Oldenburg - Hört ihr’s wettern dort, so wisst, das ist Liszt! Die Pianistin Mélodie Zhao hat keine Mühe, diese Zeile aus einem Gedicht spöttischer Hochachtung zum Klavier-Star Franz Liszt praktisch umzusetzen. Die gebürtige Schweizerin überwindet im ausverkauften Kleinen Haus die dicksten pianistischen Barrikaden, mit frappierender Technik, mit faszinierender Musikalität, mit einem kaum zu glaubenden Augenzwinkern: Herausforderungen? Na und?
In der Reihe „Große Pianisten im Kleinen Haus“ ist Zhao mit ihrer Bühnenpräsenz und ihrer Nähe zum Publikum eine einnehmende Erscheinung. Mit ernsthafter Offenheit und kaum verfolgbaren flitzenden Fingern mischt sie virtuoses Spektakel mit Scharfsinn und gedanklichem Nachsinnen. Vor allem aber: Sie spielt auch ohne Tastenprotzerei einfach fantastisch Klavier!
Radikale Kontraste
Bis auf die spektakuläre h-Moll-Sonate von Liszt hat sich das Programm des 2. Konzerts der Reihe komplett verändert, weil für Zhaos geplante Eigenkomposition die Elektronik ausgefallen war. Auch mit der 2. Ungarischen Rhapsodie cis-Moll von Liszt, der tänzerisch packenden Chinesischen Rhapsodie Nr. 2 von Anlun Huang und einer eigenen Bearbeitung der „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin nimmt sie die Oldenburger im Sturm.
Das alles mag ein bisschen zur vordergründig virtuosen Seite tendieren, sie klotzt durchaus, wo sie nicht kleckern muss. Doch sie spielt zwischen radikalen Kontrasten auch auf nachdenkliche Weise spektakulär. Zum einen variiert sie logisch die Temporelationen, bremst ab, zieht an, ohne dass es manieriert wirkt. Damit stellt sie klangschöne Details frei, integriert sie aber organisch ins große Ganze. Legato setzt sie eher zurückhaltend ein.
Zum anderen, das zeigt sie im 760-Takte-Koloss der Liszt-Sonate, lässt sie auch verschachtelte Blöcke frei laufen, um sie dann umso fester für die Gesamtdimension einzufangen. Von den schon variabel getupften Basstönen an wachsen die vier in einem Satz gespielten Einzelteile zur festgefügten Einheit.
Schlussakkorde
Da passen die fast eine Minute lang gehämmerten Oktaven im Prestissimo ebenso zusammen wie das Verlöschen der Schlussakkorde über einer Fermate in H-Dur. Immer zieht Mélodie Zhao die Hörerinnen und Hörer in die Mitte der musikalischen Gedankengänge. Mit einem zugegebenen Nocturne cis-Moll von Chopin schafft sie das auf kürzestem Weg. Zauberhaft getupft, aber mit Profil.
