• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Als das Filmvorführen Handarbeit war

07.01.2019

Oldenburg Sollte im ehemaligen Soldatenkino Globe in der alten Donnerschwee-Kaserne tatsächlich mal ein 35-Millimeter-Film auf dem Vorführgerät „Ernemann X“ gezeigt werden, schließt sich ein Kreis. Bis Ende vergangener Woche standen zwei Exemplare dieser Geräte im Vorführraum in der Aula der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg an der Ammerländer Heerstraße. Demontiert wurden sie von einem Team rund um Michael Olsen, zu dem Thomas Riemer, Stephan Bents (beide ehemalige Mitarbeiter vom Unikino „Gegenlicht“) Christian Wichmann (Gegenlicht und Zwergwerk) sowie Aljoscha Raschke (Zeteler Lichtspiele „Zeli“) gehörten.

Zwischengelagert werden die Vorführgeräte nun in einem beheizten und trockenen Keller in der Nähe von Ofen. In knapp zwei Jahren sollen sie im ehemaligen Soldatenkino wieder aufgebaut werden, wo sich dann, wie anfangs erwähnt, der Kreis schließt. Denn aus diesem Kino sind sie 1993 ausgebaut worden, kurz nachdem als letztes der Film „The last Day“ mit John Wayne gezeigt worden war, erzählt Olsen.

Filme einmal wöchentlich

Christian Wichmann, ehemals Universitäts-Kino, das einmal wöchentlich in der Aula Filme zeigte, hat sich erzählen lassen, wie die Geräte damals in der Donnerschwee-Kaserne demontiert und im Vorführraum über der Aula wieder aufgebaut wurden. Die ehemaligen Filmvorführer aus den Wall-Lichtspielen, Alfred Hein und Carl-Heinz Wempe, halfen den jungen Leuten, die Filme auf den Geräten zum Laufen zu bringen. In der Uni wurden die beiden Ernemanns bis 2013 genutzt, berichtet Wichmann weiter. Dann schlug ihnen die digitale Stunde, die antiquierte Technik wurde nicht mehr benötigt. „Gegenlicht“ zeigt seine Filme heute im Unikum am Uhlhornsweg. Wichmann hofft, dass eines Tages im Globe in Donnerschwee auf den Projektoren Filme von dieser Kino-Initiative gezeigt werden. In der Tiefgarage der Universität lagern 770 Kopien von Defa-Filmrollen aus der ehemaligen DDR. Ob sie öffentlich gezeigt werden dürfen, ist rechtlich nicht gesichert. Olsen ist aber zuversichtlich, dass das eines Tages möglich sein wird.

Blick nach Hamburg

Auch mit dem Metropolis-Kino am Hamburger Gänsemarkt wolle man sich in Verbindung setzen. Zur Erklärung: Das Metropolis ist ein von der Kinemathek Hamburg geführtes Kino, das sich zum Ziel ‎gesetzt hat, „das Verständnis für den Film und andere audiovisuelle Medien als künstlerische und ‎informative Medien zu wecken, filmhistorische Kenntnisse zu vermitteln, praktische Medienarbeit zu ‎unterstützen und Aspekte der Filmkultur ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu tragen“. Das im Metropolis ‎präsentierte Programm umfasst Filme aller Genres vom Stummfilm mit Live-Musikbegleitung bis zur ‎Erstaufführung und Filme aller Länder vorzugsweise in Originalfassung mit Untertiteln. Auch dort könnte man eventuell Filme ausleihen, hofft Olsen.‎

Olsen, der Kunstbauten herstellt, hatte mit seinem Team bereits Ende März vergangenen Jahres aus dem Vorführraum des Bibliothekssaals der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg zwei Projektoren – eine silberne Ernemann VIII b und eine Ernemann IX – ausgebaut. Den Artikel in der NWZ über diese Aktion las Christopher Flesch, der als Medientechniker in der Universität arbeitet. Er nahm Kontakt zu den Globe-Leuten auf, die wiederum bei der Universitätsverwaltung nachfragten, ob die Vorführgeräte aus der Aula entbehrlich sind. Waren sie, die Technik ist längst fortgeschritten und die beiden Ernemanns aus der Uni-Aula kommen nicht mehr zum Einsatz. 275 Kilogramm wiegen die Vorführgeräte jeweils. Bei der Demontage galt es, Vorsicht walten zu lassen. Der Xenonkolben, der für das Licht sorgt, ist hochexplosiv, weiß Olsen. Im Globe sollen beide Geräte später auf Schienen oder Rampen montiert werden, damit sie zur Seite geschoben werden können, wenn der Raum als Vortrags-, Seminar- oder Veranstaltungssaal genutzt werden soll.

