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Analyse Zu Oldenburger Corona-Protest Es geht um Verschwörung statt Menschenwürde

Claus Hock

Oldenburg - Auch in Oldenburg wird seit einigen Wochen gegen die aktuellen Maßnahmen der Bundes- und Landesregierung in der Corona-Krise demonstriert. Die „Menschenwürde Demo“ um Organisatorin Frederike Pfeiffer-de Bruin gibt sich unpolitisch, die Demos wirken mehr wie ein esoterisches Gruppentreffen. Doch Kritik und der Vorwurf des Antisemitismus kommt unter anderem vom „Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus Oldenburg“. Aber wie kann eine Demo, die für Menschenwürde eintritt, antisemitisch sein?

Ein offener Brief

Die Begründung liegt unter anderem in den Ansichten der Initiatorin Pfeiffer-de Bruin. Diese formuliert sie in einem „offenen Brief“ auf ihrer Internetseite „grundrechteschuetzen.de“. Diskutabel sind mehrere Punkte des Textes, der Schwerpunkt der Analyse soll aber auf einer aktuell sehr beliebten Verschwörungstheorie liegen: Für Pfeiffer-de Bruin liegt der Corona-Pandemie keine Naturkatastrophe zugrunde, sondern ein geplantes Vorgehen.

Frederike Pfeiffer-de Bruin auf der „Menschenwürde-Demo“ (Bild: Claus Hock)

Frederike Pfeiffer-de Bruin auf der „Menschenwürde-Demo“ (Bild: Claus Hock)

So fragt sie: „Befinden wir uns in einem global angelegten Experiment?“ – anstelle einer Naturkatastrophe in Form einer Pandemie. Als Anhaltspunkt dient ihr unter anderem ein Szenario des Robert-Koch-Instituts (RKI) von 2012/2013, in dem auf Grundlage von Epidemie-Erfahrungen eine mögliche Ausbreitung des „Modi-Sars“-Virus aufgezeigt wird. Das Szenario war Teil einer Empfehlung zum Bevölkerungsschutz an die Bundesregierung. Das RKI habe sich „detailgetreu mit dem heutigen Szenario befasst, auch der Erreger wurde bereits vorgesehen“, schreibt sie. Ein Beleg, dass die Corona-Pandemie „geplant“ sei, sieht sie auch die Simulation „Event 201“, die im Oktober 2019 in New York stattfand.

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Claus Hock
Oldenburg

Tatsächlich beschäftigte sich diese Simulation mit der Verbreitung des Virus „nCoV-2019“. Pfeiffer-de Bruin fragt: „Ist es reiner Zufall, dass in dieser Übung, die in Baltimore stattfand und auch von der „Bill & Melinda Gates Stiftung“ mitfinanziert wurde, das Übungs-Virus denselben Namen trägt wie jenes, das uns seit Januar in Atem hält?“ Ja, ist es, wie das Center for Health Security an der Johns-Hopkins-Universität auf seiner Homepage betont. Die Simulation sei keine Vorhersage der aktuellen Pandemie, auch die Verläufe seien nicht vergleichbar.

Antisemitismus?

Aber die Verschwörungsideologie geht noch weiter. Die Erwähnung der „Bill & Melinda Gates Stiftung“ geht auf eine aktuell weit verbreitete Verschwörungsideologie mit Ursprung in den USA zurück: „QAnon“. Kurz gefasst gehen die Anhänger dieser Ideologie davon aus, dass Politik, Wirtschaft und Medien von jüdischen Finanziers gesteuert werden. Hier kommt Bill Gates ins Spiel: „Eine Figur, die die Situation absichtlich geschaffen hat. So schaffen sie sich einen greifbaren Gegner, statt eines unsichtbaren Virus, den es zu bekämpfen gilt“, heißt es dazu beispielsweise bei „Belltower.News“, dem Magazin der Amadeu-Antonio-Stiftung. Die Stiftung will die Zivilgesellschaft in Deutschland gegen Antisemitismus (auch in Form von Antizionismus), Rassismus und Rechtsextremismus stärken.

