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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg

Nach Gift-Funden bleiben Fragen offen

05.09.2018

Oldenburg „Ich bin noch beunruhigter als zuvor.“ – „Das war ein guter Anfang.“ – Mit gegensätzlichen Eindrücken bei den mehr als 200 Besuchern ist am Montag die Mieterversammlung der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) in der Weser-Ems-Halle zu Ende gegangen.

Einen Monat nach Bekanntwerden der Lindan-Funde in Dachstühlen der englischen Siedlung Alexandersfeld stellten sich der Hauptabteilungsleiter der Bima-Niederlassung Magdeburg, Wolfgang Blaurock, und seine Mitarbeiterin Bianca Wanzek den kritischen Fragen der Bewohner. Wind aus den Segeln vieler aufgebrachter Mieter konnte Blaurock mit seiner Entschuldigung nehmen: „Es war ein Fehler, die Mieter nicht über die Lindan-Funde im April zu informieren. Das würden wir heute nicht noch mal so entscheiden“, sagte Blaurock.

Klare Worte fand Peter Isakeit aus der Bima-Zentrale in Bonn auch in Bezug auf Mahnungen. Schreiben an Mieter wegen Mietkürzungen im Zusammenhang mit den Gift-Problemen seien irrtümlich ergangen. „Das war ein Versehen. Sie können die Mahnungen zur Seite legen.“

Systematische Tests

Zentrale Aussage der Bima-Verantwortlichen am Montagabend: In allen drei englischen Siedlungen in Oldenburg – neben Alexandersfeld gibt es weitere in Ohmstede und Brokhausen – werden Häuser auf Holzschutzmittel-Gifte untersucht. Das Bremer Umweltinstitut werde noch im September mit den Proben beginnen. Betroffen sind insgesamt rund 250 Gebäude in den drei Siedlungen. Unbefriedigend für alle Eigentümer: Häuser, die verkauft wurden, würden nicht beprobt, sagte Bianca Wanzek.

Wenn die Daten zur Belastung vorliegen, sollen in einem zweiten Schritt Maßnahmen festgelegt werden. Wie die aussehen können, blieb offen. Blaurock kündigte allerdings an, die Bima werde für Gegenstände, die auf dem Dachboden lagern und aufgrund der Gifte unbrauchbar sind, Schadenersatz leisten.

Wie hoch ist die Gefahr?

Viele Fragen offen sind zu den gesundheitlichen Gefahren von Lindan, PCP und weiteren Substanzen. Dr. Birger Heinzow, Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie aus Kiel, unterstrich zwar die Risiken. Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen in Oldenburg seien aber nach seiner Einschätzung weniger dramatisch als befürchtet. Begründung: Dachböden würden – anders als Wohnräume – nur kurzzeitig betreten.

Das erwies sich als Fehlinformation: Mehrere Mieter berichteten, sie hätten ihre Dachstühle in den vergangenen Jahren ausgebaut – mit Zustimmung der Bima; zum Teil seien Kinder- und Schlafzimmer entstanden. Sowohl Heinzow als auch Bima-Manager Blaurock zeigten sich überrascht – was wiederum viele Mieter überraschte. Unklar blieb auch, ob Mieter die ausgebauten Dachstühle nicht mehr oder nur weniger oft nutzen sollten. Klarheit sollen auch hier die Messungen bringen.

In Fragen und Statements machten die Mieter und weitere Besucher ihrem Unmut über die schleppende Information durch die Bima Luft. Mehrere Bürger bezweifelten, dass die Bima erst im April über die Belastung von Dächern durch giftige Substanzen erfahren hat.

Als schwer verständlich erwiesen sich die Ausführungen des Schadstoff-Sachverständigen Dieter Quantz. Der Fachmann zitierte Richtlinien und zählte verschiedene Gifte auf. Seine Präsentation soll nun aber allen Mietern zugänglich gemacht werden, um die Informationen nachvollziehen zu können.

Stürmische Diskussion

Moderatorin Petra Günther hatte alle Hände voll zu tun, die stürmische Diskussion in geordnete Bahnen zu lenken – eine Aufgabe, die ihr dank Augenmaß bei der Abarbeitung der Rednerliste gelang.

Das im April erstellte Gutachten über besorgniserregende Lindan-Funden war den Mietern zugespielt worden.

Ein daraufhin erstelltes zweites Gutachten im Auftrag der Bima hatte die Gesundheitsgefahren relativiert. Die Bima und ihre Hausverwaltungsgesellschaft Treureal steht allerdings seit Jahren massiv in der Kritik der Mieter wegen schleppender Sanierungen, fehlerhafter Nebenkostenabrechnungen und Sanierungsstau in den Häusern.

Unbefriedigend war der Abend für viele Besucher, die bereits Häuser in einer englischen Siedlung erworben hatten. Auf den Vorwurf der Täuschung durch die Bima entgegnete Blaurock lediglich, er sei dafür nicht zuständig. Die Bürger mögen sich an die entsprechende Abteilung in Magdeburg wenden.

Für Facharzt Heinzow hat die Ankündigung, alle Gebäude systematisch auf Holzschutzmittel-Reste zu untersuchen, Bedeutung über Oldenburg hinaus. Für Wohnräume und öffentliche Gebäude gebe es bereits umfangreiche Untersuchungen, wie sich die Gifte verteilen. Was bislang fehle, sei eine umfassende Prüfung bei belasteten Dachstühlen. „Dies hat möglicherweise Folgen für vergleichbare Fälle bundesweit.“

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Christoph Kiefer Redaktionsleitung / Redaktion Oldenburg
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