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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg

Im Zweifel für den Angeklagten?

17.05.2019

Oldenburg Heins R. war ein leidenschaftlicher Imker, er hatte mehr als 20 Bienenvölker. Mit 81 Jahren schmiedete er auch große Reisepläne: Er wollte nach Frankreich, wo er in Kriegsgefangenschaft gesessen hatte. Doch vorher musste er ins Krankenhaus. Dort trat am 27. Januar 2003 um 23 Uhr der Pfleger Niels Högel an sein Bett und spritzte ihm eine Überdosis Lidocain. Eine Viertelstunde später war Heins R. tot.

 Than Mai P., 73 Jahre alt, war mit seiner Frau aus Vietnam nach Deutschland gereist, um seine Tochter zu besuchen. Als er plötzlich Herzbeschwerden bekam, überredete ihn die Tochter, ins Krankenhaus zu gehen. Herr P. hatte Angst, er sprach ja kein Wort Deutsch. In der Nacht vom 7. auf den 8. August 2001 spritzte ihm der Pfleger Högel heimlich das Medikament Sotalex. Herr P. lebte nur noch eine Stunde. Seine Frau spricht heute von der „Reise in den Tod“.

 Ullrich J. hatte viel zu früh seine Frau verloren, nun kümmerte er sich allein um die beiden Kinder. Er war erst 44 Jahre alt, als ihm der Pfleger Högel am Abend des 24. Mai 2003 Lidocain verabreichte. J. starb 25 Minuten später. Seine Kinder waren jetzt allein.

Die Zuschauer klatschen

 Es ist der 21. Tag im Prozess gegen den Ex-Pfleger Högel, angeklagt wegen 100-fachen Mordes, und in der zum Gerichtssaal umgebauten Weser-Ems-Halle hält die Delmenhorster Rechtsanwältin Gaby Lübben ihr Plädoyer. Sie wolle dem Angeklagten „die Menschen hinter den Anklagepunkten“ vorstellen, hatte sie angekündigt. Jetzt bedient sie einen kleinen Computer, 60-mal wirft sie ein Foto auf die beiden großen Leinwände am Saalende, 60-mal sagt sie ein paar Sätze zu dem Menschen, den das Foto zeigt.

Bleibt Högel für immer weggesperrt?

Das Gericht muss nicht nur ein Strafmaß im Fall Högel festsetzen – es muss auch entscheiden, ob es die nachträgliche Unterbringung in der Sicherungsverwahrung anordnet. Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann hat auf einen entsprechenden Antrag verzichtet. Sie verwies darauf, dass lebenslange Haftstrafen nur dann zur Bewährung ausgesetzt werden könne, wenn der Verurteilte nicht mehr gefährlich sei. Högel, der bereits in einem früheren Verfahren „lebenslänglich“ bekommen hat, gelte laut Gutachter aber als gefährlich. Frei übersetzt: Högel kommt so oder so nicht wieder raus, Sicherungsverwahrung hin oder her.

Der Prozess wird an diesem Freitag und 5. Juni mit weiteren Plädoyers fortgesetzt. Am 6. Juni will das Gericht das Urteil sprechen.

Heinrich Hermann H., 68 Jahre alt, durfte seinen Enkel Tobias nicht mehr kennenlernen. Tobias wurde am Todestag von Herrn H. geboren, am 8. Dezember 2000. Gegen 14 Uhr hatte der Pfleger Högel H. Lidocain gespritzt.

Fredo F., 69 Jahre alt, trug seiner Tochter noch auf: Vergiss den Lottoschein nicht! Welche Zahlen gezogen wurden, erfuhr er nie. Am 24. Oktober 2003 spritzte ihm der Pfleger Högel Gilurytmal, F. starb um 22.05 Uhr.

Erna S., 82 Jahre alt, fuhr nach dem Tod ihres Mannes zu ihrem Enkel nach Australien, Englisch konnte sie nicht. „Sie war eine Kämpferin“, sagen ihre Angehörigen über sie. Gegenüber dem Pfleger Högel war sie wehrlos: Er spritzte ihr am 2. März 2004 mitten in der Nacht Gilurytmal, Erna S. schlief.

