Oldenburg/Im Nordwesten - 8 Minuten und 46 Sekunden. So lange drückte Ermittlern zufolge am Montag, 25. Mai., ein weißer Polizist im US-amerikanischen Minneapolis sein Knie auf den Hals von George Floyd. Der 46-jährige Afroamerikaner starb wenig später in einem Krankenhaus.
Der 25. Mai hat die Vereinigten Staaten, aber auch die ganze Welt verändert. Überall gehen Menschen auf die Straßen und demonstrieren, an diesem Samstag unter anderem auch in Osnabrück. Promis wie die Hollywoodgrößen Jamie Foxx, Ashton Kutcher oder Ellen Page, die Sänger The Weekend, Drake, John Legend oder Rihanna und Sportler wie Fußballer Jérôme Boateng machen zusammen mit Tausenden Nutzern in den Sozialen Netzwerken auf die Thematik aufmerksam. Das „schwarze Bild“ mit dem Hashtag #blackouttuesday ging am Dienstag vor allem auf Instagram viral.
Denn eins wird deutlich. Rassismus ist nicht nur ein amerikanisches Problem, Rassismus gibt es auch hier, in Deutschland, im Nordwesten, in Oldenburg.
Wir haben mit mehreren Menschen aus Oldenburg und Umgebung gesprochen. Ob gezielte Kontrollen durch die Polizei, Einlass-Verweigerung in Diskotheken oder plumpe Sprüche: Das sind ihre Geschichten.
Rickey Paulding, Spieler bei den EWE-Baskets Oldenburg
Rickey Paulding (Bild: Sina Schuldt/dpa)
Was mit George Floyd passiert ist, ist tragisch. Es ist traurig, dass es im Jahr 2020 Rassismus immer noch gibt. Das einzig Positive ist, dass alles auf Video zu sehen war. Aus verschiedenen Blickwinkeln. So sieht jeder, was vor sich geht. Und so haben die Diskussionen jetzt ja auch begonnen.
Ich erinnere mich, dass wir als Kinder (in Detroit/Michigan; Anm. d. Red.) oft Angst hatten. Nicht vor weißen Menschen. Es war eher die Polizei. Wir mussten uns immer benehmen. Aber sonst erinnere ich mich an keine schlimmen Dinge. Jedenfalls nichts Ernstes. Vielleicht mal ein Blick.
Auch im Sport sind meiner Erfahrung nach rassistische Kommentare selten. Es gab aber mal ein Spiel in Griechenland. Die Fans drehten richtig auf. Vielleicht haben sie etwas gesagt. Aber ich glaube, das hat mich nicht so getroffen.
Fest steht: wir sind alle Menschen. Wir sind uns ähnlicher als das wir anders sind. Aber für Schwarze existiert Rassismus. Seit Jahren. Seit Jahrhunderten. Deshalb sollten wir Gespräche miteinander führen. Wir wollen einfach nur gehört werden. Wir wollen nur das Gefühl haben, dass wir ein Teil der Gesellschaft sind.
Cyrille Lobe Ndoumbe, Gründer und Vorsitzender des Oldenburger Vereins Integration
Cyrille Lobe Ndoumbe (Bild: privat)
Selbstverständlich ist mir Rassismus ein Begriff. Ich bin bereits diverse Male am eigenen Leibe Opfer von rassistischem Verhalten geworden. Was ich mitgeben kann, ist, sich dieses nicht immer zu Herzen zu nehmen, sondern drüber hinwegzusehen.
Eines der Male, in dem ich Opfer von Rassismus geworden bin, war an jenem Tag, an dem ich mit einer Kollegin, „einer Weißen“, für ein EU-Projekt nach Italien reiste. Der einzige, der an der Grenze kontrolliert worden war, war ich!
Durch unsere Hautfarbe fallen wir nicht nur auf, vielmehr fallen wir ins Visier. Man strahlt automatisch Kriminalität aus beziehungsweise stellt man direkt eine Gefahr dar. Eine, bei der man ohne Skrupel durchgreifen muss.
