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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Kultur

Wenn Romeo und Julia rebellieren

18.07.2016

Oldenburg Sie waren eingeladen, die Klassiker der Weltliteratur, und sie sind alle gekommen. Im Reisegepäck haben sie ihre Werke und kleinen Anekdoten dabei. Wäre es möglich gewesen, hätte Herzog Peter Friedrich Ludwig als Gründer des Schlossgartens die Kultursommer-Gäste vermutlich gerne selber in Empfang genommen. Nun übernahm das die Kulturetage. Die Zeitgenossen Goethe und Lessing hatten keine so lange Anreise. Für Cervantes, dem spanischen Nationaldichter, und Molière, beide aus dem europäischen Ausland, sowie für Vielschreiber Shakespeare und Frankenstein-Erfinderin Mary Shelley war es vermutlich etwas mühselig, Oldenburg zu erreichen. Und erst recht für Edgar Allan Poe, bekannt für seine Detektivgeschichten; er musste den Atlantik überqueren. Zeitgeschichtlich wird Philosoph und Schriftsteller Dante den weitesten Weg zurückgelegt haben.

Tanzpartner für Lessing

Nun sind die großen Literaten also vorgestellt. Sie haben ihre Kulissen im Schlossgarten besetzt – das Spiel kann beginnen. „Es lebe die Literatur“, ruft Lessing (Ralf Selmer) aus. Er will mit den Gästen die Einrichtung seiner Bibliothek feiern und ist vor lauter Freude gar nicht zu bremsen. Seine Gäste, das sind natürlich die Zuschauer; und zu einem Fest gehören Musik und Tanz und Schampus. Auf ein Fingerschnipsen des Dichters erscheinen drei Tanzpaare. Lessing fehlt ein Gegenüber und so nimmt er sich eine Dame aus dem Publikum. Die ist mutig und findet sich zwischen historischen Gewändern und ungewohnten Tanzschritten gut zurecht.

Und dann will Lessing nun doch noch eine Lesung halten. Allein ihm zuzusehen macht Freude, wie er da so selbstherrlich auf seinem barocken Sessel sitzt, mit seidigem Anzug voll Rüschchen und den mit Schnalle und Schleife verzierten Lackschuhen. Er liest, nein, er trägt sie fast vor, die „Ringparabel“ aus seinem Werk „Nathan der Weise“. Die Gäste, die in jeweils 25-köpfigen Gruppen von „Literaturscouts“ zu fünf von insgesamt acht verschiedenen Spielorten geleitet werden, belohnen ihn mit gebührendem Applaus.

Auf geschwungenen Pfaden geht es weiter zu Shakespeare (Markus Weiß). Er wartet mit Romeo (Jan-Hendrik von Minden) und Julia (Carlotta Hein) vor der Balustrade am Ententeich auf seine Zuhörerschaft und verkündet eine öffentliche Probe zu der berühmten Balkonszene.

Fantasievolle Kostüme

Romeo und Julia mucken gegenüber ihrem Lehrmeister auf, man fühlt sich an Vater-und-Kinder-Debatten zu Pubertätszeiten erinnert und amüsiert sich köstlich, als Julia verkündet, sie wolle doch lieber nicht sterben: „Liebe soll nicht im Tod enden. Es gibt schon so viel Elend auf der Welt.“ Auch diesen Spielort verlässt man nur ungern.

Die fantasievollen Kostüme für alle Darsteller schneiderten Regine Meinardus und ihr Team mit Unterstützung des Fundus’ vom Theater. 35 Personen mussten insgesamt eingekleidet werden, ein wahres Meisterstück ist da gelungen. Neben dem Team des Theater k und dem Jugendclub in der Kulturetage sind das Unikum, die „Straßenkrimi“-Akteure sowie eine Vielzahl von Laien in Nebenrollen mit dabei. Als Produktionsverantwortlicher berichtet Bernt Wach vom großen organisatorischen Aufwand. „Umziehen findet in der Kulturetage statt, mit dem Kleinbus geht es an den Veranstaltungsort und um Mitternacht das Gleiche zurück.“

Mittlerweile ist es stockdunkel im Park. Friedhofsatmosphäre und Grablichter neben den Kreuzen der Familie von Mary Shelley. Mary blickt zurück auf ein düsteres hartes Leben. Franziska Vondrlik spielt die Verbitterung eindrucksvoll und bedrückend zugleich, und die Zuschauer erfahren viel über diese ungewöhnliche Frau. Und weil „Frankenstein“ (Mirko Marenke) ihr bekanntestes Werk ist, erscheint der Schöpfer des Monsters aus der Dunkelheit des Torbogens, und die Schauspielerin schlüpft in die Rolle des untröstlichen Scheusals. Eine starke Leistung und ganz schön gruselig.

Kurz nach Mitternacht führen die Scouts die 200 Gäste, die am Freitagabend für eine fast ausverkaufte Premiere sorgten, zum Ausgang, und die Tore zur Weltliteratur schließen sich.
  Weitere Aufführungen finden am Freitag und Sonnabend, 22. und 23. Juli, (jeweils 21 Uhr) statt.


Spezial unter   www.nwzonline.de/kultursommer-oldenburg 

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