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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Schrei nach Liebe in Regenbogenfarben

17.06.2019

Oldenburg Rot. Orange. Gelb. Grün. Blau. Violett. Die Farben des Regenbogens. Und am Samstag die Farben der Oldenburger Innenstadt. Bunt leuchten sie von kleinen und großen Flaggen, Mützen, Regenschirmen, Taschen und Kniestrümpfen. Regenbogenfarbene Tücher fungieren als Umhänge, zieren Hüften und Köpfe. Auf Wangen kleine bunten Flaggen, um die Augen viel Glitzer. Auch Peter Friedrich Ludwig, beziehungsweise sein Denkmal auf dem Schlossplatz, feiert zwangsläufig mit und trägt passend zum Anlass eine bunte Flaggengirlande.

Es ist Christopher Street Day (CSD). Wie immer ein besonderer Tag in der Stadt und in diesem Jahr noch ein wenig mehr. Beim CSD Nordwest wird zum 25. Mal demonstriert. Nach Zählung der Veranstalter sind 12 000 Teilnehmer (plus 5000 Zuschauer) gekommen, um gemeinsam für ihre Sache auf die Straße zu gehen und zu feiern.

Liebe und Glaube

Keine Glaubensfrage: (von links) Dennis Beer, Norgand Schwarzlose, Lisa Beyer und Carlos Rezende

Darunter die vier Freunde Dennis Beer (34), Norgand Schwarzlose (39), Lisa Beyer (34) und Carlos Rezende (26). Auf einem selbstgebastelten roten Pappschild steht in schwarzen Lettern „Freie Liebe mit jedem Glauben“. Mit Burka, Hidschab, Kippa und Nonnengewand unterstreichen sie ihre Botschaft. „Unabhängig von Religion und Glaube sollte jeder jeden lieben dürfen“, sagen sie. Sie selbst würden sich eher als Agnostiker bezeichnen.

Gegen 13 Uhr setzt sich der Zug aus Demonstranten in Bewegung. Darauf haben viele lange hingearbeitet. Insgesamt haben sich 41 Gruppen angemeldet, 18 Demowagen und 23 Laufgruppen. Dabei das Staatstheater Oldenburg, der Schwulen- und Lesbenverein Oldenburg „Na Und“, die EWE, die Männerfabrik, Amnesty International, die Helene-Lange-Schule, die IGS Kreyenbrück und viele mehr. Auch in diesem Jahr ist deutlich zu sehen, dass viele junge Teilnehmer dabei sind. Dies bestätigt Kai Bölle, der Pressesprecher des CSD Nordwest: „Der CSD wird weiblicher und jünger.“

Was ist heute anders als vor 25 Jahren? In der Vergangenheit seien viele heimlich mitgelaufen, hätten dies niemals außerhalb dieser Veranstaltung zugegeben, sich nicht öffentlich zur eigenen Neigung bekannt, geschweige denn für ihre Rechte gekämpft. Manch einer würde auch heute Abend nach Hause fahren und das Make-up abwaschen, bevor es irgendjemand mitbekommen könne, erzählt Bölle.

Alles Bildergalerien, Livevideos und mehr zum CSD im Überblick

Doch Oldenburg sei mutiger geworden. Wiebke Eckel, Lehrerin an der Helene-Lange-Schule, zeigt stolz auf den Demowagen ihrer Schule. „Das ist meine Schule! Meine Schüler!“ Vor zehn Jahren hätte sie sich nicht getraut, offen vor ihre Schüler zu treten, geschweige denn aktiv an der Demo teilzunehmen. Nun fährt ein eigener Wagen ihrer Schule mit. Eckel ist sichtlich gerührt. „Das ist ein so schönes Gefühl!“. Sie trägt ein Armband mit den Worten „Henrik(e) liebt Stefan(ie)“, entworfen von den Schülern der HLS.

