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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

  Darüber spricht Mann   nicht

16.03.2019

Oldenburg Ich bin gerade nicht erreichbar, sagt eine Frauenstimme. Dann wird der Hörer abgehoben. Maren Kroymann ist erreichbar. Allerdings schwer, sie klingt gehetzt. „Es geht ganz schön rund. Gerade weiß ich nicht mehr, wo mir der Kopf steht“, sagt sie. Jetzt, nach der Bekanntgabe des zweiten Grimme-Preises kommen viele Anfragen. Für Interviews, Talkshows, Fernseh- und Radioauftritte, Charity. „Aber ich mache nicht alles“, sagt die 69-Jährige. Das schaffe sie einfach nicht. Über den Erfolg freut sich die Kabarettistin, Schauspielerin und Sängerin schon. Als Musikerin auf Tour und unter der Woche vor der Kamera stehend, hat sie einen Fulltimejob. Auf diesen Respekt, diese Wertschätzung für all das habe sie lange hingearbeitet. Eigentlich die letzten 20 Jahre.

Coming Out im Stern

Beim Publikum habe sie immer einen guten Stand gehabt, aber den Fernsehsendern und meinungsbildenden Zeitungen habe sie als Feministin nicht immer so gut gefallen, sagt Maren Kroymann. Und dann hat sie sich auch noch als lesbisch geoutet: 1993 sagt sie in einem Interview im Stern, dass sie auf Frauen steht. Ein gutes Jahr bleiben Rollenangebote aus. Sie habe das ausgehalten, weil sie einen langen Atem hat. „Mir als Person hat es überhaupt nicht geschadet. Im Gegenteil, es hat mich mutiger und standfester gemacht und mich gelehrt, dass ich nicht immer geliebt werden muss. Eigenschaften, die mir als Kabarettistin zugutekommen.“

Eine eigene Meinung hat Maren Kroymann schon immer gehabt, dass sie die eines Tages auf der Bühne und vor laufenden Kameras äußert, hat sich erst entwickeln müssen. Sie wächst mit vier älteren Brüdern in Tübingen auf. Ihre Eltern sind klassische Bildungsbürger. Der Vater Professor für Altphilologie, die Mutter promovierte Romanistin. „Ich hatte eine tolle Kindheit. Aber ich habe erst später so richtig geschnallt, dass es noch etwas anderes auf der Welt gibt als Professoren und Studenten, sondern verschiedene Schichten, von denen manche Privilegien haben und andere nicht.“

Maren Kroymann studiert Amerikanistik, Anglistik und Romanistik, geht Anfang der 70er nach Paris, liest Balzac, Flaubert, Marx, Lenin und Brecht. Als Studentin sei sie zur Feministin geworden. Damals habe man unverheiratete Frauen noch mit „Fräulein“ angeredet. Nach dem Frankreichaufenthalt zieht es die junge Frau nach Berlin. Neben und nach dem Studium spielt sie Theater. „Die Bühne hat mich angezogen. Aber ich habe nie die klassische Stadttheaterlaufbahn mit den Rollen, die es damals so gab – Gretchen, Käthchen, Ophelia – angestrebt“, sagt sie. In Stuttgart macht sie eine klassische Ballettausbildung – ohne zu wissen, wo es später hingehen soll. Ihre Eltern fördern ihr Talent, jedoch nicht den Gedanken, dieses Talent zum Beruf zu machen. In ihrem Umfeld herrscht Skepsis gegenüber dem brotlosen Künstlerleben. Wenn man schon so was macht, muss man überragend sein. Wie Therese Giehse oder Marlene Dietrich.

