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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Wenn Trauer unter die Haut geht

13.04.2017

Oldenburg Der Name der Freundin oder des Freundes, ein Geburtsdatum, ein Bekenntnis zum Lieblingsverein, ein Sinnspruch oder vielleicht doch ein schönes Kunstwerk – den Möglichkeiten sind, dank moderner Technik, bei Tätowierungen kaum Grenzen gesetzt.

Auch bei der Trauerbewältigung kommt Tattoos eine immer größer werdende Bedeutung zu, hat Anja Lindig festgestellt. Die 29-Jährige weiß, wovon sie spricht. Sie arbeitet als Psychologin in der onkologischen Abteilung des Pius-Hospitals und wird dort täglich mit dem Thema Tod und dem Umgang mit Trauer konfrontiert.

Julia (25): „Does anybody hear her?“ „16.12.2011“

Das Tattoo besteht aus einem Liedtitel und erinnert mich an meine Cousine April, die sich am 16.12.2011 das Leben genommen hat. Meine Cousine hat vor ihrem Tod ein Video zu diesem Lied gedreht. Es handelt davon, dass jemand in die falsche Richtung läuft, sich nicht verstanden fühlt. Das passte zu ihrem Leben, denke ich.

Sie lebte mit ihrer Familie in Kanada, wir hatten nicht die intensivste Beziehung zueinander, aber eine sehr positive. Ich fand viele ihrer Eigenschaften bewundernswert und sehr angenehm. Besonders auffällig war ihre positive und offene Art. Sie hat sich zu Hause erhängt. Da war sie Anfang zwanzig. Es war so merkwürdig, sie war so jung, schön, talentiert, hatte viele Freunde. Dabei muss sie sich die ganze Zeit alleine gefühlt haben. Nach ihrem Tod bin ich in ein richtiges Loch gefallen, was etwa ein halbes Jahr andauerte.

Das hing weniger damit zusammen, dass sie jetzt tot war, sondern mehr mit der Frage, in was für einer Welt wir eigentlich leben, in der eine Person wie April keinen Sinn mehr zum Weiterleben sehen kann. Ich habe plötzlich alles im Licht der Vergänglichkeit gesehen. Ich musste mir immer die Frage stellen: Wofür mache ich das – studieren, arbeiten, zum Sport gehen? Im Nachhinein denke ich, diese ganze Phase hatte für mich den Sinn, mich selbst besser kennenzulernen, für mich selbst zu definieren, was ich vom Leben erwarte.

Das Tattoo habe ich mir ein Jahr nach ihrem Tod stechen lassen, nachdem ich das Video gesehen hatte. Es erinnert mich an eine wichtige Phase in meiner Lebensgeschichte – besonders an die Zeit nach Aprils Tod. Die Gedanken, die ich mit ihrem Tod verbinde, habe ich so quasi vom Kopf auf den Rücken „umgeschrieben“, ich habe sie in eine Schublade gesteckt.

Ein Beispiel: Auf Hannahs Oberarm kann man in den Sternenhimmel blicken, auf das Sternbild des Großen Wagens. „Wenn ich irgendwann nicht mehr da bin, bin ich auf diesem Stern“, hatte Hannahs Großmutter ihr eines Abends gesagt, als beide den Himmel betrachteten. Damals wusste ihre Großmutter bereits, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist. Zehn Jahre später sind Hannahs Erinnerungen an ihre Großmutter noch sehr präsent und der Moment unter dem Sternenhimmel als Tattoo auf ihrem Oberarm verewigt. „Durch das Tattoo denke ich jeden Tag an sie. Sie ist so immer bei mir, gibt mir Kraft. Ich kann sie nicht mehr verlieren.“

Die Idee, etwas über die Trauerbewältigung in Verbindung mit Tattoos zu schreiben, kam Anja Lindig während einer Weiterbildung zur Trauerbegleiterin. Ein spannendes Thema, dem sie ihre Abschlussarbeit gewidmet hat. Mit sechs Frauen und einem Mann hat sie Interviews geführt, um herauszufinden, warum sie sich ein Tattoo stechen ließen, das an einen Verstorbenen erinnert. „Das ist keine wissenschaftliche Studie“, betont Anja Lindig, die Auswahl der Befragten war eher zufällig. Zwischen 21 und 35 Jahre sind sie alt.

Die Motive der Tattoos waren ganz unterschiedlich. Drei ließen den Namen der Verstorbenen tätowieren, zwei die Liedzeile aus einem Song und zwei Symbole, die mit dem Tod des Verstorbenen zusammenhängen. „Gemeinsam ist allen, dass sie mit ihrem Tattoo dem Toten ein sichtbares Zeichen setzen wollten, das sie immer mit sich herumtragen, das immer bei ihnen ist“, schildert die Psychologin die Bewegründe.

Die Erinnerung an den Verstorbenen wird so ein Leben lang sichtbar wach gehalten, quasi wie die Aufschrift auf einem Grabstein. Das Tattoo ist gleichfalls eine Wegmarkierung auf dem Lebensweg, der eine Zeit der Trauer markiert. Es stellt sich bei vielen die Frage nach dem Sinn des Lebens, wenn ein naher Verwandter oder guter Freund stirbt. „Vielen hat die Tätowierung geholfen, den Blick wieder auf das eigene Leben zu richten“, hat die 29-Jährige bei den Interviews erfahren. Und weiter: „Schon das Stechen der Tattoos hat bei ihnen viel bewirkt, es löste ein gutes Gefühl aus.“

In anderen Kulturen werden Tätowierungen als Ritual gesehen, die den Übergang von einer Lebensphase in eine andere markieren. Mit der Tätowierung holt man Tod und Trauer aus einer thematischen Tabu-Zone. Die Trauer wird stärker gesellschaftlich akzeptiert, hat Lindig beobachtet.

  Die Bilder von den Tattoos und die dazugehörigen Interviews werden in der „Flänzburch“ am Friedensplatz ausgestellt. Die Podiumsdiskussion im Rahmen der Ausstellungseröffnung am Donnerstag, 20. April, ab 19 Uhr, wird sich der Frage widmen, welche Rolle Tätowierungen im Trauerprozess spielen und ob sie die Trauerverarbeitung unterstützen können. Gäste sind unter anderem Anna Wiechmann-Faida, Trauerbegleiterin und ehemalige Hospizleiterin, ein Tätowierer aus Oldenburg und eine Teilnehmerin des Fotoprojektes. Der Klangkünstler Thomas Bisitz wird den Abend mit Geige und Elektronik musikalisch begleiten.

Thomas Husmann Redakteur / Redaktion Oldenburg
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