Oldenburg - Zugegeben, das mit gelben Steinen verklinkerte Haus mit der Nummer 124 an der Stedinger Straße sieht von außen nicht sonderlich erhaltenswürdig aus. Und doch wird an dieser Stelle in den nächsten Tagen ein Gebäude abgerissen, das ein großes Stück Osternburger Geschichte spiegelt – es gehörte zur Arbeiterkolonie Sansibar, die neben Kamerun, Kreta und Roter Strumpf einst den Arbeitern und ihren Familien aus der benachbarten Glashütte ein Zuhause bot.
So soll es werden: Adrian Mende baut mit seinem Unternehmen ein neues Haus auf dem Grundstück an der Stedinger Straße 124. BILD: Mende
Bilder: Thomas Husmann/Mende GeneralbauIdentische Grundrisse
Die Häuser der Glashütten-Siedlungen sind alle mit den gleichen Grundrissen als Sechs- Familienhäuser Ende des 19. Jahrhunderts von der Oldenburger Glashütte als Werkswohnungen errichtet worden, weiß Nachbar Carsten Krampe, der im Haus mit der Nummer 126 wohnt. Im Erdgeschoss befanden sich je vier rund 60 Quadratmeter große Wohnungen mit kleinem Garten und eigenem Zugang. Im Dachgeschoss gab es zwei weitere Wohnungen, die über ein gemeinsames Treppenhaus erschlossen sind. Diese Häuser haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Auf Sansibar stehen aktuell noch fünf dieser Siedlungshäuser in unterschiedlichem Erhaltungszustand. Es sind die Häuser Stedinger Str. 124 - 130A, die als eingeschossige Gebäude mit Satteldach errichtet worden sind.
Nach dem Abbruch des Hauses Stedinger Str. 124 werden auf dem Grundstück nach Mitteilung von Bauunternehmer Adrian Mende ein zweigeschossiges Sechs-Familienhaus und ein Doppelhaus errichtet. Die bisher vorhandene Bebauung von Stedinger Str. Haus Nr. 118A bis 130B wird durch das neue Haus unterbrochen. Zweigeschossige Gebäude befinden sich bereits im Bereich der Einmündung Schulstraße.
Fremdartig
Und woher die Namen der Siedlungen stammen? Die afrikanische Insel Sansibar war von 1885 bis 1890 sogenanntes Deutsches Schutzgebiet. Als Kolonien bezeichnete man damals auch Arbeitersiedlungen. Vermutlich wurden die Siedlungsnamen vom Osternburger Bürgertum erfunden. Vielleicht in einer Mischung aus der damals herrschenden Kolonialbegeisterung und einer gewissen Abwehr gegenüber den Fremdlingen. Denn auf Kamerun und Sansibar wohnten Ortsfremde, die von Glashütte zu Glashütte zogen. Von der Arbeit in Staub und Hitze kamen sie schmutzig mit rußgeschwärzten Gesichtern nach Hause. (Quelle: Osternburg, Matthias Schachtschneider).
Für die Bewohner des Hauses mit der Nummer 126 tut sich mit dem Abriss des Hauses und der Neubebauung des Grundstücks ein Problem auf. Um zu ihren Garagen hinter das Haus zu kommen, müssen sie die gemeinsame Einfahrt nutzen. Überwegungsrechte sind ins Grundbuch nicht eingetragen, weil „Sansibar“ einst insgesamt der Glashütte bzw. dessen Eigentümer gehörte, weiß Krampe und hofft nun auf ein Entgegenkommen des neuen Eigentümers.
