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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Seine Lichter, seine Liebe, sein Leben

06.10.2017

Oldenburg Aus Zahnstochern, zwei Haarbändern und ’nem Backfisch baut er binnen Minuten eine hydraulische Bremse. Könnte man zumindest vermuten, wenn man die Schausteller des Kramermarktes so über Heinz Steinmüller reden hört. Der 69-Jährige genießt hier allerhöchste Achtung – vielleicht ja auch jenen obligatorischen Respekt, wie man ihn in familiären Banden zu pflegen mag. Die Legenden um den „Karussell-Doktor“, wie sie ihn hier im weiten Rund aus akuter Glückseligkeit und vollendeter Reizüberflutung nennen, speisen sich allerdings auch aus einem Höchstmaß bloßer Verzweiflung. Und das mag sich nur nach einem Exkurs so richtig erklären lassen.

Geboren in Wilhelmshaven, mit 22 nach Oldenburg gekommen und später dann in Wüsting endgültig verheimatet, scheint Steinmüller – von weithin unauffälliger, im Nahen aber intensiver Erscheinung – kaum ein Weltenbummler zu sein. „Na, ich war viel unterwegs“, sagt er dann in einer seiner wenigen Ruhepausen hier auf dem Festgelände, „auf Volksfesten und Jahrmärkten in ganz Europa. Und Deutschland? Überall!“ Damit also auch in Oldenburg – beim Kramer- und Lambertimarkt. Immer und immer wieder. Aus Gründen.

55 Jahre Schrauberei

Mit 6 Jahren hatte er sich ins Kirmes-Geschehen verliebt, kaum später „Omma Schröder“ ihn über die Schulferien auf ihrem Fahrgeschäft und all den Volksfest-Touren mitgenommen. Mit 14 begann seine Elektrolehre – „mit Maschinenbau und so, die ganze Materie, alles dabei.“ Und mit 15 baute er dann an einem bunt rotierenden „Musik-Express“ mit. Erst mit 15, ist man da geneigt zu sagen.

Knappe 55 Jahre später ist Elektrotechnik-Meister Steinmüller Rentner. Offiziell zumindest. Denn dass er beim diesjährigen Kramermarkt trotzdem rund um die Uhr sein Werkzeugköfferchen mit sich herumträgt und im Notfall für Licht, Töne und heiße Grills sorgt, könne man ihm ja nun wirklich nicht ankreiden. „Ich werde halt immer wieder gefragt, ob ich noch einmal helfen könnte“, sagt er, „manche Schausteller behaupten, dass sie mich selbst dann abholen würden, wenn ich im Rollstuhl säße“. Erstens, weil es weit und breit keinen Nachfolger mit einem solchen elektrotechnischen Wissen und erst recht Verständnis gebe. Zweitens, weil der „Doc“ schlichtweg zur Familie gehört – und drittens, weil er die Kirmes einfach im Gefühl hat. „Die Leute sagen, ich solle mir mal etwas gönnen. Aber dann antworte ich: das mache ich doch!“, so Steinmüller. „Wissen Sie, das ist mein Leben. Das ist meine Herzensangelegenheit.“ Drei bereits implantierte Stents in eben selbigem mögen davon zeugen...

„Die Eismaschine funktioniert nicht!“ – „Kein Licht!“ – „Der F1-Schalter fällt andauernd raus!“ – „Der Verteilerkasten ist abgefackelt“ – „Nix geht mehr, nirgendwo!“

Hilferufe wie diese bekommt er ständig. Oft genug auch nur Fotos der maledeiten Technik per WhatsApp – mit der Bitte um sofortige Reparatur, mindestens aber einer Ferndiagnose über Hunderte Kilometer hinweg. Und was macht Steinmüller da? Der antwortet: „Klemm’ dies so ab und setz’ da eine Brücke ein“ – und dann „läuft das Ding erstmal bis ich da bin.“ Und für genau solche Momente bildet sich der 69-Jährige immer weiter.