„Ich hoffe, Herr Högel, dass Sie diese Bilder niemals vergessen werden“, schließt Lübben ihren Vortrag. „Ich kann Ihnen versprechen: Die Toten werden nunmehr ihre Ruhe finden. Und Sie werden hinter verschlossenen Türen von toten Seelen verfolgt alt werden. Und Ihren Namen wird man vergessen!“

Die Zuhörer im Saal klatschen, Applaus.

Ein Strafprozess ist eigentlich eine nüchterne Angelegenheit, entsprechend ist die Sprache. Die Toten werden zu „Fällen“, Mordangriffe mit Giftspritzen werden zu „Manipulationen“, zur Beweisführung braucht man „Exhumierungen“ und „toxikologische Gutachten“. Es braucht also vielleicht auch jemanden wie Gaby Lübben, der daran erinnert, dass diese „Fälle“ früher die Post austrugen oder Schrankenwärter waren oder Buchbinder, dass sie Bud-Spencer-Filme liebten, Briefmarken sammelten, einen Hund hatten, ihr Brot selbst buken.

Kurz: dass sie lebendige Menschen waren, die nun tot sind und fehlen.

Komplizierte Rechtslage

Das weiß natürlich auch Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann, die sich zu Beginn ihres Plädoyers dafür entschuldigt, dass ihre Sprache an einigen Stellen „sehr technisch“ klingen wird. Aber sie weiß auch, dass es vor Gericht nicht darauf ankommt, was die Zeitungen über Högel schreiben oder die Angehörigen denken: „Allein die Aussage ,größter Serienmörder der Geschichte‘ reicht nicht aus, ihn zu verurteilen. Jede einzelne Tat muss nachgewiesen werden. Und wenn vernünftige Zweifel bestehen, ist der Angeklagte in dubio pro reo freizusprechen.“ Im Zweifel für den Angeklagten.

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Schiereck-Bohlmann sieht es als ihre Aufgabe an, diese Zweifel auszuräumen. Fünf Stunden wird sie sprechen, sie wird auf jeden einzelnen Fall eingehen. Aber zuvor zeichnet sie noch einmal ein Gesamtbild. Sie erinnert an die Sterberate auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst, die sich während der Dienstzeit Högels verdoppelte. Sie erinnert an den Verbrauch des Medikaments Gilurytmal, der sich versiebenfachte. Sie erinnert daran, dass Högel im Klinikum Oldenburg bei 58 Prozent der Sterbefälle auf der Station 211 anwesend war. Sie erinnert an die medizinischen Gutachten, sie erinnert an Högels „ausgesprochene Lügenbereitschaft“.

Sie sagt das, weil sie etwas deutlich machen möchte: Niemals macht die Staatsanwaltschaft ihre Antwort auf die Frage nach der Schuld des Angeklagten von einem einzigen Punkt abhängig, vom Geständnis Högels oder von seinem Abstreiten, von einer Zeugenaussage, von einem Medikamentenfund im Körper des toten Patienten. Entscheidend ist immer die Gesamtbewertung der Indizien.

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Und Daniela Schiereck-Bohlmann ist zu einem recht eindeutigen Ergebnis gekommen: 20 Prozesstage haben in ihr kaum Zweifel an Högels Schuld säen können. In 97 Fällen sieht sie „keine vernünftigen Zweifel an der Täterschaft des Angeklagten“, sie sagt diesen Satz sehr häufig an diesem Tag. Lediglich in drei Fällen fordert sie einen Freispruch Högels, „in dubio pro reo“.

Die Oberstaatsanwältin weiß, dass diese Forderung für die Angehörigen schwer nachzuvollziehen sein muss. Und sie nimmt sich Zeit, die komplizierte Rechtslage zu erklären.

Da ist zum Beispiel der Fall Arnold P., verstorben am 12. Oktober 2004 mit 70 Jahren im Klinikum Delmenhorst.

