Oldenburg - Ein Fundstück kann etwas auslösen: Vor rund drei Jahren entdeckte Jonas Bley bei einer Internetsuche eine alte Taschenuhr der Marke „Eugen Wegner“. Sie ist eine Besonderheit nicht nur aufgrund ihres Alters. Eugen Wegner ist Bleys Ururgroßvater. Der 34-Jährige kaufte die Uhr – und nahm diesen Glücksfall zum Anlass, einen Traum endlich wahr zu machen.
Jonas Bley habe schon immer großes Interesse an kleinteiligem Handwerk gehabt, erzählt seine Schwester Jantje von Reeken. Die Großmutter war Goldschmiedin, bei ihr machte er einst ein Praktikum. Die Familiengeschichte ist ebenfalls sein Steckenpferd. Beides zu verbinden und in die Fußstapfen seines Vorfahren, des Uhrmachers Eugen Wegner, zu treten – das war schon häufiger Küchentischgespräch. Jetzt wird es wahr.
Jonay Bley. Bild: Eugen Wegner Watches/Ulf Duda
Singapur und Oldenburg
Jonas Bley und Jantje von Reeken sind beide in Oldenburg geboren und aufgewachsen, machten Abitur an der Liebfrauenschule. Er ist in der Unternehmensberatung tätig und lebt inzwischen in Singapur. Sie arbeitet an der Jade Hochschule in Oldenburg. Als ihr Bruder den Schritt wagte, die alte Uhrenmarke wieder ins Leben zu rufen, war die 36-Jährige mit dabei, ebenso wie zwei von Bleys Studienfreunden.
„Was brauchen wir, wen brauchen wir?“, waren die ersten Fragen. Denn das nötige Handwerk beherrscht keiner von ihnen. In Daniel Franke aus Hamburg fanden sie einen jungen Uhrmachermeister, der ihre Ideen teilte. „Jemand mit tollen Ideen, der versiert und sorgfältig ist und traditionelles Handwerk schätzt“, sagt von Reeken. Inzwischen ergänzen zwei weitere Uhrmacher das Produktionsteam.
Eugen Wegner
An der Elbe kommen die Komponenten aus Deutschland und der Schweiz an, viele werden eigens für die Uhren produziert. Am Ende von viel Handarbeit stehen dann die drei ersten Modelle „Hevelius“, „One“ und „Phoenix“. Die erstgenannte ist dabei im Stil angelehnt an die alte Taschenuhr von Eugen Wegner.
Doch nicht nur für die Uhren selbst musste viel geplant werden. Auch die Verpackung war ein großes Thema. Denn solche Uhren können nicht einfach in schnöden Plastikbeuteln verschickt werden. Es gibt ganze Blogs und Videokanäle, die sich mit dem sogenannten „Unboxing“, also dem Auspacken, beschäftigen. „Wir haben uns für eine handgemachte Holzbox entschieden und das maritime Thema aufgenommen, das mit der Marke verbunden ist“, erzählt von Reeken.
Die alte Taschenuhr von Eugen Wegner.
Die große Frage ist nun: Gibt es einen Markt für die Uhren? Mit Preisen ab rund 1200 Euro sind sie nicht ganz billig. Von Reeken sieht sie als „Einstiegsuhr für den Luxussektor“, also für Menschen, die schon Geld ausgeben wollen, für die die Rolex aber noch zu hoch hängt.
200 000 Euro nötig
Die nächsten Tage werden entscheidend für einen guten Start sein. Denn die Jungunternehmer haben den Vorverkauf über eine Crowdfunding-Kampagne auf der Plattform Kickstarter organisiert. Über 200 000 Euro müssen sie bis kommenden Mittwoch zusammenbekommen, damit sie wirksam wird. 75 Prozent haben sie bislang erreicht. Sie sind dabei ins Risiko gegangen, die Produktion läuft bereits. Denn noch vor Weihnachten sollen die ersten Käufer eine „Eugen Wegner“ der neuen Generation in den Händen halten.
Eugen Wegner wurde am 15. September 1872 in Danzig geboren. Er lernte den Beruf des Uhrmachers und wurde schon in jungen Jahren ausgezeichnet.
1897 eröffnete Wegner seine erste eigene Werkstatt in Danzig. Mit Hilfe seiner Ehefrau Susanne Wegner führte er das Unternehmen um die Jahrhundertwende schnell zum Erfolg. Weitere Werkstätten und Läden in preußischen Städten wurden eröffnet. Seine Taschenuhrenserie benannte Wegner nach berühmten Söhnen seiner Heimatstadt Danzig, unter anderem nach dem Astronomen Johannes Hevelius. Dieses Modell wurde ein großer Verkaufserfolg.
In den 1920er Jahren stieg Sohn Hans-Ulrich Wegner ins Unternehmen ein. Ein wichtiger Geschäftszweig wurden Marinechronometer. Die Hochpräzisionstechnik hatte für die Schifffahrtsindustrie eine hohe Bedeutung.
Im Jahr 1936, am 5. September, verstarb Unternehmensgründer Eugen Wegner in Danzig-Langfuhr.
In den 1950er Jahre verlegte das Unternehmen seinen Firmensitz nach Westdeutschland. Neue Werkstätten und Büros wurden in Hafenstädten wie Hamburg, Lübeck und Duisburg eröffnet.
In den 1960er Jahren gab es neue Entwicklung und weltweite Konkurrenz in der Uhrenindustrie. Die Gesamtwirtschaftliche Lage führte dazu, dass Hans-Ulrich Wegner entschied, die Geschäfte einzustellen und das Unternehmen zu schließen. Seitdem verschwanden Eigen-Wegner-Uhren und -Marinechronometer langsam vorm Markt. Die Originale von damals sind inzwischen Sammlerstücke.
