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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Im Schatten des großen Kanzlers

22.01.2018

Oldenburg Die schönsten Oldies der Sechziger und Siebziger brüllen uns Radiosender entgegen. Wir feiern gerade die Achtundsechziger und ihren Reformwillen, gleichzeitig sollen Möbel im funktional-skandinavischen Design „Heimeligkeit“ vermitteln. Hygge ist in, Retro nie weg. Wir legen wieder Schallplatten auf, und die Flotte Lotte passiert unser Gemüse. In unserer total vernetzten, völlig unüberschaubar gewordenen Welt gilt die Rückbesinnung der analogen, früheren Welt.

Denn das da draußen bereitet einigen zunehmend Angst, und manche denken sogar daran, das Land stärker abzuschotten und restriktiver vorzugehen gegenüber dem Unbekannten. Dabei sollte die Bundesrepublik doch mehr Demokratie wagen, hatte schon zu Beginn der Siebzigerjahre der damalige Bundeskanzler Willy Brandt geraten und den Aufbruch gefordert und damit die Herzen vieler gewonnen. Noch 50 Jahre später bewegt der Friedensnobelpreisträger und SPD-Vorsitzende die Menge, vor allem, wenn die Menschen einen tiefen Einblick in dessen private Welt erhalten können.

Der Auftritt von Matthias Brandt im ausverkauften Oldenburgischen Staatstheater war in vielfacher Hinsicht bemerkenswert, weil der 56-Jährige unterschiedliche Erwartungen befriedigen sollte: als Schauspieler, als Dramaturg, als Lokalmatador, als Autor, als Rezitator, als Grimme-Preisträger und – in der Reihenfolge der Chronologie – vor allem als kleiner Sohn der großen Kanzlers. Vorgetragene Passagen aus dem Kurzgeschichtenbuch „Raumpatrouille“ waren sein Anteil an der Inszenierung „LIFE“, Jens Thomas spiegelte die Lesung mit gefühlvollem Klavierspiel und aufwallendem Gesang.

War es vielen Menschen in Westdeutschland im Jahr 1972 leicht gefallen, der Aufforderung „Willy wählen“ Folge zu leisten, hatte der Sohn diese Chance nie. Im undurchdringlichen Schattenreich des Übervaters, chauffiert von dessen Sicherheitsleuten und abgefertigt vom Personal, fand der Grundschüler sein Seelenheil im ritualisierten Familienleben eines Freundes.

Denn hier war Matthias eingebunden, zumindest glaubte er es. In zeitgemäß-bunten Freizeitanzügen wurde dort der Feierabend bestritten, vor der Ratesendung „3 x 9“ mit Wim Thoelke wurde gemeinsamen die Eröffnungsmelodie mitgesungen und aus Plastikschalen Nüsschen und Flips geknabbert – standardisierte Abläufe, die man sich beim „deutschen Kennedy“ und von Konservativen angefeindeten Weltbürger nur schwer vorstellen konnte.

Zurück in seiner abgeschotteten Welt suchte er Möglichkeiten, den schwer erreichbaren Vater und die geliebte Mutter zu beeindrucken. Als junger Zauberer „Mr. Magie“ entflammte er nur eine Gardine, aber nicht die Herzen der Eltern. So blieb Matthias nichts anderes übrig, als konfrontativ Kontakt aufzunehmen. Die Erzählung, wie der Sohn dem Vater nach- und ihn in dessen Arbeitszimmer schließlich schlafend aufspürt, rührt zutiefst an und dokumentiert, dass es auch in einer aufklärerischen Zeit vielen Vätern schwierig blieb, echte Gefühle zu zeigen.

Brandt und Thomas reduzierten den Bühnenabend auf ihre Rollen als Rezitator und Musiker. Ohne verbalen Gruß kamen und gingen die Beiden, für Interaktion sorgte immerhin der überraschend euphorische Beifall samt Fußgetrampel einiger Gäste sowie eine schlagende Standuhr aus dem Theaterfoyer.

Oliver Schulz
Redakteur
Politikredaktion
Tel:
0441 9988 2094

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