In Oldenburg ist in meinen jüngeren Jahren schon mehrmals vorgekommen, dass mir der Eintritt in eine Diskothek verweigert worden ist. Grund dafür war, dass es bereits voll sei – und hinter mir gingen andere durch die Tür – toll. Und das geschieht mir, weil?
Alltagsrassismus begegnet man in allen Bereichen. Selbst beim Bus fahren. Ich stand mit 17 anderen Menschen an. Alle stiegen ein und ich war natürlich mal wieder der einzige, den der Busfahrer stoppte, um nach der Fahrkarte zu fragen – warum eigentlich nur ich und nicht auch die anderen?
Ich könnte noch Tausende Geschichten erzählen. Rassismus ist ein Gift, was auch in Deutschland infiziert wird. Rassismus zerstört Integration. Rassismus vernichtet Menschen.
Und deshalb ist es wichtig, dass Leute anfangen umzudenken. Wir müssen Rassismus ernst nehmen und nicht nur jetzt darüber reden, wo sich die Lage in den USA drastisch zuspitzt. Die Wahrheit ist, dass Rassismus omnipräsent ist. Und es liegt in unserer Hand, diese zu ändern.
Keno Veith, Internetstar
Social-Media-Star Keno Veith ( Foto: Carmen Jaspersen/dpa)
Ich habe Rassismus noch nie persönlich erlebt. Aber ich werde das oft gefragt. Ich wohne ja auf dem Land und bin dort groß geworden – hier gibt es sowas nicht. Wir sind hier alle gleich. Hier wird man eher angemacht, wenn man den Trecker nicht richtig rückwärtsfahren kann.
Ich bekomme Rassismus nur über die Medien mit. Es ist heftig, was da gerade in den USA abgeht. Aber in der Vereinigten Staaten ist das auch ein Thema, das Jahrzehnte, Jahrhunderte zurückgeht. Das muss dort endlich einmal aufhören.
Das Thema Rassismus ist so komplex. Da sind so viele Emotionen mit drin und auch Themen wie Diskriminierung, Geschichte, Politik und Wirtschaft.
Ich kann nur mitempfinden mit den Menschen, die das betrifft. Die Amerikaner müssen das jetzt regeln!
Wie gesagt. Ich komme aus Wittmund, ich spreche auch akzentfrei Deutsch, sogar Plattdeutsch. Mein Englisch ist eher schlecht. Auf Messen werde ich manchmal von Menschen auf Englisch angesprochen. Ich antworte dann auf Platt – dann sind meist erstmal alle überrascht.
Eric Bonsu, Zusteller
Eric Bonsu (Bild: Privat)
Ich kenne Rassismus.
Mir fällt spontan eine Geschichte ein, die sich um 2012 zutrug. Damals bin ich vom Kreis in die Stadt Leer gezogen, ich bin ein waschechter Ostfriese. Eines Tages bin ich die Straße vom Kino in Richtung Hafen gelaufen, als ich vom Zoll angehalten wurde. Ich musste die Hände aufs Autodach legen und mein Rucksack wurde durchsucht. Ich fragte nach dem Grund: „Wir haben das Recht dazu.“ Ich weiß bis heute nicht, warum sie mich angehalten haben. Nach einer Weile durfte ich gehen. Die Polizisten haben die Sache flapsig abgetan.
Ein anderes Mal war ich mit dem Rad unterwegs und wurde von Polizisten in einem Bulli angehalten. Sie haben mich einfach mitgenommen und sind zu einem Einkaufszentrum gefahren. Drogerie-Mitarbeiterinnen kamen heraus und haben mit dem Kopf geschüttelt. Eine meinte: „Ne, der war dunkler.“ Als die Prozedur vorbei war, haben sie mich zurück zu meinem Fahrrad gebracht und mir einen schönen Tag gewünscht.
Ich persönlich habe ein dickes Fell. Leute mit Intellekt, die mir rassistisch begegnen, finde ich schlimmer als eine plumpe Anmache.
