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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Umstrittener Redner sorgt für Polizeieinsatz am PFL

28.08.2017

Oldenburg Ein paar Meter gehen sie Schulter an Schulter – gemein haben sie aber nichts, diese Damen und Herren in feinem Zwirn und die jungen wie älteren bunten Menschen in teils schwarzer Kleidung. Die einen wollen im PFL dem Vortrag „Martin Luther und seine Bedeutung für die deutsche Nation“ beiwohnen, die anderen eben dies verhindern. Denn: Der Redner ist umstritten. Publizist Karlheinz Weißmann schreibt für die „Junge Freiheit“ vorwiegend über deutsche Historie, wird dem neuen rechten Lager zugeordnet und genießt in entsprechenden Kreisen einen guten Ruf. Dies und die Folgen macht seine Personalie auch für den Staatsschutz interessant.

„Wir sind nicht besonders erfreut“, sagt zeitgleich Kulturamtschefin Christiane Cordes im Keller des PFL über die Terminansetzung zwei Etagen höher – „aber das Recht auf Meinungsfreiheit macht Demokratie aus“. Gemeinsam mit den staatlichen Behörden habe man im Vorfeld die Rahmenbedingungen umfassend geprüft, dem Veranstalter Gerhard Vierfuß (ehemaliger Sprecher der AfD Oldenburg, jetzt Vorsitzender des „Oldenburger Kreises“ – ein erst im Juni gegründeter und so benannter Kulturverein) verschärfte Auflagen erteilt.

Die wurden jedoch allesamt erfüllt. Daher habe die Stadt „keine rechtliche Handhabe“ gesehen, diese Vortragsveranstaltung abzusagen. Auch als 50 Minuten vor Beginn noch keine Sicherheitskräfte des Veranstalters vor Ort sind, wird ein Entzug der Überlassungsrechte für den Vortragssaal geprüft. Erfolglos, die Security kommt mit Verspätung. Dem Termin steht nichts im Wege.

Den Zuhörern aber schon. Etwa 70 Menschen aus drei Generationen – im Rollstuhl, mit ergrauten Haaren oder Nasenringen – haben sich mit Plakaten („Gegen jeden Antisemitismus“, „Luther? Sexist, Antisemit, Tyrannenfreund!“) vor dem PFL-Seiteneingang versammelt. Die Lage ist ruhig, aber nicht ohne Spannung. „Solange sich alle friedlich verhalten, ist das ihr gutes Recht“, so Cordes.

Das Hausrecht aber bleibt bei der Stadt. An allen Zugängen innerhalb des Kulturzentrums werden Mitarbeiter des Ordnungsamtes postiert, Dezernentin Dagmar Sachse ist vor Ort, auch die Polizei mit zahlreichen Kräften vertreten.

Wie viele genau? „Genug“, heißt es. „Genug“, um etwaige Provokationen beiderseitig unterbinden zu können. „Genug“, um eine mögliche Eskalation zu verhindern.

kommentar

Richtige

Entscheidung

Recht werden wir es mit dieser Berichterstattung zum Vortragsabend im PFL wohl keiner der maßgeblich beteiligten Seiten machen. Gerecht mag es dennoch sein, hier einige jener Probleme zu benennen, mit der sich die Mitte unserer Gesellschaft zu beschäftigen hat.

Was diese Veranstaltung allemal zeigte: Links und Rechts einander zu nähern, wird nicht gelingen. Sie nicht noch weiter in die Extreme abdriften zu lassen, muss indes das Ziel sein, wenngleich es offenkundig – siehe Samstag – an Potenzialen dazu fehlt. Und weil Generalisierungen an diesem Abend so gut funktionierten, bekamen auch noch alle Journalisten (Weißmann: „Traue keinem von denen über den Weg“), aber auch die evangelische Kirche (Weißmann: „Befürchte, dass es in der evangelischen Pfarrerschaft ein erhebliches Maß an Gottlosigkeit gibt“) ihr Fett weg.

Zweifellos, Weißmann ist ein geschickter Redner. Kein Wunder, dass der Veranstalter einerseits Bild- und Tonaufnahmen im Saal untersagte, den Redner andererseits als „einen meiner Fixsterne der Gegenkultur“ zur „linken Hegemonie“ bezeichnete.

