aus. Fünfundsechzig. Was andere Veranstalter in einer Woche anbieten, haben hiesige Museen in sechs Stunden gepackt. Ganz schön ambitioniert, mag sich der geneigte Besucher denken und einen heiklen Terminplan entwerfen: Lieber zum Mercurio-Konzert im Schlosssaal oder den Tuesbrassers in den Museumsgarten? Die Quiz-Rallye im Computer-Museum oder die Fragenkarten des Forschungslabors beim Kunstverein? Speerschleuderwerfen am Damm oder Shampooflaschenkleben im Schlossatelier? Und überhaupt: Lieber mit dem Fahrrad oder zu Fuß? Nun, Gegenfrage: Warum „oder“? Die Nacht ist jung, die Temperatur angenehm – und allzu weit liegen die Häuser ja auch nicht auseinander.

Wer irgendwann und irgendwo den Überblick verlieren mag, muss sich nicht sorgen: Verlaufen kann man sich als Teil dieser Massenwanderung im Herzen der Stadt schließlich nicht. Überhaupt: „Einfach mal treiben lassen“, so das Ziel von Dieter aus Eversten, ist sicher nicht die schlechteste Wahl: „Meine Frau möchte ins Schloss, ich zu den Computern, da war ich noch nie. Mal schauen, wer gewinnt!“

Bitte nicht schämen!

Dabeisein ist halt alles – haben sich auch die durchaus aufgeregten Mitglieder des Computermuseums am Bahnhof gedacht. Kommen an den Öffnungs-Dienstagen im Schnitt zehn Besucher in die interaktive Ausstellung, wäre eine dreistellige Zahl an diesem Premieren-Abend „eine irre Zahl“, wie sie hier sagen. Rund eineinhalb Kilometer weiter südlich, beim weitestentfernten Mitbewerber – dem Landesmuseum Natur und Mensch –, hat man diese Zahl schon zwanzig Minuten nach offiziellem Start in die Nacht erreicht. Weitere 40 Minuten später sind bereits über 350 Besucher vermerkt.

Ob’s an den vor allem kinderfreundlichen Mitmach-Aktionen liegt? Während Titus Nau – „seit Samstag schon sieben Jahre alt!“ – hier draußen Speere auf aufgemalte Steinböcke schleudert, sägt, schleift, bohrt und klebt Joost (8) sein Regenmacherrohr im Obergeschoss. Im Erdgeschoss hingegen kiebitzt, goldregenpfeifert und möwt sich Vogelstimmenimitator Dr. Uwe Westphal mit etwa 60 kleinen wie größeren Gästen durch die Moor-Ausstellung. Randnotiz: Im Computermuseum hat die Zahl der Besucher derweil längst die Menge der Helfer (10) übertroffen.

Um kurz nach 20 Uhr knallt es plötzlich im Augusteum. Nicht zum ersten und wohl auch nicht zum letzten Mal ist jemand gegen die Automatikschiebeglastür gerannt. Weil parallel dazu das „Duo 21“ auf dem Treppenabsatz mit Querflöte und Gitarre alle Augen und Ohren auf sich lenkt, muss sich der Herr seines Errötens nicht schämen. Apropos! Dass sich Erwachsene im Edith-Russ-Haus an der Peterstraße ausgerechnet von Dreikäsehochs die Welt, insbesondere das Meer, erklären lassen, muss ihnen nicht peinlich sein. Im Gegenteil. Was die NGO-Schüler mit ihrer AG „Na, Erde?“ zum Projekt „Aquasphäre“ auf die Beine gestellt haben, ist beachtlich. Hier erläutern sie, warum Dimethylsulfid der Duft des Meeres ist, dort die Mindestangelgröße für Kabeljau, und weiter drüben klären sie dann auch noch so praktisch wie informativ über den Klimawandel auf. „Wir wollen die Augen der Besucher dafür öffnen“, sagt Neuntklässler Marten Preißig. Chapeau!

Während parallel im Schloss Neuankömmlinge verzweifelt mit den klebenden Eins-für-alles-Eintrittsbändchen kämpfen, füllen sich im Computermuseum die Seiten des Gästebuchs: „Wahnsinn“, unterbrechen hier Begeisterungslaute und glückliches Juchzen immer wieder das Klicken des Besucherzählers, „einfach Wahnsinn“.

Innere Dialoge

„Einen Tick kälter als im letzten Jahr“, empfindet’s Rainer Stamm – seines Zeichens Direktor des Museums für Kunst und Kulturgeschichte – und scheint überglücklich damit, „ganz wunderbar zum Herumspazieren!“ Das macht er dann auch gleich mit den zahlreichen Schlossbesuchern, die sich die exklusive Baustellenführung der noch unvollendeten Ausstellung „Alles Design, oder was?“ nicht entgehen lassen wollen.

Oder wollen sie etwa zur Führung des Grafen? Dem Improtheater vielleicht? Na, was auch immer der Wunsch ist – er wird erfüllt.

Allen 1500 allein hier im Schloss eingebuchten Gästen. 870 werden’s im Prinzenpalais sein, 600 im Augusteum, 1400 Besucher sind dann gesamt im Museum Natur und Mensch gezählt. „Tolle Zahlen, muss man so sagen“, wird um drei Minuten vor Mitternacht auch ein Herr im Schlossfoyer sagen, der im Abendverlauf kaum mit Bändchenkleben und Kassieren hinterherkommt. Dieses „Problem“ kennt man nun auch im Computermuseum: „Über 300! In dreieinhalb Stunden!“ Gefühlt sind’s allein schon 300 zeitgleich, die sich noch kurz vor Toreschluss im Stadtmuseumsgarten fußwippend und Gläser klirrend zuprosten, diese zauberschöne Nacht und ihre sinnliche Abendtour mit Jazz und Funk im wahrsten Sinne ausklingen lassen. Noch einmal so viele erleben parallel die Innenräume und das Horst-Janssen-Museum zu ungewohnter Stunde in ganz eigener Atmosphäre.

Im Prinzenpalais gehen immer noch Plakate früherer Ausstellungen weg wie warme Semmeln, beim Kunstverein gegenüber fliegen hingegen die Holzschnitze, weil Besucher hier gemeinschaftlich ein Kunstwerk mit Schweiß und Händen erschaffen. Ganz viel Praxis und zudem Theorie – zum gemeinschaftlichen, aber auch inneren Dialog gibt’s unter anderem Fragen wie „Darf Kunst provozieren?“ Die Antwort: Ja! Begeistern aber auch. Reizen. Animieren. Und kindlichen Spaß bereiten!

So wie im Computermuseum, wo bis Mitternacht 497 Besucher zum virtuellen Bungee-Jumping, Tauchgang und dem Gang durch die digitale Geschichte gezählt werden. „Wir wollen, dass hier alle wider glücklich rausgehen“, so der stille Wunsch zu Beginn. Am Ende weiß man: Sie alle werden wiederkommen. Ebenso glücklich.


Mehrere Bilderstrecken unter   www.nwzonline.de/fotos-oldenburg 
Marc Geschonke
Redakteur
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2107

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