• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Poetisch. Köstlich. Gut.

20.07.2019

Oldenburg Großzügige Wohnung gesucht. Mitten im Grünen. Ruhig und unbezahlbar. Gibt es nicht? Doch, wer Lessing heißt und über die wohlklingenden Vornamen Gotthold Ephraim verfügt, benötigt dafür keine Schufa-Dokumente. Nun schon im dritten Jahr bezieht der alte Herr Lessing (Ralf Selmer) als einer der „Großen Literaten“ diese sommerliche Dependance im großherzoglichen Schlossgarten für die kurze Zeit des Kultursommers und lädt sich erlesene Gäste ein.

Johann Wolfgang von Goethe (Jörg Hemmen) und Bettina von Arnim (Brit Bartuschka) sind gerne wieder gekommen zum poetischen Theaterabend, gehören sie doch mittlerweile zu seinen Stammgästen. Weil Dichter und Denker Publikum brauchen, um zu glänzen, öffnet der gesellige und lebenslustige Lessing seinen Garten für das Volk. Lange Gartentische und Bänke lässt er in diesem Jahr aufstellen und ausgesprochen freundliches Servicepersonal steht für Speis und Trank bereit.

François Villon (Ulf Goerges) streift durch die Reihen, ergaunert sich hier und da einen Wein, umgarnt die Frauen und erzählt ihnen Gaunerballaden und zotige Geschichten über „Suff und Weiberei“. Mehrmals erwähnt später die vornehme Bettina von Arnim, sie hätte gut auf Villons Anwesenheit verzichten können. Auch der alte und klapprige Johann Wolfgang von Goethe mischt sich unter das Volk und sucht das Gespräch. Es fällt ihm sichtlich schwer, sich zu konzentrieren. Sein körperlicher und geistiger Verfall sind unübersehbar. Gestützt auf seinen Handstock beklagt er sich über die fortschreitende Gebrechlichkeit mit: „Steif geworden sind alle Glieder – bis auf eins“ und versucht sich immer wieder neu mit Rezitationen aus seinem „Erlkönig“.

Vergebens. Der misanthropisch wirkende Alte kriegt es einfach nicht mehr auf die Reihe und resümiert: „Nach den Jahren der Last kommt die Last der Jahre“. In der Zwischenzeit ist es dunkel geworden. Der erste Dinnergang ist aufgetischt und die Nachtfalter schwirren im Licht. Die stimmungsvolle Beleuchtung im Garten trägt dazu bei, sich den poetischen Ausführungen des Gastes mit der längsten Anreise zuzuwenden. Omar Khayyam (Farhad Faseli), weißer langer Rauschebart und Vertreter persischer Dichtkunst, aber auch Wissenschaftler des 11. Jahrhunderts, spannt dann doch auf amüsante Art den Bogen zum heutigen Iran und zum Islam.

Herr Lessing als Gastgeber und die couragierte Bettine, so nennt er sie liebevoll, kündigen den zweiten Gang des Dinners mit Couscous und Dessert an. Vom leichten Nieselregen, der sich glücklicherweise rasch verzieht, zeigen sich zwei grüne Grashüpfer zwischen den Gläsern und dem Fladenbrot unbeirrt. Nachdem der kulinarische Hunger gestillt ist, animiert Herr Lessing die Gäste zu körperlicher Ertüchtigung und verführt sie zu einem Tänzchen auf der grünen Wiese.

Dann wird es doch noch etwas ernster, als Pablo Neruda (Roberto Presta) auf die Bühne tritt und aus seinem Leben in Madrid zur Zeit des Bürgerkriegs erzählt. Seine Texte überzeugen nicht nur inhaltlich, sondern erreichen durch den spanischen Akzent einen unvergleichlichen Charme und hohe Authentizität. Nicht anders werden Bert Brecht (Björn Kruse) und Helene Weigel (Erich A. Radke) erlebt. Unverkennbar ist ihr Erscheinungsbild. Helene Weigel begleitet Brecht zu seinen Liedern ernsthaft und stilgerecht auf der Gitarre.

Wenn es um „Tod und Liebe als die großen Dinge des Lebens“ geht, dann haben wir es mit Astrid Lindgren (Lotta Borries) zu tun. Mit ihren Ideen und ihrer Lebenshaltung verweist sie auf Greta Thunberg und fühlt sich sehr verbunden. Das Ehepaar Zelda und F. Scott Fitzgerald (Janina Föllmer, Simon Windrich) verkörpert erfrischend und miteinander streitend die „Goldenen 20er Jahre“ im literarischen Bohème von New York: „Ich will jung sein und machen was ich will“, lautet die Devise. Gegen Mitternacht greift Leonard Cohen (Uwe Bergeest) zur Gitarre. Er ist aus Kanada eingereist und hat seine entzückende Muse (Julia Klingler) mitgebracht, die ihn stimmungsvoll mit ihrem Gesang begleitet.

Mit Gesang, und zwar gemeinsam mit der Melodie „Die Gedanken sind frei“, findet der Sommerabend bei Herrn Lessing seinen Abschluss. Mit brennenden Fackeln begleiten die großen Literaten persönlich die zufriedenen und beglückten Gäste aus dem großen Garten. Hoffentlich bis zum nächsten Jahr.
 An diesem und kommenden Samstag, 27. Juli, gibt es ab 21.30 Uhr noch einmal Gelegenheit, mit den „Großen Literaten“ zu dinieren.


  www.kulturetage.reservix.de 
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.