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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Schüler geben Opfern die Würde zurück

26.01.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-01-26T05:13:36Z 280 158

Ns-Verbrechen:
Schüler geben Opfern die Würde zurück

Oldenburg Es ist mucksmäuschenstill, als Romea Güttler am Mittwochvormittag im PFL ans Mikrofon tritt. Die Abiturientin schildert, wie Else Tippmann 1938 „wegen häufig wechselnder Geschlechtspartner“ von den Nazis inhaftiert und noch im selben Jahr an die „Heil- und Pflegeanstalt“ in Wehnen überwiesen wurde – Diagnose: „Angeborener Schwachsinn“. Ein Jahr später wurde sie sterilisiert, um ein Vererben ihrer vermeintlichen Krankheit zu verhindern. Dass diese Sterilisation vor 78 Jahren ausgerechnet im früheren Hospital PFL vorgenommen wurde – dem heutigen Kulturzentrum, in dem nun an Euthanasie-Opfer während der NS-Zeit erinnert wird – lässt so manchen Zuhörer erschaudern.

Erschütternde Zeugnisse

1945 starb Else Tippmann – „Herzkreislauf-Versagen“ haben die NS-Ärzte als Todesursache vermerkt. „Dahinter verbarg sich in Wehnen der Tod durch Verhungern“, sagt Merle Weiler. Sie gehört ebenso wie Romea Güttler zum Geschichts-Leistungskurs des Abitur-Jahrgangs am Herbartgymnasium. Die 21 Schülerinnen und Schüler haben sich im vergangenen Halbjahr dem Thema „Nationalsozialismus und deutsches Selbstverständnis“ gewidmet. Bei einem Besuch der Gedenkstätte Alte Pathologie in Wehnen auf dem Gelände der heutigen Karl-Jaspers-Klinik waren sie auf die Geschichte der Krankenmorde gestoßen. Mehr als 1500 Patienten starben in den 1930er und 40er Jahren dort den Hungertod.

Weitere Terminezum Holocaust-Gedenken 2017

Als Anlass des Holocaust -Gedenktages laden das Kulturbüro der Stadt Oldenburg und der Gedenkkreis Wehnen zu drei weiteren Veranstaltungen ein. Die Reihe steht unter dem Motto „Vom Wert des Lebens“.

  Freitag, 27. Januar, 19 Uhr, PFL: Historiker Dr. Thomas Beddies spricht über „Die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“. Bis zum Jahr 1945 fielen 10 000 Kinder und Jugendliche der „Kinder-Euthanasie“ zum Opfer. Thomas Beddies ist stellvertretender Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik an der Berliner Charité.

 Dienstag, 31. Januar, 19 Uhr, PFL: Psychologe Dr. Michael Wunder hält einen Vortrag zum Thema „Von der Euthanasie bis zur aktuellen Debatte um Sterbehilfe“. Im Anschluss wird er mit dem Historiker Dr. Ingo Harms darüber diskutieren.

 Mittwoch, 1. Februar, 19 Uhr, Casablanca: Das Casablanca-Kino zeigt in einer Sondervorführung die ZDF/Arte-Produktion „Ich werde nicht schweigen“. Anschließend diskutieren Regisseurin Esther Gronenborn und Dr. Ingo Harms über Euthanasie im Nationalsozialismus.

Mehr Infos unter

Mehr Infos unterhttp://gedenkkreis.de/gedenkstaette

Von den Gräueltaten der Nationalsozialisten erfahren die Schüler durch Patientenbiografien, die aufgrund von Angehörigen-Schilderungen in so genannten „roten Büchern“ in der Gedenkstätte erhalten geblieben sind. Und die Schüler beginnen selber Nachforschungen anzustellen: Neben dem normalen Unterricht werten sie Hunderte von Krankenblättern und Akten im Staatsarchiv aus, entdecken erschütternde Zeugnisse einer unmenschlichen Medizin und dokumentieren das Leiden und Sterben von vier Euthanasie-Opfern in Wehnen. Bei ihren Recherchen werden sie vom Historiker Dr. Ingo Harms unterstützt.

Gehirn „angefordert“

Pia Groothuisen, Hannah Engelhard, Simon Heeren, Lennard Sahm, Lea Gercken, Marie Reinking, Antonia Brandt, Justus Trost und Christopher Tönjes haben dem Schicksal von zwei Zwillingsschwestern nachgespürt: Olga und Dorothea Degen. Während Olga Wehnen offenbar deshalb überleben konnte, weil sie als Arbeitskraft zu gebrauchen gewesen war, starb ihre Schwester, die den Krankenakten zufolge an „genuiner Epilepsie“ und „Geistesschwäche“ gelitten haben soll, 1942 an Schlụckpneumonie und „Herzkreislauf-Schwäche“. Schon 1935 habe ein NS-Rassenhygieniker im Falle ihres Ablebens ihr Gehirn „angefordert“, zitierten die Schüler aus den Akten. Während Lena Müller, Hanna Schwerter, Mareen Winter, Romea Güttler, Merle Weiler und Caleb Grönemeyer den Weg von Else Tippmann verfolgten, begaben sich Edda Pohl, Jette von Daak, Malik Maghraoui, Moritz Kleen, Timothy Machner und Christoph Walter auf die Spuren des Patienten Remmer Eilts. Der wegen Beihilfe zum Hochverrat verfolgte KPD-Funktionär wurde 1939 – ebenfalls im PFL – sterilisiert und in Wehnen wegen einer von einem Leitersturz herrührenden angeblichen Schizophrenie „behandelt“, bis auch ihn dort 1942 der Tod ereilte.

Der Leistungskurs hat die Schicksale in drei blauen Büchern festgehalten und am Mittwoch der Vorsitzenden des Gedenkkreises Wehnen, Elke Harms-Kranich, übergeben. „Sie haben die Opfer aus ihrer Anonymität herausgeholt und ihnen ihre Würde zurückgegeben“, lobte Harms-Kranich.

Auch Lehrerin Heide Baumgartner bescheinigte ihrem Kurs eine „großartige Leistung“: „In dieser Arbeit steckt sehr viel Engagement und Herzblut.“