Oldenburg - Welche gesellschaftlichen Perspektiven auf den Holocaust gibt es? Wie wird die Zeit des Nationalsozialismus im alltäglichen Leben aufgearbeitet? „Amsterdam“ in der Regie von Ebru Tartıcı Borchers feiert an diesem Freitag um 20 Uhr Premiere im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters. Das prämierte Theaterstück stammt von der israelischen Autorin Maya Arad Yasur. Das Stück wurde 2018 auf Hebräisch im Haifa Theater in Israel uraufgeführt, 2019 gab es die ersten deutschsprachigen Produktionen. Nun ist es auch in Oldenburg zu sehen.
Worum geht es? In einem Wohnhaus in Amsterdam liegt eines Tages eine sehr hohe Gasrechnung vor der Tür einer jungen israelischen Violinistin. Die Forderung der Gaswerke aus dem Jahr 1944 ist nie beglichen worden. Durch ihre Nachforschungen zum Ursprung der mysteriösen Rechnung landet die Musikerin immer tiefer in den Zeiten des Holocausts, dessen Spuren auch tief in der Geschichte ihres Wohnhauses verankert sind. Während ein dunkles Kapitel der Geschichte sich graduell vor den Augen der Protagonistin öffnet, geraten auch ihre eigene Herkunft und Biografie zunehmend in den Fokus. Ihre bis dahin recht sorgenfreie Realität sowie ihr Blick auf das weltoffene Amsterdam des 21. Jahrhunderts beginnen sich zu ändern.
Unheimliches
„Die Vergangenheit schleicht sich in die Gegenwart der Protagonistin ein“, so die Dramaturgin Verena Katz. „Sie wohnt in einem Haus, in dessen Wänden und ganzer Beschaffenheit sie diese entdeckt“. Die Handlung werde von verschiedenen Stimmen scheinbar unbeschwert erzählt, aber nach und nach finde Unheimliches Einzug in das Geschehen. Das eigene Haus wird der Protagonistin fremd. Dies greift auch und das Bühnenbild der Inszenierung auf: „Den Spielern und Spielerinnen passieren immer wieder Dinge, die sie scheinbar nicht kontrollieren können. Auch das Bühnenbild verändert sich ohne ihr Zutun und zum Teil, ohne dass sie es bemerken“, betont Katz. Dieses sei dabei bewusst als ein abstrakter und variabler Raum gestaltet, in dem historische Spuren sich offenbaren.
Sechs Stimmen
Die Musik ist ein zentrales Thema des Stücks. Zum einen zeigt sich dies in der Profession der Protagonistin. Zum anderen gibt es sechs Stimmen, die die Geschichte sprechend zum Leben erwecken, mal miteinander oder gegeneinander sprechen und so verschiedene Erzählweisen über den Holocaust verhandeln. „Das Stück nimmt im Kern eine jüdische und israelische Perspektive ein, die in Europa so nicht oft erzählt wird“, so Katz.
Zeitgenössisch
„Amsterdam“ ist ein bedeutsames Werk des zeitgenössischen Theaters, das spielend leicht ein ernstes und stets aktuelles Thema beleuchtet. Vorstellungen sind bis zum 3. Februar geplant. Für die Premiere sind noch Restkarten erhältlich.
