Vielleicht mag es mancher nicht glauben, aber im Grunde freuen wir uns als Redaktion über die allermeisten Leserrückmeldungen, auch wenn sie Kritik an unserer Arbeit beinhalten. Damit können wir umgehen und damit werden wir besser. Meistens beschäftigen sich die Leser aber glücklicherweise mit den Inhalten unserer Berichterstattung. Leserbriefe sind wichtiger Teil der Debatte, wir drucken alles ab, was sich im weiten Rahmen der Meinungsfreiheit bewegt und keine falschen Fakten beinhaltet. Anonyme (Hetz-)Schreiben, die regelmäßig bei uns eingehen, bringen wir natürlich nicht.

Seit einiger Zeit prüfen wir nicht mehr alle Leserbriefe auf die Authentizität der Autoren gegen. Wir haben uns bewusst für diesen Schritt entschieden. Zu häufig hat der Prüfprozess dazu geführt, dass zwischen aktueller Berichterstattung und Leserreaktion zu viel Zeit verstrich und das Thema nicht mehr präsent war oder sich schon längst weitergedreht hatte. Wir finden, dass die Meinung so zeitnah wie möglich zum Originaltext erscheinen sollte.

Zudem schützt uns die Rückfrage bei den angegebenen Kontakten nicht vor Betrug. Denn natürlich kann die Stimme am Telefon einfach bestätigen jemand zu sein – den oder die es dann doch nicht gibt. Auch das hat es in der Vergangenheit leider gegeben.

Im Pressekodex, zu dessen Einhaltung sich die meisten deutschen Verlage verpflichtet haben, heißt es: Bestehen Zweifel an der Identität des Absenders, soll auf den Abdruck verzichtet werden. (…) Die Veröffentlichung fingierter Leserbriefe ist mit der Aufgabe der Presse unvereinbar.

Leider müssen wir jetzt eingestehen, dass unser Vertrauensvorschuss sehr wahrscheinlich missbraucht wurde. Leserbriefe, in denen Kritik an der Stadtverwaltung formuliert wurde, waren mit Namen unterschrieben, hinter denen sich nach intensiverer Prüfung wohl kein existierender Mensch verbirgt. Restlos aufklären können wir allerdings auch das nicht. Grund für ganz offensichtlichen Zweifel an der Echtheit der Zuschriften haben wir nicht gesehen, aber natürlich hätten die Texte nicht veröffentlicht werden dürfen.

Angesichts des aktuellen Missbrauchs unseres Vertrauensvorschusses werden wir die Praxis in der Redaktion nun leider überdenken müssen.

Lasse Deppe
Lasse Deppe Mitglied der Chefredaktion (Lokales)