Oldenburg/Hannover - Mit großen Schritten geht Michael Fürst, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, auf den Mann mit der roten Jacke zu. „Sie sind der Künstler“, sagt Fürst. Dann zeigt er auf ein Bild an der Fassade des Neuen Rathauses in Hannover. „Das da ist mein Vater.“ Er gehörte zu den 1001 jüdischen Kindern, Frauen und Männern aus Hannover, die am 15. Dezember 1941 von den Nazis ins Ghetto Riga verschleppt wurden. Im Mai 1945 lebten nur noch 69 Menschen.
Anlässlich des 80. Jahrestags dieser Deportation projiziert der Oldenburger Filmemacher Farschid Ali Zahedi am Mittwochabend 80 Bilder von jüdischen Opfern an die Rathauswand. In der Mitte des schlossähnlichen Prachtbaus sind die Namen der 1001 Opfer inklusive ihrer biografischen Daten und des letzten bekannten Aufenthaltsorts zu lesen. Eine Filmsequenz mit Bahnwaggons voller Menschen, die deportiert werden, können die stillen Beobachter der Szenerie auf der rechten Gebäudewand sehen.
„Wo die Sprache fehlt“
Bereits vor gut einem halben Jahr hatte das hannoversche „Zeit-Zentrum Zivilcourage“ Zahedi angesprochen, ob er die Lichtinstallation als eine besondere Form des Gedenkens in Szene setzen will. Der Oldenburger bringt reichlich Expertise mit. Bereits vor gut 20 Jahren hat der 61-jährige Gründer des Vereins „Werkstattfilm“ das jüdische Leben in Oldenburg und die Erinnerung an den Holocaust mit dem Projekt „Wo die Sprache fehlt“ aufgearbeitet.
Mehrere Monate habe die Vorbereitungszeit für die Aktion in Hannover gedauert, erzählt Zahedi, der beim Aufbau vor Ort von Heinz-Günther Hartig, Madelene Oepping und Cora Issig unterstützt wird. Die Bilder und Kurzbiografien der 80 Personen lieferte die hannoversche Initiative zu, so Dr. Edel Sheridan-Quantz vom „Zeit-Zentrum Zivilcourage“. Namen weitgehend unbekannter Opfer, etwa der von Gertrud Michelsohn, seien darunter.
„Wir müssen die Menschen in der Erinnerungskultur mitnehmen“, sagt Zahedi. Film und Fotografie böten sich dabei sehr gut an. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen projiziere er bewusst etwas schief an die Fassade, um den historischen Bruch sichtbar zu machen. Er freue sich, wenn sein Projekt „Made in Oldenburg“ in der Landeshauptstadt ankomme.
Großeltern entdeckt
Mit einem Mausklick startet Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay die Lichtinstallation, die bis 21 Uhr zu sehen sein wird. Viele Menschen blicken an die Rathauswand, um sich die 80 Gesichter anzusehen. Anlässlich des Gedenktags ist auch Katarina Seidler, Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, gekommen. „Eine gute Idee“, lobt sie. Seidler entdeckt die Namen ihrer Großeltern an der Fassade.
