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Nach Dem Zweiten Weltkrieg In Oldenburg Streitereien im Beaver- und McMaughton-Club

Oldenburg - Vor fünf Jahren ist Werner Zeuch im Alter von 87 Jahren nach einem bewegten Leben gestorben. Der Nachwelt hat er seine Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit hinterlassen. Der archivwürdige Nachlass befindet sich im Stadtmuseum, Teile seiner Lebenserinnerungen hat er schriftlich auch der NWZ hinterlassen.

Erlebnisse aufgezeichnet

„Meine Erinnerungen an den Beaver Club und McMaughton Club, Oldenburg, Heiligengeist-Straße 5“, lautet die Überschrift über seinen der NWZ vorliegenden Aufzeichnungen. Ein Auszug:

„Die Gebäude waren die früheren Hahns-Gaststätten, die von dem deutschen Ehepaar Hahn geführt wurden und dann beim Einmarsch der Britischen Truppen am 3. Mai 1945 für ihre Zwecke beschlagnahmt wurden. Das Ehepaar Hahn durfte dann sein Eigentum nicht mehr betreten. Ich selbst, als einziger Deutscher, kam nicht als Gast dorthin, sondern musste mich dort wegen meiner Tätigkeit bei der Deutschen Luftwaffe als Geheimnisträger täglich melden.

Filme gezeigt

Im Obergeschoss der Gaststätte an der Heiligengeist-Straße waren zwei Filmprojektoren in den Fenstern untergebracht. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich an dem Gebäude der ehemaligen GeStaPo (Geheime Staatspolizei) eine große Leinwand. So konnten die Passanten der Heiligengeist-Straße dort rund um die Uhr Filme sehen. Oft musste ich mich beim Betreten der Club-Tür durch Menschenmassen drängen!

Zeitzeugen gesucht

Wie haben Sie die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Währungsreform am 20. Juni 1948 erlebt? Was geschah damals und wie sah es in der Stadt aus? Wie ging das Leben weiter? Wie erlebten Sie den Kontakt und das Zusammenleben mit den zunächst fremden Soldaten? Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit, als Lebensmittel knapp, die Winter hart waren? Schreiben Sie uns – gerne auch mit Fotos an die NWZ-Stadtredaktion
Peterstraße 28-32
26121 Oldenburg
oder per Mail an red.oldenburg@nwzmedien.de

So sah es vor der Leinwand aus und dahinter hatte der GeStaPo-Chef den Zwangsarbeiter Ivan Saitschuk mit seiner Polizeipistole im GeStaPo-Gebäude erschossen. Dafür wurde er in Wolfenbüttel von einer englischen Wachmannschaft aus dem Francksen-Haus (jetzt Stadtmuseum) in Wolfenbüttel hingerichtet. Bei dieser Wachmannschaft musste ich mich auch täglich melden. Ich konnte aber nur von der Heiligengeist-Straße durch einen gepflegten Garten mit zwei großen Ulmen dorthin kommen. Sonst war das gesamte Grundstück mit englischen Stacheldrahtrollen abgeriegelt und bewacht. Mit Ausnahme der Nordspitze. (Anm. d. Red.: Die Straße Am Stadtmuseum wurde erst in den 60er Jahren gebaut. Bis dahin befand sich dort ein Garten, der zu den Villen gehörte. Auch das Stadtmuseums-Gebäude und das Janssen-Museum gab es nicht.)

Dort gab es für die englischen Mannschaften ein Stehbierraum, der von außen Tag und Nacht zugänglich war. Die Soldaten prügelten sich dort untereinander und im kalten Winter 1945/1946 wurde draußen ein offenes Feuer gemacht. Ein bewaffneter Wachposten stand dabei.

Möbel verheizt

Es wurden Möbel aus dem Francksen-Haus geholt und dort verbrannt, nach kanadischer Holzhackerart. Auf einmal hatte einer der Soldaten ein gerahmtes Frauenbildnis zum Verbrennen in der Hand. Es hing bei meinen Verhören mir gegenüber an der Wand. Es tat mir leid und ich wollte es unbedingt retten. Aber der Soldat war betrunken und wollte es mir nicht geben.