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Oldenburg

Bill Gates ist kein Jude, warum dann dennoch der Vorwurf des Antisemitismus? „Strukturell ist die Verschwörungstheorie Ausdruck des antisemitischen Ressentiments. Der Glaube, im geheimen wirke eine mächtige Gruppe finsterer Verschwörer, ist historisch aufs Engste mit der Vorstellung verwoben, Jüdinnen und Juden seien diese Gruppe,“ so Belltower.News. Und in diesem Fahrwasser bewegt sich auch Pfeiffer-de Bruin – bewusst oder unbewusst. (Anm. d. Red.: Frau Pfeiffer-de Bruin soll an dieser Stelle nicht als Antisemitin bezeichnet werden. Die Redaktion glaubt nicht, dass sie antisemitische Haltungen teilt. Das wurde Frau Pfeiffer-de Bruin auch im persönlichen Gespräch mitgeteilt. Sollte dieser Eindruck entstanden sein, bitten wir um Entschuldigung.)

„Alternativ“ statt seriös

Zur Untermauerung der von ihr erkannten Weltverschwörung zieht Pfeiffer-de Bruin vor allem „alternative Medien“ heran. Seriöse Quellen finden sich nur da, wo diese ihre Behauptungen zumindest auf den ersten Blick stützen. Die Artikel werden aber falsch oder tendenziös eingeordnet.

Breites Netzwerk

Beliebter sind Onlineportale und Youtube-Kanäle aus dem verschwörungsideologischen und rechtspopulistischen Spektrum wie „Rubikon News“, Netzfrauen oder der Verschwörungsideologe Ernst Wolff und der Arzt Dr. Bodo Schiffmann. Letzterer ist Gründungsmitglied von „Widerstand2020“, die Pfeiffer-de Bruin als „unsere Partei“ bezeichnet.

Die Beispiele lassen sich weiterführen. So hat Pfeiffer-de Bruin Angst vor Zwangsimpfungen, vermischt ihre Standpunkte mit esoterischen Ansichten und greift auch bei der Bekanntmachung der „Menschenwürde Demo“ auf verschwörungsideologische Netzwerke zurück.

Exkurs: Dr. Katrin Korb aus Oldenburg

Dieses Netzwerk greift auch bei einem Video der Demo vom vergangenen Samstag. Zu sehen ist die Oldenburger Allgemeinärztin und Homöopathin Dr. Katrin Korb. Das Video ihres Auftritts als Rednerin auf der Demonstration ging seitdem viral.

Eine kurze Einordnung: Laut Korb werde aktuell und allgemein in Bezug auf Krankheiten versucht, „mit Angst Kontrolle über die Menschen zu gewinnen“. Es sei das Prinzip des Gesundheitssystems, „Angst zu erzeugen und damit Geld zu verdienen“.

Die Leitlinien zur Behandlung von Krankheiten würden vor allem von Menschen geschrieben, die Beraterhonorare von der Pharmaindustrie bekommen würden. In diesen Leitlinien stünden Medikamente, die verschrieben werden sollen, die „viele Nebenwirkungen haben können und die keinen gesund machen. Damit wird eine Menge Geld verdient.“ Halte sie sich nicht an diese Leitlinien, bekomme sie als Ärztin Probleme.

Woraus genau diese Leitlinien bestehen? Darüber schweigt sich Korb aus. Die Behauptung, Pharmakonzerne würde es nur ums Geld gehen und die Medikamente seien aber an sich wirkungslos, kommt auch bei den Behauptungen um Bill Gates immer wieder zur Sprache. Korb reiht sich an dieser Stelle entsprechend in das Weltbild der Initiatorin Pfeiffer-de Bruin ein.

Die Maßnahmen der Regierung bezeichnet Korb unter anderem als Entmündigung und Maulkorb. Wo genau der Maulkorb bestehe, das erläutert sie nicht weiter. Die meisten der von Korb genannten Punkte gehören zu der Verschwörungsideologie, dass es sich um eine inszenierte Pandemie und damit um eine „Corona-Lüge“ handele. Zum Abschluss ihres Statements driftet Korb dann noch in den esoterisch-spiritualistischen Bereich ab.

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Alexander Will
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