Oldenburg/Iowa - In einer Serie beleuchtet die NWZ das Geschehen in Oldenburg, nachdem die Alliierten die Stadt von der Nazi-Diktatur befreit hatten. Das Kriegsende überstand die Stadt nahezu unzerstört. Die fremden Soldaten, einst Feinde, wurden in den Jahren danach schnell zu Freunden. Der Vater von Jörg Witte erlebte das Ende des Zweiten Weltkrieges in amerikanischer Kriegsgefangenschaft im POW-Camp Algona in Iowa (POW bedeutet „Prisoner of war“ – Kriegsgefangene). Aufs Kriegsende gewährt er eine andere Perspektive.
Mit seinen in Algona und Stamford erworbenen Englischkenntnissen besuchte Günther Witte nach dem Krieg eine Dolmetscherschule und kehrte in den 60er Jahren als Logistikexperte der Bundeswehr für einen mehrjährigen Aufenthalt in die Vereinigten Staaten nach Washington D.C. zurück.
Geboren wurde Günther Witte im Jahr 1918 in Reekenfeld, Elisabethfehnkanal. Zwischen 1939 und 1944 wurde er an der Front in Polen, Russland und zuletzt in der Normandie in Frankreich eingesetzt.
Nach der Gefangenschaft arbeitete er 1948/49 als Verkehrslogistiker bei der Britischen Militärverwaltung, von 1950 bis 1974 als Pyrotechnischer Spezialist bei der Bundeswehr beziehungsweise von 1960 bis 1964 als Logistikexperte der Bundeswehr in Washington D.C. Er starb im Jahr 1985 in Oldenburg.
Oberfeldwebel Günther Witte (Jahrgang 1918) legte am 3. Juni 1944 im Dünengras an der Atlantikküste seine französische Schrotflinte an, um Tauben zu schießen. Sein Auftrag: Tauben mit chiffrierten Nachrichten der Widerstandskämpfer der Resistance abzufangen. Mit dieser Episode beginnt Paul Carells historischer Roman „Sie Kommen“ über die Invasion in der Normandie. Als nur wenige Tage später der 26 Jahre alte Witte in Cherbourg als einer von 10 000 deutschen Soldaten in amerikanische Gefangenschaft gerät, ahnt er nicht, wohin die Reise gehen soll. Das Festnahme-Dokument bescheinigt, dass „Kamera, lederne Kameratasche, eine Armbanduhr und 4500 Francs“ bei seiner Gefangennahme konfisziert werden. Nach der Kapitulation der deutschen Kommandantur gegenüber der 9. US-Infanterie-Division im Rahmen der Alliierten-Invasion wurde ein Teil der Gefangenen zunächst nach Liverpool verschifft. Da die britische Regierung bereits 1941 beim Eintritt der Amerikaner in den Zweiten Weltkrieg um Unterstützung bei der Unterbringung von Kriegsgefangenen gebeten hatte, sollte die Reise für Günther Witte auf einem für Gefangenentransporte umgebauten Passagierschiff weiter nach New York gehen. In Zügen mit verdunkelten Scheiben, „so dass wir nur gelegentlich Städtenamen erspähen konnten“, so Witte später, werden die Gefangenen in den Mittleren Westen der USA transportiert.
Anfang August 1944 erfolgt die Erstaufnahme im Prisoner of War Camp Clark im amerikanischen Bundesstaat Missouri.
Das 1943 eröffnete Lager interniert 1944 bereits 4185 deutsche Soldaten. Im Dezember erhalten die Eltern am Marschweg erstmalig ein Lebenszeichen von ihrem Sohn und antworten umgehend per Kriegsgefangenenpost. „Nach der Einkesselung in Cherbourg sah es ja düster für dich aus… wir befürchteten das Schlimmste“.
Mit seinen in Algona und Stamford erworbenen Englischkenntnissen besuchte Günther Witte nach dem Krieg eine Dolmetscherschule und kehrte in den 60er Jahren als Logistikexperte der Bundeswehr für einen mehrjährigen Aufenthalt in die Vereinigten Staaten nach Washington D.C. zurück.
Geboren wurde Günther Witte im Jahr 1918 in Reekenfeld, Elisabethfehnkanal. Zwischen 1939 und 1944 wurde er an der Front in Polen, Russland und zuletzt in der Normandie in Frankreich eingesetzt.
