Oldenburg - „Wir müssen die Transformation dort aufgreifen, wo sie stattfindet: in der Mitte der Gesellschaft.“ Tobias Lohmann, Sprecher der Geschäftsführung des Bildungswerks der Niedersächsischen Wirtschaft, wies auf dem Symposium des Arbeitgeberverbandes Oldenburg einen Weg auf, der auch über die Corona-Pandemie hinaus Bestand haben sollte: „Wir müssen neben den technischen Möglichkeiten auch die menschlichen Fähigkeiten weiterentwickeln.“ Denn nicht die Stabilität sei der Normalzustand, sondern die Instabilität. Und noch eine Erkenntnis führte er an: „Die Unternehmen und die Beschäftigten können Veränderung. Viele Unternehmen haben einen Schritt nach vorne gemacht, haben die Zeit für Innovationen genutzt.“
Arbeitgeber und Arbeitnehmer hätten in der Pandemie „massive Anpassungsleistungen vollbracht“, betonte auch AGV-Hauptgeschäftsführer Jürgen Lehmann beim Treffen der rund 90 Vertreter von Unternehmen aus dem Oldenburger Land. Unter dem Titel „Zurück auf Los oder volle Fahrt voraus? Wie sich die Arbeitswelten durch Corona verändert haben“ diskutierten Praktiker über Krisen und Lehren daraus.
Die Gastronomie
Heike Thomas, Hoteldirektorin im Bad Zwischenahner Haus am Meer, schilderte eindrucksvoll die Schwierigkeiten ihrer Branche. Sie setzt auf weitere Schritte vor weiteren Schließungen wie 2G plus. Denn: „Der zweite Lockdown hat der Branche das Rückgrat angeknackst“, sagte Heike Thomas.
Keine Mitarbeiter zu finden, immer mehr bürokratische Auflagen und nicht mehr für den Gast da sein zu können, belaste so sehr, dass sie sogar über einen Ausstieg nachdenke, sagte eine, die mehr als 40 Jahre in der Branche tätig ist.
Das Handwerk
Handwerk sei – anders als Hotellerie – nicht Verlierer der Corona-Krise, beschrieb Lukas Bäcker, Geschäftsführender Gesellschafter von Harald Meyer Brandschutz-Elektro (Ganderkesee). Besondere Herausforderung sei gewesen, „die Kluft zwischen Büro und Gewerbe nicht weiter aufreißen zu lassen“: Beschäftigte im gewerblichen Bereich – immerhin 70 Prozent – konnten nicht ins Homeoffice.
„Wir müssen die Organisationsstruktur so gestalten, dass gesundes Arbeiten unter Nutzung aller Digitalisierungsmöglichkeiten möglich macht“, so Bäcker weiter. Dabei sei die zunehmende Digitalisierung Fluch und Segen zugleich: „Videochats funktionieren zur kurzen Abstimmung, nicht aber zur Teamentwicklung und Vermittlung einer Wertekultur.“ Die Pandemie habe deutlich gemacht, wie wichtig Kommunikationsprozesse im Unternehmen seien.
Der Verband
„Ist überhaupt eine rechtliche Regelung da?“, gab AGV-Syndika-Anwältin Verena Albrecht eine Frage von Moderator Rainer Lisowski zurück. Nach wie vor fehlten Vorgaben für Telearbeit. Die Politik zeige in vielen Bereichen zwar guten Willen, etwas regeln zu wollen, aber zu wenig Vertrauen, dass die Arbeitgeber mit den Betriebsräten vernünftige Lösungen finden.
„Die Betriebe brauchen maximale Beinfreiheit, um das zu gestalten, was es zu gestalten gilt.“ Albrecht wünscht sich, „dass sich jemand traut, das Arbeitszeitgesetz anzupacken und wir die Flexibilität bekommen, die sich viele wünschen.“ Es müsse ein Mehr an zeit- und ortsungebundenem Arbeiten geben, ein Mehr an Vertrauen, ein Mehr an Loslassen.
Die Arbeitsagentur
„Corona als Katalysator der Veränderung?“, fragte Kristjan Messing. Und der Geschäftsführer Operativ der Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven bejahte dies sofort. Der Kriseneffekt am Arbeitsmarkt halte sich in Grenzen, die Beschäftigung ziehe an und die Arbeitslosigkeit sinke. Er betonte aber auch: „Die erfolgreiche Eindämmung der Pandemie bleibt Schlüssel für die Entwicklung.“ Die Herausforderungen blieben – unabhängig von Corona – Fachkräftebedarf, demografischer Wandel, Digitalisierung und Transformation der Arbeitswelt.
