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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Tanzen wie beim Sonnenkönig

15.02.2020

Oldenburg Festbeleuchtung im Oldenburger Schloss. Der große Saal wird zur Bühne des Barock. In prachtvoller Kleidung betreten Iris Michaela Schmidtmann und ihr Tanzpartner Kenichi Ikei das Parkett. Zunächst eine höfliche Referenz, dann die Startposition mit ballettartig nach außen gedrehten Füßen, ein anmutiges Heben auf die Fußballen – und das „Menuett auf dem Zett“ beginnt. Es ist faszinierend, die würdevolle Körperhaltung, die zierlichen Schritte und Gesten, das Hin und Her auf dem gedachten „Z“ und die perfekte Symmetrie des Paares zu verfolgen.

Doch im Barock war der höfische Tanz nicht nur ein belangloses Vergnügen. Er galt als Prüfstein der Gesellschaft, an dem sich jeder bewähren musste, der beim Adel anerkannt sein wollte.

Tägliches Training

Eine andere, uns heute fremde Welt eröffnet sich, wenn Iris Michaela Schmidtmann von ihrer Profession erzählt. Seit fast 30 Jahren beschäftigt sich die Tanztherapeutin mit historischen Tänzen und deren kulturellem Hintergrund. Zum Barocktanz kam sie über ein Kontaktstudium an der Akademie für Alte Musik in Bremen. „Diese rhythmusorientierte Musik ist einfach mein Ding – und tanzen wollte ich schon immer“, erklärt die sportlich durchtrainierte Frau. Denn auch das gehört zu ihrer Kunst: tägliches Körpertraining und jede Woche Ballettunterricht.

Wo und wann der Barocktanz entstanden ist? Das wisse niemand so genau, gibt die Expertin zu. Fest stehe allerdings, dass der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. eine zentrale Rolle dabei spielte. „Er war ein großer Tänzer, der den Tanz als grundlegende Körperübung auch für alle anderen höfischen Disziplinen wie Reiten oder Fechten ansah.“ Bereits drei Wochen nach Amtsantritt, im Jahr 1661, rief er die „Académie Royale de Danse“ ins Leben, eine auf ganz Europa ausstrahlende Tanzschule.

Der berühmte Tanzmeister Pierre Beauchamp entwickelte außerdem eine spezielle Tanzschrift, mit der die bei Hofe beliebten Choreografien aufgezeichnet und verbreitet werden konnten. „Natürlich wollte damals jeder Adelige so sein wie Ludwig XIV.“, betont Schmidtmann. „Jeder, der auf sich hielt, wurde von frühester Jugend an in der vornehmen Art des französischen Tanzes unterrichtet.“

Ob Menuett, Courante, Boureé oder der gesellige Kontratanz – es kam nicht nur auf die richtige Schrittfolge an. Ganz wichtig sei die persönliche Präsenz gewesen. An der Art, wie elegant man sich beim Tanz bewegte, erkannte der Adel seinesgleichen. „Nicht über eine entsprechende Körperbildung zu verfügen, bedeutete automatisch den Ausschluss aus diesen Kreisen.“

Um sich ganz in die damalige Zeit hineinversetzen zu können, legt die 56-Jährige auch bei der Kleidung Wert auf historische Details. „Ich wollte gern wissen, wie es eigentlich ist, in einem originalgetreuen Gewandt zu tanzen“, erinnert sie sich an ihre ersten Auftritte. Allerdings sind authentische Barockkleider nur schwer zu bekommen. Und wenn, dann kosten sie zwischen 3000 und 5000 Euro. Also besorgte sie sich Schnittmuster von rekonstruierten Kleidungsstücken aus dem 17. und 18. Jahrhundert und machte sich selbst ans Werk. Seitdem schneidert sie sich jede Robe sprichwörtlich auf den Leib.

Geheime Taschen

Je nach Modell braucht sie oft mehr als 100 Stunden, bis so ein Prachtstück mit all den Rüschen, Falten, Schleifchen und Schleppen fertig ist. Schmunzelnd berichtet Schmidtmann von „Depressionsphasen“ während der Herstellung eines Korsetts. „Es dauert irrsinnig lange und muss exakt auf den Körper passen.“ Jedes Täschchen zum Einschieben der zahlreichen Miederstäbe ist von Hand genäht. Als Unterbau für den Rock fertigt sie Poschen, zwei aneinandergebundene Hüftkörbe, die man damals zur Betonung der Hüftpartie trug. Gleichzeitig dienten sie als geheime Taschen, „superpraktisch, um darin Kämme, Puderdöschen oder Fächer zu verstauen.“ Auch für ihren Tanzpartner Kenichi schneidert sie „à la mode“. Früher, so verrät sie, steckten sich die Herren im Winter lebende Wachteln in die großen Jackentaschen, als Handwärmer gewissermaßen. Doch diese Zeiten sind zum Glück vorbei.

Wirklich bequem war die Mode im Barock nicht. Besonders die Damen mussten einiges erdulden. Das steife Korsett erzwang eine kerzengerade, unnatürliche Haltung. Unmöglich, beim Tanzen die Arme über Schulterhöhe zu heben. Schon das Ankleiden war eine Tortur. „Es brauchte Stunden und eine gute Kammerzofe,“ wie Schmidtmann weiß. Bereits am Abend vor ihren Auftritten beginnt sie mit den Vorbereitungen. Zum Beispiel Korkenzieherlocken drehen für den „Krautkopf“, eine im 17. Jahrhundert beliebte Frisur.

Der Aufwand ist die Mühe wert, das Publikum im Schloss begeistert. Ob sie die Zeit gern mal zurückdrehen würde? Nein, nicht wirklich. „Gerade als Frau war es damals sehr schwierig, die eigene Individualität zu leben“, erklärt Iris Michaela Schmidtmann, „und diese Freiheit ist mir sehr, sehr wichtig!“

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