Nach der Gefangenschaft arbeitete er 1948/49 als Verkehrslogistiker bei der Britischen Militärverwaltung, von 1950 bis 1974 als Pyrotechnischer Spezialist bei der Bundeswehr beziehungsweise von 1960 bis 1964 als Logistikexperte der Bundeswehr in Washington D.C. Er starb im Jahr 1985 in Oldenburg.
Im Frühjahr 1945 wird Günther Witte in das POW-Camp Algona im nördlichen Iowa verlegt. (...) Nach Recherchen des amerikanischen Historikers Dr. Michael Luick-Thrams arbeiteten die deutschen Kriegsgefangenen während der sommerlichen Erntemonate oft 12 bis 14 Stunden am Tag. Dafür erhielten sie einen Stundenlohn von 10 Cent, der in Camp-Wertmarken ausgezahlt wurde, mit denen die Lagerinsassen sich mit Seife, Zahnpasta, Tabak und sogar Bier versorgen oder am Sonntag das Lagerkino besuchen konnten. Dennoch schreibt Günther Witte an die Eltern: „Seit der Kapitulation ist die Verpflegung hier sehr knapp … teilt allen Bekannten und Verwandten meine Anschrift mit, damit ich Zigaretten, Tabak und Zigarettenpapier bekomme.“ Günther Witte wird u.a. in einer Dosenfabrik zur Verarbeitung von Erbsen eingesetzt.
Witte hatte Glück. Ehemalige Kriegsgefangene, die in südlichen Bundesstaaten wie Arkansas, Texas oder Louisiana interniert waren, berichteten von erschwerten Arbeitsbedingungen im subtropischen Klima auf Baumwollfeldern und Zuckerrohr-Plantagen bei unzureichender Versorgung.
Als Günther Witte nach Auflösung der amerikanischen Lager im Frühjahr 1946 nach Europa verschifft wurde, musste er noch ein Jahr in britischer Kriegsgefangenschaft im Camp Stamford in Lincolnshire ausharren, ehe er im September 1947 die Heimreise nach Oldenburg antreten konnte.
Die 425 000 deutschen Kriegsgefangenen, verteilt auf 700 Lager in 46 US-Bundesstaaten, standen unter Aufsicht der amerikanischen Militärbehörde OPMG (Office of the Provost Mar-shal General), die der Genfer Konvention zur Behandlung Kriegsgefangener aus dem Jahre 1929 unterlag. Danach sollten die POW-Lager denen der eigenen Streitkräfte in Unterbringung, Hygiene und ärztlicher Versorgung entsprechen. Richtlinien der US-Regierung stellten sicher, dass sich die Lager außerhalb von städtischen und industriellen Ballungszonen befanden.
Das POW Camp Algona in Iowa wurde regelmäßig von Vertretern des Internationalen Roten Kreuzes aufgesucht, so lagen von Witte diverse ärztliche Untersuchungsbescheinigungen vor. Zudem wurden die Gefangenen angehalten, am Englischunterricht teilzunehmen.
In seiner Studie „Enemies within Iowa“ (2002) über deutsche POWs hat der Historiker Michael Luick-Thrams über 30 ehemalige Kriegsgefangene aus Iowa interviewt, die überwiegend von fairer Behandlung und einer außergewöhnlich guten Nahrungsmittelversorgung sprachen. Die Befragten erwähnten allerdings auch den Widerstand einiger überzeugter Nationalsozialisten, die zu Hitlers Geburtstag einen Streik organisieren wollten und in ihren Lagerzeitungen noch im Frühjahr 1945 den Endsieg propagierten. Um dem entgegen zu wirken, richtete man im Camp Algona eine Lagerbibliothek mit Zugriff auf amerikanische Zeitschriften ein. Darüber hinaus sahen die Kriegsgefangenen im Rahmen politischer Schulungen Filme über die Gräueltaten des Nazi-Regimes in den deutschen Konzentrationslagern. Alex Funke, einer der interviewten POWs, berichtet, dass deutsche Häftlinge nicht selten ein positives Verhältnis zum amerikanischen Lagerpersonal und den Familien der Farmer, bei denen sie arbeiten mussten, entwickelten. Dabei war Fraternisierung zwischen POWs und der einheimische Bevölkerung behördlich strengstens untersagt.
