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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Was Gewaltszenen mit Fotografen machen

05.02.2019

Oldenburg /Mexiko-Stadt Das kleine „e“ macht den Unterschied. Die Vorfahren von Ronaldo Schemidt wanderten von Deutschland nach Venezuela aus, die Schmidts mit dem kleinen zusätzlichen „e“. Für den Urenkel der Auswanderer ist der seltene Name vielleicht ein Glück, er fällt auf. Doch längst wissen viele Leute sowieso, wer Ronaldo Schemidt ist: der Mann, der den Preis für das beste Pressefoto 2018 gewonnen hat.

Der Fotojournalist, der 1971 in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, geboren wurde und heute in Mexiko lebt, kommt nach Oldenburg – als Ehrengast zeigt Schemidt seine spektakuläre Aufnahme bei der Ausstellung „World Press Photo“ vom 16. Februar bis 10. März im Schloss. Und er freut sich schon auf den Besuch: „Der Preis ist ja eine Anerkennung meiner Arbeit“, erläutert er gegenüber der NWZ. „Vor allem freut mich, dass die Auszeichnung dazu geführt hat, dass viele Leute mitbekommen, was eigentlich in Venezuela passiert.“

Das Foto des brennenden Demonstranten Jose Salazar ist an Intensität und Brutalität kaum zu überbieten – dennoch ist die Situation, in der es entstand, bis heute Alltag in Caracas und anderen Krisengebieten. Schemidt war mittendrin, als am 3. Mai 2017 eine Massendemo gegen Venezuelas Machthaber Maduro und für freie Wahlen eskalierte. Überall brannte es – und plötzlich explodierte ein Mofa im Rücken des Fotografen.

Salazar stand daneben und sofort in Flammen, doch der geschockte Schemidt erledigte seinen Job: „Ich habe schnell begriffen, dass die Situation sehr gefährlich war. Ich spürte das Feuer hinter mir, nahm meine beiden Kameras und machte Fotos – etwa 14 Sekunden lang“, erzählt er. Als erfahrener Fotojournalist, der für die Agentur AFP unterwegs ist, habe er seine Kameras „in Sachen Blende und Belichtungszeit für diese Extremsituation schon voreingestellt. Um mich herum war viel Gewalt, viele Verletzte und Menschen, die sich angegriffen fühlten.“

Erlebnisse verarbeiten

Der Fotograf hat nach eigenem Bekunden schon „sehr harte Dinge erlebt in Venezuela und Mexiko. Aber noch nie war es so wie im Moment der Aufnahme. Eine brennende Person vor sich zu haben, inmitten schreiender, rennender, vermummter Demonstranten – das war ein intensives Erlebnis.“ Für den brennenden Jose Salazar (29) endete der Aufruhr mit schwersten Verletzungen, die er aber überlebte. Schemidt gibt zu, dass es fast unmöglich ist, das Erlebte zu verarbeiten.

„Ich weiß gar nicht, ob ich alles so richtig verdaue, was ich emotional erlebe. Ich glaube, dass von jeder Story, an der ich arbeite, etwas in mir bleibt.“ Sein Fotografen-Auftrag an den Brennpunkten Mittel- und Südamerikas habe ihn „definitiv sehr verändert“, meint Schemidt. „Ich sehe das Leben mit anderen Augen und bin total überzeugt: Gewalt ist nicht der Ausweg aus Konflikten.“

„Wahrheit vermitteln“

Dennoch meidet er die Krisengebiete nicht, das verbietet ihm seine Einstellung zum Job. „Meine größte Herausforderung ist es, jeden Auftrag so professionell, ethisch korrekt und verantwortungsvoll wie möglich umzusetzen“, sagt der 47-Jährige und ergänzt: „Ich meine: Wir sollten uns persönlich nicht zu tief in die Geschichten begeben, nicht wie Aktivisten an Konflikten teilhaben. Wir sind Fotojournalisten und sollten immer versuchen, bestmöglich die Wahrheit zu vermitteln.“

Was nicht bedeutet, dass Fotoreporter über den Dingen stehen können; die viele Gewalt zu ertragen, sei „unglaublich schwer“, findet Schemidt. „Zuerst wird man auf emotionaler Ebene müde, dann auf körperlicher. Das ist für mich das Schlimmste, denn immer wieder so viel Gewalt zu sehen, beeinträchtigt mich in meiner Arbeit.“ Jeder Fotograf müsse sich ein Limit setzen, „wenn er merkt, dass er nicht mehr distanziert und nüchtern über das berichten kann, was passiert.“ Ronaldo Schemidt wird als Gast der Eröffnung der Ausstellung „World Press Photo“ am Sonnabend, 16. Februar, ab 10 Uhr im Schloss unter anderem sein Siegerfoto „Venezuela Crisis“ vorstellen.

Klaus Fricke
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