Das Filmvorführen war eine schweißtreibende Arbeit, erzählt er weiter. Die alten Geräte verbreiten Lärm und die 1600-Watt-Lampen im Projektor erzeugen so viel Hitze, dass man spätestens bei der zweiten Vorführung am Stück bequem auch im tiefsten Winter im T-Shirt arbeiten kann. Früher machten sich die Vorführer in den Geräten, die die Wärme über eine Art Schornstein abführen, ihr in Töpfen mitgebrachtes Essen warm.

Im Globe könnte diese „gute alte Zeit“ wieder aufleben.

Details zu den Vorführgeräten Ernemann X (10)

Bei den Projektoren aus der Uni-Aula handelt es sich um Maschinen der Marke Zeiss-Ikon, Modell Ernemann X (10). Die Firma Ernemann aus Dresden begann im Jahre 1910 mit der Produktion von Kino-Maschinen. Im Gegensatz zu den vorher eher improvisierten Projektoren der Gründerzeit wurden hier erstmals stabile und langlebige Maschinen für den täglichen Einsatz gefertigt. So stabil, dass sie teilweise Jahrzehnte im Einsatz blieben. Die Mediathek der Uni hat einen solchen Projektor Typ Ernemann Imperator in ihrem Bestand.

Nach der Fusion mit weiteren Firmen zur Zeiss Ikon AG wurde mit der Bild-Ton-Maschine Ernemann 7b ein Projektor auf den Markt gebracht, der zum weltweiten Standard im Bereich Tonfilm wurde und teilweise bis in die 90er im Einsatz blieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Teilung des Unternehmens in Carl Zeiss Jena/Pentacon (Ost) und Zeiss Ikon (West). Hier entwickelte man nun eine völlig neue Generation von Kinomaschinen, die entsprechend den Anforderungen der Zeit auch sehr große Leinwände ausleuchten konnten. Wegen des damals noch verwendeten, hochentzündlichen Nitrofilms waren die Maschinen enorm massiv und mit unterschiedlichen Kühlungseinrichtungen versehen.

Das Spitzenmodell der damaligen Zeit war die Zeiss Ernemann X, die Bildwände bis zu 20 Meter Breite ausleuchten konnte. Eine solche Maschine wurde mit der damals (ca. 1954) hoch modernen Xenon-Lampe ins Globe-Theater eingebaut. Aufgrund der Brennbarkeit des Filmmaterials durften sich zu der Zeit maximal 20 Minuten/600 Meter Film in der Maschine befinden. Da man nicht alle 20 Minuten eine Rollenwechselpause einlegen wollte, wurden in den Kinos immer jeweils zwei Maschinen nebeneinander aufgebaut, so dass eine pausenlose Vorführung möglich war. In den meisten Kinos wurde die zweite Maschine nach Einführung des Sicherheitsfilms irgendwann entfernt, die verbliebene Maschine durch vielfältige An- und Umbauten an die Erfordernisse der Zeit angepasst und z.B. für Digitalton umgerüstet. Daher finden sich heute nur noch äußerst selten Projektoren im Originalzustand der 50er Jahre.

Im Globe war die Situation ein wenig anders. Da täglich nur eine oder maximal zwei Vorstellungen gefahren wurden, blieben die Projektoren bis zur Schließung im Originalzustand. Anschließend kamen sie Anfang der 90er Jahre in die Uni Oldenburg, um dort von engagierten Studenten und einigen Technik-Enthusiasten für das studentische Kino „Gegenlicht“ genutzt zu werden. Auch hier gab es das Bestreben, den inzwischen selten gewordenen Originalzustand zu erhalten. Da aufgrund der Umstellung auf digitales Kino die alten Projektoren nicht mehr gebraucht wurden, besteht nun die einmalige Gelegenheit, die zwei originalen Maschinen wieder an ihren ursprünglichen Einsatzort zurückzubringen. Quelle: Michael Olsen

Thomas Husmann
Redakteur
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2104

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.