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XXL-Porträts in Wechloy Nazi-Frauen auf Oldenburger Brücken-Wandbild zu sehen

Das Wandbild unter der Autobahnbrücke zeigt u.a. Edith Ruß (Mitte),  die während der Nazi-Diktatur als Feuilleton-Chefin der Oldenburgischen Staatszeitung arbeitete.

Das Wandbild unter der Autobahnbrücke zeigt u.a. Edith Ruß (Mitte), die während der Nazi-Diktatur als Feuilleton-Chefin der Oldenburgischen Staatszeitung arbeitete.

Patrick Buck

Oldenburg - Das Edith-Ruß-Haus an der Katharinenstraße ist nach ihrer Stifterin benannt. Eine fanatische Nationalsozialistin, schreibt die Tageszeitung (TAZ). Denn: Ruß war Feuilleton-Chefin der Oldenburgischen Staatszeitung. Sie schrieb vom „Heldentod“ an der Front als „die Erfüllung eines Menschenlebens“ und „heilige Sache“, hat die TAZ herausgefunden.

Stifterin

Die Stadt bewahrt ihr dennoch ein ehrendes Andenken. Nicht nur mit dem Edith-Ruß-Haus, für das die ehemalige Lehrerin nach ihrem Tod im Jahr 1993 zwei Millionen DM hinterlassen hatte. Ihr Konterfei ist seit November vergangenen Jahres auf einem 40 Meter langen Wandbild unter der Autobahnbrücke an der Ammerländer Heerstraße in einer Reihe mit Elisabeth Frerichs, Helene Lange, Willa Thorade, Helga Neuber, Heike Fleßner, Anna Feilner, Emma Ritter, Sara-Ruth Schumann und Erna Schlüter zu sehen. Auch die Oldenburger Sopranistin Erna Schlüter scheint den Nazis sehr nahe gestanden zu haben, schreibt FAZ.net. Sie sang für Goebbels und Hitler. Und die Künstlerin Emma Ritter durfte während der Nazi-Diktatur ihre Werke ausstellen, weil sie Mitglied in der Reichskulturkammer war.

Das sagt die Stadt zu Edith Ruß

Auf Basis verschiedener zugänglicher Primär- und Sekundärquellen ließ sich die Rolle von Edith Ruß im Nationalsozialismus zusammenfassen, teilt die Stadtverwaltung mit.

Edith Ruß wuchs als Jugendliche im Nationalsozialismus auf und hat als junge Frau angefangen, für mehrere nationalsozialistische Zeitungen in den Bereichen Kultur und Frauenthemen zu arbeiten, unter anderem auch als politisch geschulte Schriftleiterin. Sie war nicht Mitglied der NSDAP, was für eine Schriftleiterin im nationalsozialistischen Pressesystem durchaus ungewöhnlich war und entsprechend auch bemerkt wurde. Es sind bisher keine Artikel von Edith Ruß mit explizit den Nationalsozialismus verherrlichenden oder gar antisemitischen Inhalten bekannt. Nach 1945 sind keine Äußerungen bekannt, die darauf hindeuten würden, dass sie der nationalsozialistischen Ideologie in irgendeiner Weise angehangen hätte. Insgesamt wurde sie auf der Basis dieser Recherchen als Mitläuferin eingestuft.

Sollten sich aufgrund der wissenschaftlichen Untersuchung neue Erkenntnisse ergeben, werden ihre Rolle und sich daraus ergebende Konsequenzen neu bewertet, so Stadtsprecher Stephan Onnen abschließend.

Verantwortlich für Planung und Umsetzung des 24 450 Euro teuren und von Sponsoren unterstützten Wandbildes war der Präventionsrat Oldenburg (PRO). Eine Jury hatte aus 17 Frauen diese zehn ausgewählt. „Wir waren nicht aufmerksam genug bei der Auswahl der Frauen“, erklärt Melanie Blinzler, Geschäftsführerin des Präventionsrates Oldenburg, auf Nachfrage unserer Redaktion. Man habe bei Ruß und Schlüter nicht in die Bewertung einbezogen, dass die beiden Frauen während der Nazi-Diktatur gearbeitet hatten. Da hätte nachgehakt werden müssen. Mitverantwortlich sei allerdings auch die mangelnde Forschung in der „Frauengeschichte“. Wenn nun das Ergebnis der Nachforschungen ist, „dass wir zwei stramme Nazi-Frauen im Wandbild abgebildet haben“, werde sich dort etwas verändern, kündigte sie an.

Jubiläumsjahr 2025

Die Stadt bestätigt die Veröffentlichung der von Edith Ruß verfassten Sätze in den Artikeln der „Oldenburger Staatszeitung“. Die Stadtverwaltung hat nach Auskunft von Stadtsprecher Stephan Onnen nun das Institut für Geschichte der Universität Oldenburg beauftragt herauszufinden, „ob neue Quellen bzw. Erkenntnisse zu Edith Ruß und ihrem Leben vorliegen.“ Dieses unabhängige Gutachten solle eventuell auch auf die Person Erna Schlüters ausgedehnt werden. Die Ergebnisse zu Edith Ruß sollen 2025, im Jubiläumsjahr des Edith-Ruß-Hauses, öffentlich vorgestellt und diskutiert werden.

Das erwähnte Uni-Institut für Geschichte hatte im Auftrag der Stadt bereits eine Studie mit Blick auf die NS-Vergangenheit von Straßennamensgeberinnen und -gebern erstellt und Ende 2013 veröffentlicht, so Onnen weiter. Gegenstand der Untersuchung war auch die Malerin Emma Ritter. In der Studie heißt es: „Über die Rolle Emma Ritters (1878-1972) im Nationalsozialismus gibt es kaum wissenschaftliche Erkenntnisse. Aufgrund ihrer Biografie können keine Rückschlüsse auf die Zugehörigkeit zu nationalsozialistischen Organisationen gezogen werden.“

Haus für die Kunst

Edith Ruß (1919-1993) hatte der Stadt Oldenburg eine Schenkung in Höhe von rund zwei Millionen DM vermacht, verbunden mit der testamentarischen Regelung, dass ein Haus für die Kunst errichtet werde. Das Leben von Edith Ruß wurde in einer von der Historikerin Paula von Sydow erstellten Biografie aus dem Jahr 2000 beschrieben. Von Sydow ist Leiterin des städtischen Kulturbüros und damit auch zuständig für die Erinnerungskultur. Sie war Mitglied der Jury.

Das Wandbild-Projekt finanziell unterstützt hatte mit einem geringen dreistelligen Betrag auch Hanna Naber. „Als direkt gewählte Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Oldenburg/Nord-West, in dem sich auch die Brücke befindet, und im Rahmen meiner Aktion ,Spenden statt Weihnachtskarten’, die ich seit 2018 durchführe. Dass sich unter den zehn porträtierten Persönlichkeiten Frauen mit einer NS-Vergangenheit befinden, bedarf der dringenden Aufarbeitung und daraus abzuleitender Konsequenzen“, teilte sie der Redaktion mit.

Thomas Husmann
Thomas Husmann Redaktion Oldenburg
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