Laute Musik ertönt von den Wagen, die mit bunten Luftballons und Bannern geschmückt sind. Drumherum laufen, tanzen und singen CSDler jeder Altersgruppe. Sie schwenken Fahnen, präsentieren ihre Demoschilder, hier und da wird ein Küsschen verteilt. Die Demonstranten verkörpern das diesjährige Motto in Gänze: „Vielfalt statt Einfalt“.

Die Sonne schiebt sich immer mal wieder durch den dichten Wolkenhimmel und verdrängt die wenigen Regentropfen. Der ein oder andere nackte Oberkörper ist zu sehen. So, wie sie sich gerne zeigen möchten, ganz ungeniert, tanzen die Demonstranten auf den Wagen oder in der laufenden Menge.

Nicht alles erreicht

Die Demo startet am Schlossplatz, entlang dem Staugraben, über den Pferdemarkt, zieht dann mitten durch die Fußgängerzone und endet nach knapp zwei Stunden wieder vor dem Schloss. Auf der Hauptbühne berichten nun Vertreter verschiedener Gruppen und Vereine aus dem LSBTI-Bereich (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle) über die aktuelle Situation in Oldenburg und im Norden. Überdies richten sie ihre Forderungen an die Politik und Gesellschaft.

Aber – ist das überhaupt noch nötig, fragt sich mancher? Muss noch für Rechte demonstriert und gekämpft werden? Rechtlich und gesellschaftlich wurde vieles erreicht. Jedoch nicht genug. Eine zentrale Forderung ist die Ergänzung des Artikel 3 im Grundgesetz um das Merkmal der sexuellen und geschlechtlichen Identität.

Laura Willms (links) und Vivien Sandt

Gerade was das Transsexuellengesetz angeht, bedarf es einer Reform, so das Anliegen des CSD. Die 53-Jährige Vivien Sandt hat 39 Jahre quasi im falschen, nämlich einem männlichen, Körper gelebt und weiß aus eigener Erfahrung um die Schwierigkeiten. „Gerade jetzt dürfen wir nicht aufgeben, das wäre ein Rückschritt“.

Alle Artikel zum CSD Nordwest finden Sie hier

Diese Meinung teilen auch Sebastian Brand (31) und Oriol Sanchez i Tula (32) aus Oldenburg. „Wir brauchen noch mehr Normalität, mehr Transparenz, deshalb repräsentieren wir uns weiterhin“, sagt Brandt. Und das laut und bunt. „Wir wollen freie Liebe mit allen Rechten und Pflichten!“

Sebastian Brandt (v.li.), Alexander Prince Osei und Oriol Sanchez i tula

Das Kulturfest ist in vollem Gange. Das Programm so bunt wie die CSDler selbst. Vereine und Künstler halten kurze Reden. Für musikalische Unterhaltung sorgen mehrere Bands und Künstler, unter anderem das Duo Flinte, bei dem es um Freundschaft, Abenteuerlust und das einfache Leben geht.

Auch von der Lambertikirche her ist Musik zu hören. Hinter der Kirche legen verschiedene DJs auf und hunderte von CSDlern haben den Bereich drumherum in eine große Tanzfläche verwandelt. Die Menge jubelt und hüpft. Hände sind in der Luft und alle singen mit. Ein Pärchen knutscht an einem Baum, die Welt um sich herum hat es vergessen. Hier fühlt sich heute niemand unwohl. Offen zeigen sich die Teilnehmer mit gewagten Outfits, bauchfrei oder obenherum komplett nackt.

Vom DJ-Pult kommen Seifenblasen und mischen sich unter die tanzende Menge. Plötzlich ertönt Robbie Williams mit „Angel“ aus den Lautsprechern. Es wird ruhiger, Hände bewegen sich im Takt, die Tanzenden rücken näher zusammen. Es wird noch bis in die Abendstunden gefeiert. So friedlich wie der Tag begann, endet er auch. Bis auf kleine Verletzungen, die schnell von den Sanitätern behandelt werden konnten, verlief alles ohne Komplikationen. Alle Beteiligten ist klar: CSD kommt auch nächsten Jahr wieder.

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