Schaltkreise im Kopf

Wo andere Techniker verzweifelten und das Gerät gleich lahmlegen wollten, habe Steinmüller noch immer für rasche Entspannung gesorgt, heißt es hier. „Aber auch Sicherheit – die ist das A und O. Ich kümmere mich so lange darum, bis alles wieder funktioniert und absolut sicher ist. Davon können die Besucher hier sowieso ausgehen. Es stecken so viele Sicherheitsvorkehrungen in den Geräten – das glaubt kein Mensch.“ Vor Steinmüller sind alle gleich. „Ich habe jedes Fahrgeschäft genau im Kopf, kenne alle Schaltkreise und Fallstricke“, sagt er, „das ist alles meins“.

Zumindest gefühlt. Die meisten Schausteller, wie etwa Michael Hempen – den Vorsitzenden des Schausteller-Verbandes Oldenburg – hat er von Anfang an begleitet, mit den neuen Anforderungen wachsen sehen, deren Geschäfte repariert, optimiert und teils sogar mitgestaltet.

Das ist beachtlich. Wer sich aber so mit einer Sache gemein macht, sich derart leidenschaftlich darin verliert, der mag a) nur schwerlichst abschalten und b) sich selbst wie anderen auch nicht viel verzeihen. Schon gar keine Fehler. „Dann rappelt das da oben bei mir in der Kiste“, sagt’s und stellt den Plüschkragen seiner Jacke auf. Weil er sich gedanklich und gefühlig bis zur Lösung zerreißt, ist die Zahl der Fehler mehr als überschaubar. Als 2015 der runderneuerte „Predator“ aus München seinen Geist aufgab und wegen eines nicht rechtzeitig gelieferten Bauteils partout nicht mehr laufen wollte, nahm Steinmüller das fast persönlich. Denn: „Jede Minute Ausfall ist für die Schausteller ein wahnsinniger finanzieller Einbruch“, sagt er, „und gerade sie brauchen doch unsere Hilfe – schließlich bringen sie anderen Menschen ja auch unter großer Anstrengung und Verzicht ganz viel Freude.“

Arbeiten ganz ohne Büro

Wenn Heinz sie denn lässt. Sein Wort hat hier schließlich Gewicht, sein Schraubendreher scheinbar magische Kräfte – so lang er für diese, seine Familie und seinen eigenen unsteten Kopf damit Gutes bewirken kann und darf.

Ein festes Büro hat er auf dem Kramermarkt nicht. Oft sitzt er im selbst mitkonzipierten „Enzian“, oft aber auch hier oder dort. Da der 69-Jährige immer überall gebraucht wird, erscheint das ganz sinnvoll. Dann trinkt er etwas Warmes, pafft ein Zigarettchen. Quatscht, lauscht, wartet. Auf den nächsten Notfall, der garantiert eintritt, die „nächste Rrrrunde rrrrückwärts!“, die garantiert ausfällt.

Manchmal aber – wenn es das Schicksal besonders gut mit seinem Herzen und eher schlecht mit seiner Getriebenheit meint –, dann lässt es ihm noch etwas Zeit für die andere Seite seines Privatlebens. „Heute abend kommt meine Lebensgefährtin“, sagt er – „dann trinken wir einen Kaffee, essen einen Berliner – und dann ist alles gut.“ Froh sei er, dass er sie in seinem bewegten Leben habe. So wie die Schausteller, die ihn ständig aufs Neue anfordern und bezahlen, wohl froh sind, ihn in ihrer Familie zu wissen: „Er ist die gute Seele hier“, sagt Michael Hempen über ihn, und: „Wovon wir reden, weiß er einfach.“ Und fühlt’s.

Sehen Sie hier eine Multimedia-Doku des Kramermarktes 2017.

Marc Geschonke
Redakteur
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2107

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