Es kam der mir bekannte Leutnant Rutherfort und riss das Bild an sich. Da zog der Soldat ein Messer. Rutherfort wollte auch sein Messer ziehen und gab mir das Bild. Ich hatte das Bild aus dem Stadtmuseum in der Hand und rechts und links blinkten die Messerspitzen. In höchster Not warf ich das Bild dann ins Feuer. Die beiden steckten ihre Messer wieder ein und fingen ein Rededuell an. Da Rutherfort Offizier war, wurde das Duell in der Offiziers-Messe, jetzt Stadtmuseum, weitergeführt. Es wurde so schnell und hitzig gesprochen, dass ich nur verstehen konnte, dass es um Irland ging.

Nach diesem Vorfall wurde dann der Stehbierraum geschlossen und später machte dann Franz Hassenbürger, Heiligengeiststraße 8, dort ein Café auf, aber nur kurze Zeit. Dann fanden in den Räumen später Flohmärkte statt.

Politische Blöcke

(...) Es waren große politische Blöcke im Beaver Club entstanden. Die Iren waren im Stadtmuseum und die Königstreuen waren in Hahns-Gaststätten. Es wurden sogenannte Geheimbünde (Fenier) gegründet. Zwischen den Gaststätten war in der Mitte der alte Gaststättengarten mit seinen Holz-Sé­pa­rées nach Norden hin. In den überdachten Nischen waren keine Liebespärchen sondern Politiker, die sich Nische für Nische vorwagten in Richtung Heiligengeist-Straße aber von der englischen „Home-Rule“ zurückgedrängt wurden. Bei diesen Tatsachen bekamen die Kanadier Angst und Bange und zogen ab nach Kanada.

Auch die Iren zogen aus den Francksen-Räumen aus und gingen in die Jagdhütte im Barneführerholz und die „Home-Rule“ Engländer nahmen die Jagdhütte in Sandhatten. Teile der „Home-Rule“ Engländer übernachteten in der Jugendherberge. Zwischen den gegensätzlichen Lagern lagen unübersichtliche Sandwege und dort waren in Wohnwagen ehemalige Soldaten aus dem ehemaligen Club in Militärwagen postiert.

Jagdhütte als Snack-Bar

Links um die Jagdhütte wurden Militärkrankenwagen gefahren. Die Wagen hatten Schiebetüren. In diesen Krankenwagen wurde auch geschlafen. In jedem Wagen waren sechs Betten vorhanden mit den Sanitäreinrichtungen. Die Jagdhütte diente als Snack-Bar und in einem großen Armeezelt neben der Jagdhütte war eine Bühne für traditionell irische Aufführungen, wie zum Beispiel irische Tänze.

All das wurde vorher auch in Hahns-Gaststätten so gemacht. Alle Einrichtungen, die auf dem Club-Briefbogen stehen, waren auch dort im ständigen Wechsel der Räumlichkeiten vorhanden. Aber es kam dort ständig zu Streitigkeiten mit den englischen Königstreuen Truppen. Dadurch war ein ständiger Umbau der Einrichtungen an der Heiligengeist-Straße erforderlich.

Auf Sofas geschlafen

Das Stadtmuseum wurde hauptsächlich für die Wachmannschaften genutzt. Zum Teil wurde auch auf den Museumssofas geschlafen. Das war romantisch und unmilitärisch. Aber über allem lag der Irische Streit, der aus der Heimat dorthin getragen wurde. Im Barneführerholz war man abgeschiedener und man fühlte sich mehr an die Heimat erinnert.

Am 20. Juni 1948 war die Währungsreform und die Besatzungstruppen gaben ihre Abschiedspartys. Ich wurde als Verbindungsbeamter mit den Anliegenden Einladungskarten zum Besuch aufgefordert. Wir umarmten uns alle ein letztes Mal. Der Stacheldraht um das Stadtmuseum wurde von städtischen Arbeitern beseitigt. Die Malermeister Oetken und Rolfen aus der Blumenstraße sorgten dann im Stadtmuseum für neuen Glanz. Horst Janssen (Anm. der Red.: ein Mitschüler von Werner Zeuch) und ich trafen uns mit unserem früheren Klassenlehrer Gustav Lienemann im Stadtmuseum. Er war Bürgermeister von Oldenburg geworden. Nun lag die Zukunft in guten Händen.

Thomas Husmann
Thomas Husmann Redaktion Oldenburg
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