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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Kultur immer – Sommer meistens

11.04.2018

Oldenburg Eine Lieblingsbeschäftigung von Oldenburgern, die in den großen Ferien nicht verreisen, ist das Schimpfen. Über das Kultursommer-Programm vom Vortag, vom vergangenen Wochenende, über – ach: überhaupt war früher alles besser. Man zetert und schmäht, betreibt neudeutsch Kuso-Bash­ing, was so herrlich befreit – und steht am nächsten Abend wieder auf dem Schloßplatz, Kultur angucken. Was schert uns die Kritik von gestern!

Seit 40 Jahren geht das nun schon so, und niemand, der gerade die Regie des manchmal sommerlichen, meist regnerischen Freiluftfestivals mit einigen überdachten Ausnahmen innehatte, blieb davon verschont. Allerdings: Besucherzahlen von regelmäßig über 50 000 beweisen, dass die Erfinder des Kultursommers, liebevoll „Kuso“ gerufen, einiges richtig gemacht haben müssen – wie ihre Nachfolger.

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Zu den Gründervätern gehört der damalige Kulturdezernent Ekkehard Seeber, der ehrlich erzählt, dass alles „viel Zufall“ gewesen sei. Die Idee, Rummel ins sommerlich entvölkerte Oldenburg zu bringen, habe man 1977 bei einem Jazzkonzert in Wilhelmshaven gehabt, um auch mal so etwas zu machen.

Ein Jahr später bereits, am 20. Juli 1978, hatten es Seeber und sein damaliger Kulturamtsleiter Udo Post geschafft: Der „Kultursommer“ (die Anführungsstriche waren zunächst üblich), startete mit einem großen Sängerfest von vier heimischen Chören.

Die frohen Gesichter vor der Bühne am Schloßplatz entschädigten dafür, dass das junge Festival erst noch zum Politikum geworden war. Teile des Einzelhandels forderten die Kuso-Verlängerung bis zum Altstadtfest Ende August, die CDU-Ratsfraktion unterstützte das Anliegen – doch Seeber sagte knallhart „Nein!“. Der Kultursommer habe einen anderen Anspruch als das eine Woche später beginnende Treiben mit Bier, Bratwurst und Beatmusik. Und? Der Mann setzte sich durch. Bis heute gibt es keine Berührung dieser Großveranstaltungen.

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Dafür durfte Seeber auch gleich die ganze Verantwortung tragen. Oder besser: Kabel, Stühle und Regenschirme. Die Kuso-Organisation lag in den Anfangsjahren wortwörtlich in Händen der Stadtverwaltung, und die erstaunte das Publikum immer wieder mit kulturellen Sahnestückchen.

Gut, zum Start war der längst vergessene Lästerlyriker Lothar von Versen der bekannteste Künstler, trotzdem kamen die Oldenburger scharenweise. Sie wurden 1979 für ihren Mut bereits belohnt mit einem außergewöhnlichen Programm, an dessen Spitze Anarcho-Clown Jango Edwards und die Countryrocker von Truck Stop standen.

Jango Edwards’ umjubelter Auftritt musste übrigens in den hoffnungslos überfüllten Cäciliensaal verlegt werden – das Wetter schlug erstmals richtig zu. „Die Angst vor dem Regen und Hunger nach Sonne“, Titel eines Theaterstücks jener Saison, galt als Wegweiser und Planungsrichtlinie der Verantwortlichen.

Das Schöne an der Nässe: Es entwickelte sich eine besondere Oldenburger Spezies, der „homo cuso anoracticus“, heraus; meint: Es kann schütten, wie es will (und es wollte sehr oft), die Freiluftkonzerte fanden immer regenfeste Zuschauer. Da zollten selbst die weit gereisten US-Wüstenrocker Yo La Tengo ihrem Publikum Respekt, „dass ihr bei diesem Horror-Wetter hier seid“. Oh ja, es goss und blitzte und donnerte – und es war ein wundervoller Kultursommer-Abend mehr.

Es ist eines dieser vielen Rätsel Oldenburger Kommunalpolitik, dass ihr der Kultursommer trotz wachsender Popularität irgendwann zur Last wurde.

Es war nun mal 1998, die Finanzkrise hatte die städtischen Kassen fest im Griff, und auch ein Kultursommer kostete richtig Geld. Was tun? Ein wertvolles Alleinstellungsmerkmal und touristisches Großereignis retten, koste es, was es wolle? Nein, man dachte vielmehr daran, das Festival ersatzlos abzusetzen oder es höchstens im Zweijahres-Rhythmus zu veranstalten. Die Proteste waren laut, heftig und führten letztlich zur Idee: Lasst das doch die Kulturetage machen!

Und die machte das sehr gerne, zunächst als Partner der Stadt, seit 1999 eigenverantwortlich. Dank öffentlicher Zuschüsse, privatwirtschaftlicher Sponsorengelder und eigener Kraftanstrengungen gelang es, das Festival auf eine neue Stufe zu heben. Dank der Verbindungen des soziokulturellen Zentrums in die Szene wurde die Musik im Kultursommer noch abwechslungsreicher, die Theatergruppen noch ungewöhnlicher, die Literatur noch spannender. Der Kultursommer hatte durch seinen „Besitzer“-Wechsel an Qualität und Lebensdauer gewonnen.

Überraschend, dass diejenigen, die gerne über das jeweilige Programm lamentieren, sonst auch nur Gutes sagen über den Kultursommer. Dann wird mit friedfertiger Miene und versonnenem Blick erinnert an das fast schon dionysische Flair beim griechischen Abschlussabend 1980, oder an die hochklassigen wie lärmenden Rockstars des „Crimson ProjeKCt“ von 2014, an die Fahrzeug-Dekonstruktivisten von „Auto, Auto“ im Jahr 2006 oder die Sophokles-Tragödie „Antigone im Trockendock“ 2000 mit elf Schauspielern in der früheren Brand Werft am Hafen.

Nach 40 Jahren ist es schier unmöglich, alle Höhepunkte des Kultursommers aufzuzählen. Und sowieso: Was dem einen sein Top-Erlebnis war, ist dem anderen ein müdes Lächeln wert. Kein Wunder: Die Vielseitigkeit des Kultursommers ist seine große Stärke. Hieraus erwächst die Zuneigung, welche die daheim urlaubenden Bürger zu „ihrem“ Festival entwickelt haben. Und wenn sie auch nur zum Schloßplatz kommen, um zuerst Freunde zu treffen und später darüber zu schimpfen, „dass früher auch mehr Rock war“. Sie mögen sich, die Oldenburger und ihr Kultursommer. Man müsste so ein Festival erfinden, hätte es Dr. Seeber nicht getan.

Klaus Fricke

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