Sie habe lange gezögert. Auf ihren Weg macht sich die Kabarettistin 1982. In einem eigenen Bühnenprogramm interpretiert und karikiert sie Schlager aus den 50ern und das damalige Rollenbild. Zwischen den Songs macht sie Sketche. „Es ließ sich langfristig nicht verheimlichen, dass ich eine Kabarettistin bin“, sagt sie. Es gefällt den Leuten. Auch Dieter Hildebrandt, der sie in seine Sendung einlädt. „Frauen, speziell die paar, die es in meiner Generation gibt, kamen oft auf anderem Weg zum Kabarett. Zum Beispiel übers Singen. Hartgesottene Machos hielten es damals eher aus, wenn Frauen sangen als wenn sie sprachen.“

Bis jetzt sei es so: Wenn eine Frau als erotisch gilt, habet sie bessere Startchancen. „Wenn wir Glück haben, kommt zum guten Aussehen noch Talent.“ Bei einer Cindy aus Marzahn sei das wiederum anders. „Die hat sich selber verarscht. Das kam an. Eine als nicht attraktiv geltende Frau im pinken Nicki-Anzug darf sich selbst klein machen. Das gefällt. Es hat schon seine Gründe gehabt, weshalb Ilka Bessin diese Rolle aufgegeben hat“, sagt Maren Kroymann.

Allerdings habe sich die Haltung zu witzigen Frauen verändert. Nicht zuletzt durch die #metoo-Debatte sei ein anderes Bewusstsein entstanden, sagt die Kabarettistin. Inzwischen dürften Frauen auch über Politik und Geschlechtergerechtigkeit sprechen. Das war nicht immer so. „Wenn es eine Frauenquote gegeben hätte, wäre meine Sendung 1998 nicht abgesetzt worden. Oder es wäre eine andere schlaue Frau dran gekommen“, ist Maren Kroymann überzeugt, die fünf Jahre in „Nachtschwester Kroymann“ parodiert und karikiert hat. „So konnte es passieren, dass auf dem wichtigsten öffentlich-rechtlichen Kabarett-Sendeplatz zehn Jahre lang keine einzige Frau zu sehen war. Und es fiel niemandem auf. Wenn Merkel durch den Kakao gezogen wurde, wurde sie von Matthias Richling gespielt.“

Oh Gott, Frau Pfarrer

Ende der 80er wird Maren Kroymann als Pfarrersfrau Claudia in der Familienserie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ dem breiten Fernsehpublikum bekannt. Ernste Rollen übernimmt sie ebenso wie komische, spielt im Tatort, der Comedy-Serie „Mein Leben und ich“, Kinofilmen wie dem prämierten Drama „Verfolgt“ mit. Sie plädiere für das Recht auf Mehrfachbegabung, sagt die Sängerin, Schauspielerin und Satirikerin.

Seit 2017 ist sie regelmäßig in der ihrer eigenen Show „Kroymann“ zu sehen, für die sie im Januar mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde und im April zum zweiten Mal den Grimme-Preis erhält. Seit 2011 ist sie als Musikerin mit ihrem Bühnenprogramm „In My Sixties” unterwegs. Darin feiere sie 50 Jahre Pubertät, sagt die 69-Jährige. Mit dem Älterwerden geht Maren Kroymann offensiv um: „Klar, ich kann nicht mehr joggen weil das Knie so ein bisschen muckert.“ Vor ein paar Jahren hat sie sich das Kraulen beigebracht und ist jetzt aufs Schwimmen umgestiegen.

Zum Älterwerden gehörten natürlich auch Verluste: „Menschen sterben, man verliert Freunde. Das macht mich traurig, aber ich kann es heute besser als Teil meines Lebens begreifen, als vor 30 Jahren.“ Sie sei gut gewappnet. Im Hirn sei alles an der richtigen Stelle – auch im Herzen. „Ich bin 69 und feiere Erfolge“, sagt Maren Kroymann.

Die glücklichste Zeit in ihrem Leben? Zumindest habe sie jetzt das Gefühl, immer stärker dem entgegen zu gehen, was sie wirklich sei, sagt sie. Maren Kroymann, Ende sechzig, Feministin, Kabarettistin, Grimme-Preisträgerin, Multitalent ist gar nicht so unerreichbar.

Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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