Oldenburg/Braunschweig - Explodierende Kosten, eine jahrelange Verzögerung, Imageschäden, zweifelhafte Bekanntheit auf der ganzen Welt. Der neue Hauptstadtflughafen BER ist derzeit in aller Munde. Über das einstige Vorzeigeprojekt in Berlin wird viel diskutiert. Doch vordergründig ist es in der Gesellschaft Bestandteil von Gags, Anerkennung gibt es kaum.
Damit eine solche bauliche Katastrophe in Deutschland so nicht wieder vorkommt, forschen bundesweit Wissenschaftler an effizienteren Strategien bei derlei Projekten. Einer davon: der Neu-Oldenburger Dr.-Ing. Tino Uhlendorf. Der 32-Jährige hat sogenannte „Strategien zum Komplexitätsmanagement bei Bauprojekten“ entwickelt. Uhlendorf ist sich sicher, dass die Komplexität von Bauvorhaben „zu hochgradig dynamischen Änderungsketten im Projekt führt und so den Projekterfolg gefährdet“. In Bezug auf die Bauwelt hat der gebürtige Rand-Berliner während seiner Forschung an der Technischen Universität Braunschweig einen Lösungsansatz entwickelt.
Dabei kommt er zu dem Schluss, dass Bauprozesse beispielsweise mit Modulen oder Baukastensystemen entkoppelt werden müssten, um die Komplexität zu reduzieren. Wünschenswert sei zudem, dass Änderungen als Teil des Projekts verstanden werden. Ziel seiner Forschung: etwaige Kosten- und Terminüberschreitungen in Zukunft möglichst zu vermieden.
So geschehen beim Berliner Flughafen BER (siehe Infobox) oder auch bei der dennoch so umjubelten Elbphilharmonie in Hamburg. Einer der Gründe, warum Projekte immer komplexer werden, seien nicht selten „politische Rahmenbedingungen“. Diese stellen einen „Ausgangspunkt für den Projekterfolg gefährdende Eigendynamiken dar“, sagt Uhlendorf. Das „Schönrechnen“ von Projektkosten sei dabei nur ein negativer Aspekt. Weitere Stellschrauben seien Vertragsmodelle und die Nutzung moderner Techniken. Gerade in der Bauwelt gebe der Staat durch den hohen Marktanteil in besonderem Maße den Takt vor.
Der Flughafen BER heißt mit vollem Namen Flughafen Berlin Brandenburg und trägt den Beinamen Willy Brandt. Am 31. Oktober 2020 soll er in Betrieb gehen, geplant war bei Baubeginn 2006 das Jahr 2011. Statt 2 Milliarden Euro hat der Bau des Airports inzwischen mehr als 7 Milliarden Euro verschlungen.
Deshalb spricht sich Uhlendorf auch für die Einrichtung eines Komplexitätsmanagers aus. Der könne das Bauprojekt von der ersten Idee an überwachen und bei Bedarf eingreifen. Laut des Oldenburgers werden zum Beispiel in der Automobilbranche schon lange Ansätze des Komplexitätsmanagements erfolgreich umgesetzt.
Seit 2017 forschen Experten für Bauwirtschaft, Immobilienmanagement und Industriebau der Technischen Universität Braunschweig zu dem Thema. Als Projektleiter betreute Uhlendorf in diesem Zusammenhang auch ein vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit gefördertes Projekt zur Entwicklung eines Handlungsleitfadens für die frühen Planungsphasen komplexer Bauvorhaben (OI+BAU). Dazu erklärt Prof. Schwerdtner ( TU Braunschweig), es gehe darum, dass „das Ausmaß potenzieller Störungen durch geeignete Maßnahmen bereits am Beginn eines Projektes begrenzt und beherrscht“ werde.
