(...) Vorgestellt wurde eine Ideensammlung dessen, was theoretisch in einem reinen Fußballstadion stattfinden könnte. CSIGHT, die von der Stadt Oldenburg für diese losen Konzepte bezahlte „Unternehmensberatung des Sportbusiness” (so deren Selbstbeschreibung) wurde in der NWZ zum „Gutachter“ gekürt. Die lose Ideensammlung wurde zum „Gutachten“ – und das, obwohl der Geschäftsführer der Stadionplanungsgesellschaft Joachim Guttek den Begriff kurz vor Sitzungsbeginn zurückgewiesen hatte, als er klarstellte: „das ist kein Gutachten“. (...)
Nun ist ein Bericht veröffentlicht worden, der bei den Lesern illusorische Vorstellungen über die zukünftige Nutzung des Drittliga-Stadions entstehen lässt. Sie sollten diesen Fehler bitte korrigieren. Die NWZ berichtete auch schon von Einnahmen von 1,5 Millionen Euro bei einem Zuschussbedarf von über 1,5 Millionen Euro – Zahlen, die auf diesen wenig plausiblen Annahmen zur Nutzung basieren. Tatsache ist, die Ideensammlung ist kein Gutachten, sondern Fantasie – so drückte es Herr Guttek nach der Sitzung treffend aus.
Auch andernorts bieten Stadien für den Drittliga-Fußball wenig Bemerkenswertes, das über 20 Partien Berufsfußball hinausgeht – außer natürlich tiefroten Zahlen. Die Vertreter der den Stadionneubau befürwortenden Ratsfraktionen machten auf mich nicht den Eindruck, als würden sie sich über die drastischen finanziellen Einschränkungen, die ein Stadionneubau bei den eigentlichen städtischen Aufgaben fordern wird, Gedanken machen.
Soweit ich das der NWZ entnehmen konnte, hat die Stadt circa 604.000 Euro für eine Machbarkeitsstudie eingeplant. Erste Antworten liegen vor. Hier haben die Berater alles gesammelt und aufgeführt, was sein könnte. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Da würde ein Stadion gar nicht reichen. Die Stadt sollte auf den Boden der Wirklichkeit zurückkehren. Das Einzugsgebiet ist reine Annahme. Schon bei der Eröffnung des Olantis-Bads ging man von einem Einzugsgebiet bis Osnabrück aus, das nie Wirklichkeit wurde.
Die jährlich eingeplanten Kosten von 1,7 bis 2,1 Millionen Euro sind jetzt schon überholt, die Zinsen steigen und auch die Kosten. Die Gesamtkosten des Stadions von 34 Millionen netto sind ein Wunschtraum, denn bis zur Umsetzung wird es noch lange dauern und die Preise steigen kontinuierlich. Letztendlich werden wir wohl bei circa 55 Millionen landen.
Im Rahmen dieser Planung kürzt die Stadt die Ausgaben für die Schulen um 1 Million Euro. Die Förderung der Schüler ist nicht so wichtig wie ein Fußballstadion. Für mich ist diese Entscheidung nicht nachzuvollziehen.
Dass es sich bei einem neuen Stadion eben nicht allein um einen riesigen Gewinn für den Fußball in Oldenburg handeln würde, mussten mittlerweile auch die schärfsten Kritiker eines Neubaus einsehen. So sieht das aktuelle Nutzungskonzept der Stadt eine Vielzahl von Verwendungsmöglichkeiten vor. Und schon vor Monaten hatte auch die Initiative Nordweststadion zahlreiche Nutzungsoptionen eines modernen Stadions in Donnerschwee dargelegt (...).
Als evangelischer Pastor sehe ich sogar noch einige Optionen mehr. Nach dem Vorbild von Union Berlin könnte ein neues Stadion im Advent die ganze Region zum Weihnachtsliedersingen einladen. Auch Freiluft-Gottesdienste oder regionale Kirchentage wären hier denkbar – ganz im Gegensatz zum maroden Marschwegstadion und seiner unzumutbaren sanitären Ausstattung. Zudem sollte es im neuen Stadion eine ökumenische Kapelle geben. Nach ausführlichen Gesprächen mit den Stadion-Pastoren von Hertha BSC Berlin, Dr. Bernhard Felmberg, und von Eintracht Frankfurt, Eugen Eckert, steht mir der Nutzen einer solchen Einrichtung deutlich vor Augen.
Andachten vor Spielbeginn mit Anhängern beider Vereine, seelsorgerliche Begleitung von Besuchern und Spielern oder die Option, hier Taufen und Trauungen in einem besonderen Rahmen anbieten zu können, sind nur ein paar von vielen denkbaren Möglichkeiten. Beim FC Schalke 04 erfreut sich eine solche Stadion-Kapelle ebenfalls großer Beliebtheit. Und einen fußballbegeisterten Pastor, der sich des Dienstes im neuen Stadion annimmt, würde man sicher auch im Oldenburger Land schnell finden.
Seit 18 Jahren wohne ich in Oldenburg. Eine wunderschöne Stadt. Aber ich fühlte mich nie als Oldenburger. Seit eineinhalb Jahren gehe ich nun zum VfB. Mein damals achtjähriger Sohn brachte mich dazu. Er trieb mich immer wieder ins Stadion. Bei Sonne, bei Sturm, bei Eisregen.
Die Fans des VfB haben mich sofort fasziniert. Bunt, vielfältig, friedfertig, positiv, stimmungsvoll, viele Kinder und erstaunlich viele Frauen. Aber viel mehr beeindruckt hat mich, welchen Leidensweg die VfB-Fans die letzten Jahrzehnte durchleben mussten und immer noch so fest zu ihrem Verein und zu ihrer Stadt stehen. Eindrucksvoll! Unzählige Geschichten habe ich von der legendären „Hölle“ gehört. Stets so emotional. Ich sah die Freude und zugleich Wehmut in den Augen. So fesselnd als wäre ich selbst dabei gewesen (und ich wäre so gerne dabei gewesen).
Der VfB schlummert immer noch in vielen Herzen dieser Stadt. Braucht Oldenburg Profifußball? Ja! Braucht Oldenburg ein profifußballtaugliches Stadion? Unbedingt! Denn Fußball bringt Freude. Fußball verbindet. Fußball stiftet Identität. Seit 18 Jahren wohne ich in Oldenburg. Eine wunderschöne Stadt. Und seit eineinhalb Jahren bin ich Oldenburger.
