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Niedrigere Mehrwertsteuer Wie Geschäfte in Oldenburg jetzt ihre Preise anpassen

Lea Bernsmann

Oldenburg - Geiz ist geil: Wer ab jetzt die nächsten sechs Monate wöchentlich für 100 Euro seinen Kühlschrank füllt, spart bis zum Jahresende ganze 18 Euro.

Das hat eine Mitarbeiterin des Schreibwarengeschäfts Onken ausgerechnet. Wer hier jetzt Füller und Blöcke kauft, zahlt tatsächlich weniger. Mit der bundesweiten Senkung der Mehrwertsteuer werden Waren günstiger. Ein Kuli kostet bei Onken nun statt 2 Euro 1,95. Weil die alten Preisschilder aber kleben bleiben, darf sich der Kunde an der Kasse dann über das Schnäppchen freuen. „Das Kassensystem zu bearbeiten, war der einfachste Weg“, sagt Abteilungsleiter David Ulpts. Ähnlich handhabt es auch der Werkstattfachhändler Willers, wo die Artikel mit Strichcode versehen sind. „Das läuft alles online“, sagt Außendienstmitarbeiter Christian Heptner. Im Modehaus Leffers „werden die Vorteile an die Kunden weitergegeben“, sagt Jörn Poppen. Zum Großteil allerdings auch „im Kassenprozess“, wie es der Marketingleiter formuliert.

Nicht alle machen mit

Ein Gang durch die Oldenburger Innenstadt zeigt, dass sich etliche Händler nicht mit Umetikettierung aufhalten, in den Schaufenstern aber mit Rabatten werben. Allerdings macht nicht jeder bei dem Preisnachlass mit. Bei der Fairtrade-Bio-Kaffeerösterei Contigo versucht man die durch die Corona-Pandemie verdoppelten Frachtkosten wieder auszugleichen. Die Bäckerei Janssen hat im April auf eine geplante Preiserhöhung verzichtet und spart sich im Gegenzug jetzt Rabatte sowie „den riesigen Aufwand“, heißt es. Auch Jan Schröder hat für seine Stadtbäckerei entschieden, gestiegene Kosten nicht an die Kunden weiterzugeben – keine Preiserhöhung, kein Nachlass. Die Buchhandlung Isensee muss sich an die Preise der Verlage halten. „Das sind Vorgaben“, sagt Florian Isensee mit Verweis auf die Buchpreisbindung.

Was bedeutet Mehrwertsteuersenkung?

Die Mehrwertsteuer wird vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 2020 gesenkt. Der Steuersatz sinkt dabei von 19 auf 16 Prozent, der ermäßigte Steuersatz von 7 auf 5 Prozent. Letzterer gilt für z.B. Lebensmittel.

Mit der vorübergehenden Senkung will die Bundesregierung den Konsum ankurbeln und der Wirtschaft Schub geben.

Händler und Dienstleister sollen die niedrigere Mehrwertsteuer grundsätzlich an Verbraucher weitergeben. Allerdings ist das nicht verpflichtend.

Statt Preise neu zu etikettieren, können Händler und Dienstleister auch pauschale Rabatte an der Kasse gewähren – wie beim Schlussverkauf.

Bei bestellter Ware ist entscheidend, wann diese eintrifft: Zwischen dem 1. Juli und 31. Dezember 2020 sind die neuen Umsatzsteuersätze anzuwenden. Allerdings folgt hieraus nicht zwangsläufig, dass ein geringerer Preis bezahlt werden muss – ausschlaggebend sind Vertrag und Vereinbarung. Auf Handwerkerleistungen sind grundsätzlich die neuen Umsatzsteuersätze anzuwenden.

Richtig sparen können Verbraucher meistens dann, wenn auch größere Anschaffungen wie ein Auto, eine Küche, Möbel oder größere Aufträge wie Renovierungsarbeiten etc. anstehen. Für Alltagseinkäufe sind die Sparpotenziale hingegen viel kleiner.

Verträge für Miete und Versicherung sind in aller Regel nicht mehrwertsteuerpflichtig und damit von der aktuellen Änderung nicht betroffen.

Eine ganz andere Lösung parat hat das Spielwarengeschäft Scharmann’s. „Statt 250 000 Artikel umzuetikettieren oder alles manuell nachzukalkulieren, spenden wir“, sagt Inhaber Tobias Georg – „wir sacken nichts ein.“ Kunden dürfen per Zettel abstimmen, an wen das Geld gehen soll. Rund 3500 Euro sind für die gute Tat vorgesehen. Der Oldenburger Weltladen hat sich nach Entscheidung seines Dachverbandes dazu entschieden, die Preissenkung an die Produzenten in Entwicklungsländern weiterzugeben. In Inge Meyers kleinem Käseladen „De Goey Kaas“ werden Kunden weiterhin den gleichen Preis für Brotaufschnitt bezahlen müssen. 3 Cent Nachlass habe bislang auch keiner eingefordert.

Rabatt einkalkuliert haben hingegen Kunden von Christine Wandscher. „Jeder fragt nach“, sagt die Geschäftsführerin des Autohauses. Neu ausgezeichnet sind die Wagen nicht, aber wer 60 000 Euro für ein Fahrzeug ausgibt, weiß, dass sich 3 Prozent rechnen. Die Verbrauchermärkte Combi und Famila geben bereits seit letzter Woche beim Kassieren Rabatte. Aktiv&Irma wirbt mit „ganzen 3 Prozent“ Preisnachlass. Auch hier wird auf Umetikettierung verzichtet. Ausgenommen von der Preissenkung sind in Supermärkten Produkte wie Bücher, Zeitschriften oder Tabakwaren, die einer Preisbindung unterliegen. Außerordentliche Sonderangebote werden nicht noch billiger.

Kritische Stimmen

Ob der erhoffte Kaufanreiz wirklich einen Konsumrausch auslöst, bezweifeln etliche Händler. Mehrarbeit bedeutet der Beschluss der Bundesregierung in einer ohnehin schwierigen Zeit für alle Händler und Dienstleister. Selbst, wenn sich die Steuersenkung nicht auf Verkaufspreise auswirkt, müssen die Abrechnungsprogramme umgestellt werden.

Während die Baumarktkette Hornbach noch mit einem über drei Wochen rückwirkenden Preisnachlass in Form einer Gutschrift wirbt, sieht Spielwarengeschäftsinhaber Tobias Georg die Flaute nicht mit der Mehrwertsteuersenkung gelöst. „Gedacht ist das Ganze für die Autoindustrie. Allen anderen bringt es nichts. Die große Pleitewelle kommt noch – im Februar, wenn sich das ausbleibende Weihnachtsgeschäft bemerkbar macht. Da wird es viele Insolvenzen geben“, prognostiziert er. Wie geil Geiz ist, wird sich zeigen. Abgerechnet wird ja immer erst am Schluss.

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