Stadtverwaltung und Polizei taten jedoch gut daran, wider des eigenen politischen Verständnisses Veranstaltung und Gegendemo gewähren zu lassen, etwaig drohende Auseinandersetzungen gleichsam durch entsprechende Vorkehrungen und Präsenz zu unterbinden.

Eine Demokratie muss Andersdenkende aushalten können. Gut, dass wir hier – und im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – eine solche (er-)leben dürfen. Auf dass uns nie, nie, niemals wieder eine Meinung diktiert werden und unser Leben von ewig Gestrigen künftig eingeschränkt werden mag.

Denn der Auftritt Weißmanns hatte im Vorfeld nicht nur Flüchtlingsrat und -initiativen, sondern auch Verdi und Antifa auf den Plan gerufen. Dass die Veranstaltung nicht abgesagt wurde, können sie nicht verstehen. Oder wie es eine ältere Demonstrantin formuliert: „Eigentlich hätte ich anderes zu tun – warum werde ich dazu gezwungen, hier Solidarität zeigen und demonstrieren zu müssen?“ Weil laut Staatsschutz und Fachleuten, nach eingehender Prüfung, keine „konkrete und unmittelbare von der Veranstaltung selbst ausgehende Gefährdung“ vorliege.

Beleidigungen zählen noch nicht dazu. Und so wird die Zuhörerschaft des Luther-Exkurses als „Nazis“ bezeichnet und zuweilen bedrängt – die Gegenseite hingegen mit „Pöbel“ und „Pack“ tituliert, „SA-Methoden“ ihr unterstellt. Etwa 35 Personen haben sich derweil durch die Demo in den nicht mal halb gefüllten Vortragssaal begeben („Ich will zeigen, dass man als freier Bürger des Landes einem so hoch gebildeten Redner zuhören darf“). Dem Berichterstatter der NWZ wird der Zutritt zur öffentlichen Veranstaltung zunächst verwehrt.

Natürlich sind es nicht ausnahmslos „die Rechten“ und „die Linken“, die hier versammelt sind. Es gibt schließlich genügend Vertreter des Dazwischen, der Mitte. All die Pauschalierungen von beiden Seiten aber sorgen für solch ein Gefühl.

Dann aber eröffnet Vierfuß, erläutert die Ambitionen des Oldenburger Kreises, die „linke Diskursherrschaft“ und die so erhoffte neue „Graswurzelbewegung“. Während Pianist Martin Meyer im Saal unbeeindruckt Händel zum Besten gibt, lassen Demonstranten vor dem Haus für einige Zeit laute Hupen ertönen.

Karlheinz Weißmann spricht schließlich über den Deutschen Luther und Luthers Deutsche, springt durch Jahrhunderte, zahlreiche Zitate spicken seinen Vortrag. Als starker Redner, wie er nun mal einer ist, lässt er bedeutungsschwere Pausen, um seine Zuhörer interagieren zu lassen. „Die Deutschen sind fast aller Völker Affen“, so bemüht er späterhin, stoppt. „Hat sich nicht viel verändert!“, ruft einer aus dem Publikum. Lächelnd geht’s weiter.

Weißmann redet eine Stunde lang. Über Identität, Nationalerziehung, Treue, den Ausnahmemenschen Luther und über die Macht des Wortes. Trotz deutlicher Spitzen lässt er sich nichts juristisch Bedenkliches zu Schulden kommen. Auch, weil viele Formulierungen dem Interpretationsspielraum der Zuhörer obliegen: „Ich warte einfach ganz ruhig darauf, dass mir Macht zuwächst – und wenn das der Fall sein wird, werden wir die Dinge eben anders handhaben.“

Der Oldenburger Kreis werde weitere Redner einladen, so Vierfuß nach und unter großem Beifall. Dass dies erneut im PFL geschieht, sei indes zweifelhaft. Man überlege, gerichtlich gegen die städtischen Hindernisse vorzugehen. Fortgesetzt werde die Reihe aber allemal – vielleicht „in privaten Räumen“, wie er sagt. Für weitere Infos würden dann noch „Flieger verteilt“.

Marc Geschonke Redakteur / Redaktion Oldenburg
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