Anklägerin legt sich fest

Es gab eine Manipulation mit Lidocain, P. wurde reanimiert, er überlebte. Drei Stunden später bekam er Kammerflimmern und verstarb. Rechtlich ist es so: Durch die Lidocain-Spritze beging Högel einen Mordversuch, durch die erfolgreiche Reanimation trat er vom Versuch des Mordes wieder zurück, Paragraf 24 Strafgesetzbuch. Ob das Kammerflimmern und der Tod auf die erste „Manipulation“ zurückzuführen sind, ist nicht mit Sicherheit festzustellen; P. könne auch an seiner Grunderkrankung verstorben sein. Es gibt Zweifel, der Angeklagte ist freizusprechen.

Was bleibt, ist der Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung durch die Lidocain-Spritze. Diese Tat ist allerdings nach fast 15 Jahren verjährt.

Im Saal ist es sehr still.

Die Verteidigung von Högel hatte an den vergangenen Prozesstagen noch mehr mögliche Zweifel aufgeworfen. Allen voran ging es dabei um das Medikament Lidocain. Lidocain ist in Gels und Sprays enthalten, die zum Beispiel bei der Verwendung von Magensonden und Blasenkathetern zum Einsatz kommen. Könnte es vielleicht sein, dass das in den Leichen der toten Patienten gefundene Lidocain auch auf diesen Weg in den Körper gelangt sei und gar nicht durch Högel? Die Gutachter hielten das für sehr unwahrscheinlich, sie konnten es aber nicht hundertprozentig ausschließen.

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Die Staatsanwaltschaft legt sich auch hier sehr deutlich fest. Schiereck-Bohlmann verweist auf die Gesamtschau: auf Högels Anwesenheit, auf den unerklärlichen Krankheitsverlauf, auf die medizinischen Gutachten, auf den Lidocain-Fund im Körper. In keinem einzigen der rund 40 Lidocain-Fälle hat sie einen Zweifel aufgrund von Gels oder Sprays.

Ergebnis: Die Staatsanwaltschaft fordert, Högel in 97 Fällen wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe zu verurteilen, zudem sei die besondere Schwere der Schuld festzustellen. Strafmildernde Gründe sieht sie nicht, straferschwerende einige. Högel habe die Arg- und Wehrlosigkeit derer ausgenutzt, „die Schutz bedürfen, die auf Hilfe und Heilung gehofft hatten und anstelle dessen genau das Gegenteil erfahren haben“.

Schiereck-Bohlmann erinnert auch an weitere Opfer Högels: an frühere Kollegen, die zum Teil ihren früheren Beruf nicht mehr ausüben können, weil sie jedes Vertrauen verloren haben. Und sie sieht noch ein Opfer: „das Vertrauen in den Berufsstand der Krankenpfleger.“

Högel sitzt ihr gegenüber, weißes Shirt, darunter zeichnet sich wie immer die schusssichere Weste ab. Er stützt den Kopf mit der Hand ab, sein Blick geht ins Leere.

Es ging nicht um Strafe

Sollte das Gericht der Forderung der Staatsanwaltschaft folgen, hätte das keine praktischen Auswirkungen. Högel sitzt bereits im Gefängnis, wegen fünf weiterer Fälle ist er bereits 2015 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden, auch auf die besondere Schwere der Schuld wurde erkannt.

Doch in diesem Prozess ging es nie um Strafe, es ging um Aufklärung. Die Angehörigen hatten so viele Fragen.

Maryia T. zum Beispiel, die Frau von Adnan T.: In der Türkei arbeitete er als Lehrer, in Deutschland fuhr er Taxi, er war liebender Vater zweier Kinder und begeisterter Fan des Fußballvereins Galatasaray Istanbul. Er starb am 15. Juni 2004 mit nur 47 Jahren nach einer Überdosis Lidocain. Frau T. schrieb Högel einen verzweifelten Brief ins Gefängnis: Haben Sie meinen Mann getötet?

Högel log: nein. Die Staatsanwaltschaft sagt nun: Es bestehen keine vernünftigen Zweifel an der Täterschaft des Angeklagten.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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