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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Traurigkeit kennt kein Pardon

06.04.2019

Oldenburg Seine Stimme ist rau. Er klingt schläfrig. Müde. Ein bisschen genervt. Als würde man ihn bei etwas Wichtigem stören.

Könnte sein. Rocko Schamoni ist Entertainer, Musiker, Autor, Schauspieler, Clubbetreiber, Schmuckdesigner, Künstler, Komiker und Mitglied der „Partei“. Eben hat er sein neuestes Buch „Die große Freiheit“ herausgebracht. In dem Roman erzählt der 52-Jährige von einer untergegangenen Epoche: St. Paulis Kiez in den 60ern. Held, oder besser: Antiheld seiner Geschichte ist Puffboss Wolfgang „Wolli“ Köhler. Ein Nobody, der sich im Lichtermeer des Hamburger Viertels nach oben kämpft. Umringt von Huren, Freiern, Transvestiten, Schlägern und Künstlern wie der noch völlig unbekannte Band „The Beatles“, aufgeputscht von Drogen und Alkohol.

Das Ende einer Legende

Kritiker werfen dem Multitalent vor, einer längst verblasten Legende hinterherzutrauern. Die Frage nach Glorifizierung der Großen Freiheit hat Rocko Schamoni schon zu oft beantworten müssen. Zum gefühlt hundertsten Mal sagt er: „Ich beschreibe in meinem Buch lediglich das Flair einer bestimmten vergangenen Zeit. Das ist eher eine Feststellung.“ Die Geschichte beruhe auf genauen Recherchen. Er hat Wolfgang Köhler, der 2017 verarmt starb, in den letzten Jahren seines Lebens immer wieder getroffen und interviewt.

„Es gab Vorteile und Nachteile an dieser Zeit – wie in jeder Epoche, ich beschreibe beide Seiten.“ Um eines allerdings beneide er die frühen Hamburger 60er: die musikalische Aufbruchsstimmung. In jüngeren Jahren ist Rocko Schamoni mit den Punk-Größen die „Goldenen Zitronen“ und den „Toten Hosen“ auf Tour gewesen. Später hat er elektronische Musik gemacht und dann Soul. Im Internet kann man „Scheiße by Schamoni“ kaufen – Schmuck in Fäkalienform. Aus Gold Scheiße zu machen, entspricht seiner Komik. Eine übersprudelnde Unterhaltungsmaschine ist das Mitglied der psychedelischen Humorvereinigung Studio Braun allerdings nicht.

Über das Dunkle lachen

„Ich bin eben nicht nur lustig. Meist bin ich gar nicht lustig. Ich empfinde die Welt als einen grausamen Ort. Aber ich kann die Dinge mit Humor sehen. Auch das Dunkle. Ich kann das Dunkle mit Humor in Schach halten.“ Über seine Depressionen spricht Rocko Schamoni offen, bezeichnet sie als Materiallieferant. „Ohne die Depression wäre ich womöglich Töpfer geworden. Das hätte ein schönes, ruhiges Leben werden können.“ Eine Lehre als Töpfer hat er tatsächlich gemacht, damals hieß der Sohn eines Lehrer-Ehepaars noch Tobias Albrecht. Und in Hamburg hatte er auch noch nicht gewohnt, sondern in der Schleswig-Holsteinischen Provinz.

Der Drang zur Bühne war früh da. „Mit 15 oder 16 Jahren. Da gab es in mir die ersten Andeutungen für dieses Loch, das die meisten Künstler in sich tragen. Ich glaube, dass das Bedürfnis, sich auf diese Art zur Schau zu stellen, einen krankhaften Ursprung hat: einen maßlosen Zuspruchshunger, ein ungesättigtes Selbstwertgefühl, das nach ständiger Bestätigung sucht, das dazu bereit ist, die größten Anstrengungen der Welt auf sich zu nehmen, das ungesehene und ungeahnte Visionen hervorbringt – nur für ein wenig Anerkennung, die sofort wieder vergessen wird“, sagt Rocko Schamoni. Kunst brauche Krankheit. „Wäre ich ein zufriedener, ausgeglichener normaler Mensch, müsste ich all das vermutlich nicht tun.“ Auf die Frage, was er als normal definiert, antwortet der Hamburger gewohnt ungewohnt: „Normalität heißt für jeden etwas anderes. Wer im Schweinestall lebt und sich im Dreck suhlt, findet das vermutlich auch normal. Was mich betrifft, sagen wir mal so: Ich lebe nach menschlichen Maßstäben. Zeit, Raum, Sprache, Ernährung, Unterhaltung – alles ähnlich wie bei den anderen.“ Einiges erfährt man über den Künstler in seinem Roman „Dorfpunks“.

Leben und sterben lernen

Ein Blick auf Schamonis Biografie könnte nahelegen, dass dieser Mann Zeit seines Lebens macht, was er will. Selbst noch mit 52 Jahren und als Vater einer Tochter? „Ich habe eingesehen, dass ich aus körperlichen Gründen diesen extremen Missbrauch nicht ewig weitertreiben kann. Wer das ignoriert, wird krank oder stirbt. Ich habe zum Beispiel aufgehört, mich für harte Drogen zu interessieren. Das ist alles Blendwerk. Es langweilt mich. Das sind alles Ablenkungen auf dem Weg zu sich selbst“, beantwortet er die Frage nach dem Älterwerden.

Auf der Suche nach sich selbst sei er bis zum letzten Atemzug. „Leben lernen heißt sterben lernen.“ Rocko Schamonis Worte klingen mitunter theatralisch. Sein neuer Roman liest sich stellenweise wie eine Filmvorlage. Ist es aber nicht. „Sonst hätte ich ja gleich ein Drehbuch schreiben können.“ Schon wieder eine zu oft gestellte Journalistenfrage. Ein bisschen steht er über den Dingen, sagt Sätze wie: „Ich bin ein Künstler, der sich selbst darüber nicht hinwegtäuschen möchte, dass alles, was wir Kunstschaffenden tun, letztendlich nur Unterhaltung ist.“ Er sei genauso verzichtbar, wie alle anderen auch. „Man braucht uns nicht.“ Nein. Wichtig nehme er sich nicht. Aber sehr ernst.

Der einsame Alleskönner

Wenn Rocko Schamoni nicht auf Theater- oder Konzertbühnen, vor der Kamera oder in Tonstudios steht, schreibt er. „Wo immer ich bin. Vor allem nachts, wenn ich nicht schlafen kann.“ Die Geschichte Wolli Köhlers will der Autor noch zu Ende erzählen. Ein zweiter und dritter Band sind zumindest angedacht. Als Freigeist legt er sich ungern auf etwas fest. Ja, vielleicht könne er wirklich alles – „zumindest so, wie ich mir das vorstelle. Nur ob das, was ich da anbiete, anderen gefällt, ist fraglich“.

Interessiert „King“ Rocko Schamoni, was man über ihn denkt? Würde ihn das nicht bei was Wichtigerem stören? Zum Beispiel einer überaus unterhaltsamen Suche nach sich selbst.

Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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