Oldenburg - Das „Gruselett“ von Christian Morgenstern kennt fast jeder. Fünftklässler aus der ersten Klasse im multimedialen Kunstprofil des Neuen Gymnasiums (NGO) haben es jetzt – zum „Welttag des Buches“ an diesem Samstag – mit alten und neuen Mitteln zum Leben erweckt. Andrea Berchter-Nau, Fachobfrau Kunst am NGO, die auch für das Kunstprofil der Schule zuständig ist, sagt: „Der Welttag des Buches ist eine gute Gelegenheit, mit Schülern und Schülerinnen den Zauber dieses oft als alt und verstaubt empfundenen Mediums neu zu entdecken.“ Und das „Gruselett“ ist schönste Sprachfantasie:
„Ein Flügelflagel gaustert/durchs Wiruwaruwolz./Die rote Fingur plaustert/und grausig gutzt der Golz.“ Die Kunst-Obfrau sagt: „Die eigentümliche Sprache dieser kurzen Verszeilen, mit ihren atmosphärisch dichten Klängen und Wortneuschöpfungen waren für uns die Initialzündung, um in neue Fantasiewelten aufzubrechen.
Alte Zauberbücher
Weil die Zeilen zudem an alte Zaubersprüche aus Märchenbüchern erinnern, ging die Klasse in ebenso alten Zauberbüchern auf die Suche. Andrea Bechter-Nau sagt: „Uralte Bücher haben sie sich angesehen und überlegt, wie sie diese in all ihrer Altehrwürdigkeit mit Rohrfeder und Tusche abzeichnen könnten. Kaum war das geschafft, wurde wild gekleckst, gekleckert, getropft und gepustet, bis die Tuscheflecken wie ein Wald aus dem Zauberbuch emporwuchsen.“ Entstanden seien so „nie zuvor gesehene Formen, bizarr und uneindeutig wie die Wesen von Morgenstern“, sagt die Kunstlehrerin. „Vorsichtig wurden Kleckse erweitert und ergänzt, mit Augen und Flügeln oder Krallen versehen, bis der Flügelflagel, die Fingur und der Golz aus dem Zauberbuch herausschauten. Mehr und mehr gab so das Zauberbuch seine Geheimnisse preis.“
iPad und Stop-Motion-App
Anschließend haben die Schüler ihre Figuren ausgeschnitten und mit den iPads und einer Stop-motion-App als Zeichentrickfilm animiert. Andrea Berchter-Nau sagt: „So entstand die Möglichkeit, den Blick des Betrachters gezielt durch Heranzoomen zu lenken, die zuvor im Wirrwarr des Wiruwaruwolz‘ versteckten Wesen in den Mittelpunkt zu rücken und als Hauptfiguren des Kurzfilme zu inszenieren. Nun flattern die Wesen durchs Unterholz, liefern sich Kämpfe, plustern sich auf und erleben Abenteuer, hinterlegt mit dem chorisch eingesprochenen Gedicht von Morgenstern.“ Kunst und Literatur hätten so „zusammen mit Fantasie und den Möglichkeiten der neuen Medien zu neuem, überraschendem Leben“ gefunden.
Ausgewählte Beispiele der entstandenen Stop-motion-Filme werden im Literaturcafé des NGO am Donnerstag, 23. Juni, von 18 bis 20 Uhr zu hören und zu sehen sein.
