Oldenburg - Erstmals in der vierten Corona-Welle ist Donnerstag ein schwerkranker Covid-Patient aus einem Krankenhaus eines Pandemie-Brennpunkts ins Oldenburger Klinikum verlegt worden. Ein Krankenhaus im thüringischen Saalfeld brauchte Entlastung, ein 71-jähriger ungeimpfter Mann qualifizierte medizinische Hilfe.
Die Anfrage habe das Klinikum bereits am Montag erreicht, berichtet Dr. Ulf Günther, Ärztlicher Leiter der Intensivmedizin. Da habe man selbst aber nicht genügend Kapazitäten auf der Intensivstation gehabt. Die schafften zwei Verlegungen am Dienstag und eine weitere am Mittwoch. So gab es Platz für die Versorgung eigener Patienten und die Aufnahme eines Covid-Patienten aus Ostdeutschland. Auf Grundlage des Kleeblatt-Konzepts haben sich nord- und westdeutsche Bundesländer bereit erklärt, Patienten aus dem besonders belasteten Osten und Süden aufzunehmen.
Laut Robert-Koch-Institut sind aufgrund von regionalen Kapazitätsengpässen in Kliniken bereits mindestens 93 Covid-Patienten nach dem sogenannten Kleeblatt-Prinzip über Bundeslandgrenzen hinaus verlegt worden. Ende vergangener Woche waren 68 Covid-Patienten nach Norddeutschland verlegt worden. 33 kamen in Niedersachsen an, 17 in Schleswig-Holstein, neun in Hamburg, fünf in Bremen sowie vier in Mecklenburg-Vorpommern. 29 Menschen kamen aus Sachsen in den Norden, 21 aus Bayern sowie 18 aus Thüringen.
Niedersachsen bildet gemeinsam mit Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern das Kleeblatt Nord, um sich bei Engpässen unter den Bundesländern gegenseitig zu helfen. In mehreren deutschen Bundesländern sind Krankenhäuser wegen vieler Corona-Patienten stark belastet und können zum Teil keine Menschen auf ihren Intensivstationen mehr aufnehmen und müssen andere Regionen um Hilfe bitten. Insgesamt ist Deutschland in fünf Kleeblatt-Regionen aufgeteilt.
Spezialtransport
Dienstag habe das Klinikum dann die freien Kapazitäten zurückgemeldet. Warum es noch bis Donnerstag dauerte, bis der Transport rollte, darüber kann Günther nur spekulieren: „Wahrscheinlich haben sie keinen ITW bekommen.“ Intensivtransportwagen sind spezielle ausgestattete Rettungswagen. Vor allem hätten sie deutlich mehr Sauerstoff an Bord und auch eine 220-Volt-Option für Zusatzgeräte, erläutert Intensivmediziner Günther. Intubierte Covid-Patienten benötigten eine spezielle Beatmung, weshalb auch besonders qualifiziertes Personal benötigt werde. Besetzt ist der ITW mit einem erfahrenen Intensivmediziner und einem Rettungsassistenten oder einem Notfallsanitäter plus Fahrer.
Dass es trotz der Entfernung – immerhin liegen knapp 500 Kilometer zwischen den beiden Krankenhäusern – eine bodengebundene Verlegung gab, führt Günther ebenfalls auf ein wahrscheinliches Fehlen der Verfügbarkeit eines Rettungshubschraubers zurück. Trotz aller Vorbereitung und Technik bedeutet ein Transport immer auch Stress für den Patienten, und je länger dieser dauere, desto höher die Belastung. Im Fall von Covid-Patienten gilt das auch besonders für die Besatzung, die den gesamten Transport in Vollschutzausrüstung verbringt.
Impfplädoyer
Die unmittelbare Behandlung nach einer Verlegung richte sich, so Günther, nach dem Zustand des Patienten. Müsse dieser erst stabilisiert werden, gehe es direkt auf die Intensivstation. So auch am Donnerstagnachmittag. Ansonsten werde zuerst eine Computertomografie gemacht. „Wir hätten auch gerne einen Blick auf die Lunge geworfen.“ Sauerstoff wird Covid-Patienten mit deutlich höherem Druck zugeführt. Und das berge durchaus auch Risiken für die Lunge, erläutert Günther, vor allem bei einer Beatmungsdauer von mehr als zwei Wochen, wie bei diesem Patienten.
Auch im Klinikum sind es vor allem Ungeimpfte, die schwerste Verläufe zeigen. „Die Pandemie könnte vorbei sein, wenn alle geimpft wären“, ist Günther sicher. Am frühen Donnerstagnachmittag lagen sechs Covid-Patienten auf der Intensivstation des Klinikums, fünf von ihnen intubiert.
