Oldenburg - Später Vormittag. Seit 2.39 Uhr ist Wilfried Fiek auf den Beinen. Aus dem Bett geklingelt hatte ihn ein Wachdienstler von NBI: „An der Hirsch-Apotheke brennt es!“ Der Apotheker sagt: „Ich konnte es nicht glauben, ich dachte, das ist ein schlechter Scherz. Ich habe gesagt: Geben Sie mir den Feuerwehrmann.“ Leider stimmte alles. Fiek sprang in seine Klamotten, warf sich in Sandkrug ins Auto und raste in die Stadt. An der Seite zur Achternstraße, wo seine Papiertonne gestanden hatte: alles schwarz, bis übers Buntglasfenster. Fiek sagt: „Da fehlte nicht viel, zum Glück sind das Doppelfenster und die Rahmen aus Eiche, sonst hätte das durchgeschlagen, und dann hätte hier alles in Flammen aufgehen können. Was sind das nur für Schwachköpfe.“
Apotheker behilft sich
Seit 1674 steht die 1637 gegründete Hirsch-Apotheke schon an der Staustraße, einmal musste sie nach einem Brand wieder aufgebaut werden, vor 300 Jahren. In dieser Nacht wäre es mit der großartigen Geschichte um Haaresbreite vorbei gewesen.
Weil der Brand direkt neben dem Hauptverteilerkasten gelegt worden war, musste an diesem Tag im Halbdunkel bedient werden. Für das Nötigste konnte der Apotheker immerhin sorgen – mit einem Not-Stromerzeuger für die Medikamenten-Kühlschränke, EDV und Telefon.
Das gelang aber sonst kaum jemandem. Während die Mitarbeiter von Energieanlagenbau Schröder und EWE Netz den Verteilerkasten neu installieren, stehen die Mitarbeiterinnen von Tchibo vor der Tür und blicken auf die Brandstelle. Sie können es nicht fassen. „Was für Idioten, die wissen gar nicht, was sie damit anrichten“, sagt eine von ihnen.
Die Kunden muss sie vertrösten: „Heute gibt’s keinen Kaffee bei uns.“
Unruhe in der Straße
Der Friseur vom „Unicut“ sitzt vor seiner Tür. Auch bei ihm ist alles duster. Eine Schere braucht zwar keinen Strom – „aber ohne Licht sieht das ja unprofessionell aus“, sagt er. „Zum Glück haben wir noch einen Laden am JuMo, da schicke ich jetzt alle hin.“
An der Staustraße läuft nicht mehr viel, zahlreiche Läden haben geschlossen, handgeschriebene Stromausfall-Zettel an den Fenstern bei Müller-Egerer, Cult Hair, auch bei Contigo: „Die Schiebetür lässt sich ohne Strom nicht öffnen, bis morgen!“
Khalil Ibrahim sitzt allein vor seinem Imbiss. Vor zwei Jahren hat er seine „Ibo’s Schnellpizzeria“ hier eröffnet. Das „O“ hat er als Sonne gemalt. Sein Laden hat beste Rezensionen im Netz, aber heute scheint hier keine Sonne. Ibrahim nippt am Kaffee, er macht sich Sorgen. Sein Gemüse braucht die Kühlung. „Bei der EWE haben sie gesagt, drei Stunden noch, hoffentlich schaffen sie das!“
Ein Anwohner hat noch mitten in der Nacht ein neues Kabel verlegt, weil er Strom für die Babyflasche brauchte. Er sagt: „Wir beobachten mit Sorge die Entwicklung in diesem Bereich. Hier werden auch nachts Schaufensterscheiben eingetreten, meine Tonnen wurden schon fünf Mal angezündet, ich musste neun oder zehn Mal die Klingel neu machen, auch die Briefkästen. Das ist der ganz normale Wahnsinn in der Staustraße. Ich lebe hier gerne, aber mit den Beschädigungen, das ist wirklich Mist.“
Nicht selten seien es – außerhalb von Corona – angetrunkene Partygänger auf dem Rückweg zum Bahnhof, das Spektrum reiche „von ruhestörendem Lärm über Sachbeschädigung bis zur Schlägerei und Körperverletzung“.
Um 12.35 Uhr kann Khalil Ibrahim aufatmen. Die Elektriker haben ganze Arbeit geleistet, sein Gemüse ist gerettet. Auch in der Apotheke kann man die Kunden wieder erkennen. Nach und nach, bis 14 Uhr, hat die EWE das Viertel wieder komplett versorgt.
